90 Soldaten leisten Dienst im Spital

ÜBUNG ⋅ In der Pflege, in der Gärtnerei, in der Küche: Derzeit proben Armeeangehörige im Luzerner Kantonsspital den Ernstfall – zur Freude der Patienten.

28. September 2016, 05:00

Yasmin Kunz

Auf den ersten Blick sieht alles normal aus: Kaspar Kappeler misst als Pflegefachmann seinem 94-jährigen Patienten Franz Räber den Blutdruck. Doch der weisse Kittel trügt. Denn der Berner Kaspar Kappeler ist gar nicht Pflegefachmann, sondern Architekt an der ETH. Diese Woche aber absolviert er mit 89 anderen Soldaten einen Teil des Wiederholungskurses (WK) des Militärs am Luzerner Kantonsspital.

Soldat Kappeler (30) merkt man nicht an, dass er sonst Häuser entwirft. Gekonnt erklärt er seinem Patienten, was die soeben gemessenen Blutdruckwerte bedeuten. «Das ist nicht so schwierig», meint Kappeler bescheiden. «Wir erledigen hier die eher einfachen Aufgaben.» In der Woche vor dem Spitaleinsatz habe man die medizinischen Kenntnisse, die man sich während der Rekrutenschule und in früheren Wiederholungskursen angeeignet hatte, nochmals aufgefrischt, fügt Major Tobias Frey, Kommandant des Spitalbataillons 5, an. «Die Soldaten haben im Militär eine solide Ausbildung gemacht und können sehr viele Tätigkeiten selber ausführen», weiss Frey. Kappeler gefällt die Arbeit auf dem zwölften Stock im Luzerner Kantonsspital: «Die Übungen vom Militär kennen wir schon fast auswendig. Das hier entspricht der Realität, was ich sehr schätze.»

Mit diesem einwöchigen Einsatz der Soldaten probe man den Ernstfall, erklärt Frey. «Bei einer Ausnahmesituation würden diese Soldaten in die Spitäler geschickt, um dort auszuhelfen.»

«Weniger hektisch als im Restaurant»

Rund 80 Prozent der eingesetzten Soldaten des Spitalbataillons 5 sind derzeit im Pflegebereich tätig. Der verbleibende Teil arbeitet in anderen Abteilungen wie etwa der Gärtnerei oder der Küche. So auch der 23-jährige Yannik Brägger: Der St. Galler ist mit Leib und Seele Koch, wie er selber sagt. Wenn er nicht im Militär kocht, steht er in einem Ostschweizer Hotel in der Küche. Brägger benennt klare Unterschiede: «Die Spitalküche ist um ein Vielfaches grösser als die Küche im Restaurant», sagt er und kommt immer noch ins Staunen. Die Arbeit im Grossbetrieb sei für ihn etwas weniger hektisch. «Im Restaurant haben wir verglichen mit dem Spital viel mehr Menüs und Einzelwünsche.» Im Spital gebe es pro Tag vier Menüs, «das macht das Kochen hier etwas eintöniger», so Brägger. Dennoch gefällt es dem jungen Mann in der grossen Küche. Zur Veranschaulichung der Dimension: In der Spitalküche bereiten 100 Angestellte täglich über 4500 Mahlzeiten zu.

Deutlich weniger Mitarbeiter zählt die Neugeborenen-Abteilung der Neuen Frauenklinik, die gleich neben dem Hauptgebäude liegt. Hier arbeitet derzeit Gioia Diggelmann (28). Als wir die Gefreite des Rotkreuzdienstes treffen, ist sie erst drei Stunden im Einsatz, schwärmt aber bereits: «Die Neugeborenen sind so süss. Es bereitet mir richtig Freude, eine Woche mal etwas anderes zu machen.»

Die Zürcherin war sieben Jahre in der Langzeitpflege tätig und arbeitet seit zwei Jahren bei der Spitex. Neugeborene sieht sie dort nicht. «Das hier ist für mich Neuland», sagt Diggelmann. Darum braucht sie auch noch Betreuung. Abteilungsleiterin Regula Furger erklärt ihr zum Beispiel, wie frisch geborene Kinder vom Bett aufgehoben werden sollten. Diggelmann übt den Ablauf mit einer Puppe. «Hemmungen habe ich schon noch», gesteht die 28-Jährige, die ihre Ausbildung beim Schweizerischen Roten Kreuz unter Leitung der Armee gemacht hat. «Die Babys sind so klein und wirken so zerbrechlich.» Gerne würde Gioia Diggelmann beim nächsten WK erneut eine Woche im Spital arbeiten. «Mich reizen mehrere Fachgebiete – so zum Beispiel auch die Chirurgie.»

Alle profitieren vom Einsatz

Michael Döring, Departementsleiter Pflege und Soziales am Luzerner Kantonsspital, hat den Einsatz zusammen mit dem Militär geplant und koordiniert. «Der Aufwand war gross, da ein solcher Einsatz für uns ein Novum war.» Die Arbeit habe sich jedoch gelohnt: «Es läuft alles sehr gut. Mehrere Abteilungen haben mir schon positive Rückmeldungen gegeben», so Döring. Dass Soldaten im Spital eingesetzt werden, ist für beide Seiten wie auch für die Patienten ein Gewinn – darin sind sich Döring und Frey einig. «Die Soldaten sind eine Entlastung für das jeweilige Team. Zudem können sie sich mehr Zeit nehmen für die Patienten, was diese wieder sehr freut», so Döring. Das Militär wiederum profitiere, weil im Spital nichts gestellt ist. Kommandant Tobias Frey: «Unsere Leute arbeiten hier mit Patienten, die wirklich auf Hilfe angewiesen sind.»

Für Döring wie Frey steht fest: «Wir würden eine solche Woche erneut durchführen.»


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