«Andere Leute haben sicher grössere Heldentaten vollbracht»

LEBENSRETTER ⋅ Rolf Fähndrich (38) hat eine Kollegin vor einem Messerangriff gerettet und ist darum für den Prix Courage nominiert. Er erklärt, was er mit dem Preisgeld machen würde.

01. Oktober 2016, 05:00

Rolf Fähndrich begrüsst uns in seiner geräumigen Wohnung am Santenberg in Egolzwil. Durch das Wohnzimmer treten wir auf den Balkon, von dem aus man eine wunderschöne Aussicht auf das Wauwilermoos hat. In der Wohnung hat er sich sein Büro eingerichtet, er arbeitet derzeit von zu Hause aus. Erst vor zwei Monaten hat sich der Versicherungsberater selbstständig gemacht. Das Leben des 38-Jährigen steht momentan kopf. Das liegt aber nicht nur an seiner neuen beruflichen Situation, sondern auch – oder vor allem – an den dramatischen Ereignissen, die sich Ende August in Buchrain abspielten.

Beim Besuch einer Outdoor-Party wird Fähndrichs Kollegin hinterrücks von einem Mann gepackt und ins Gebüsch gezogen. Geistesgegenwärtig stürzt sich Fähndrich auf den Angreifer und schlägt ihm gegen den Kopf. Dieser lässt von der Frau ab und sticht dem Egolzwiler ein Messer knapp neben der Schlagader in den Hals. Beinahe hätte er seinen Mut mit dem Leben bezahlt. Erst vier Tage und eine Notoperation später kann er das Spital wieder verlassen. Eine Woche darauf hat sich der Täter der Polizei gestellt. Seither ist Fähnd­rich eine lokale Berühmtheit. Und vor einer Woche wurde bekannt, dass er für den Prix Courage der Zeitschrift «Beobachter» nominiert ist (Ausgabe vom 20. September). Seine Cousine hat ihn vorgeschlagen.

«Aber auch das geht vorbei»

Der Medienrummel und das Interesse an seiner Person sind also sehr gross – und das, während er sich gerade von einer schweren Verletzung erholt. «Ich komme tatsächlich fast nicht mehr zur Ruhe momentan. Aber auch das geht vorbei.»

Auf Social Media haben der Vorfall an der Party und seine Nominierung ein grosses Echo ausgelöst. Auf Facebook schrieben viele Leute wohlwollende Kommentare und Genesungswünsche, und auch aus seinem privaten Umfeld erhält Fähndrich viele Reaktionen. Freunde und Kollegen loben ihn für sein schnelles Eingreifen und seinen Mut. Auch das Wort «Held» werde in den Mund genommen. Aber er meint: «Andere Leute haben sicher grössere Heldentaten vollbracht als ich. Ich habe ja im Reflex gehandelt.» Er würde eher mit sich selbst hadern, wenn er nichts getan hätte und seiner Kollegin deshalb etwas zugestossen wäre. In der 1300-Seelen-Gemeinde Egolzwil ist Fähndrich nicht – wie man vielleicht erwarten könnte – zu einem Prominenten avanciert. Er wohnt erst seit kurzem hier und kennt noch fast niemanden. Vorher lebte er in Emmenbrücke. Aber: «Der Kioskverkäufer im Dorf, bei dem ich immer Zigaretten kaufe, der kennt mich», erzählt er und lacht. Verändert habe ihn das einschneidende Erlebnis nicht, er sei immer noch derselbe Rolf wie vorher. Er würde wieder so handeln.

Die Folgen des starken Blutverlusts spürt Fähndrich aber bis heute: «Ich habe ja ein bis zwei Liter Blut verloren. Das dauert, bis man regeneriert ist.» Er gerate auch bei eigentlich wenig anstrengenden Tätigkeiten schnell ausser Atem, und an Sport sei im Moment nicht zu denken. Wann er wieder vollständig genesen ist, kann er nicht sagen. Zwei bis drei Monate werde es aber sicher dauern. Für den Täter hat der 38-Jährige überhaupt kein Verständnis. Wenn jemand mit einem Messer an eine Party gehe, rechne er ja praktisch damit, jemanden zu verletzen. Und er fügt an: «Wer am Hals zusticht, nimmt den Tod seines Opfers in Kauf.» Er hoffe, dass der Messerstecher seine gerechte Strafe bekomme. Hier läuft die Strafuntersuchung noch.

Auf die Frage, welchem der acht anderen Kandidaten er persönlich den Sieg am meisten gönnen würde, fallen Fähndrich spontan zwei Namen ein: René Gloor, der bei einem Beziehungsdrama eingegriffen und eine Frau vor ihrem Ehemann gerettet hat. Sie wurde mit 35 Messerstichen ins Spital eingeliefert – und hat überlebt. Und Barbara Imboden, dank deren Herzmassage ein Kleinkind gerettet werden konnte. Beide hätten Grossartiges geleistet. Und falls er gewinnen würde, was würde er mit den 15 000 Franken Preisgeld machen? Rolf Fähndrich lacht und sagt: «Das Geld könnte ich als Zustupf gut gebrauchen wegen meines Lohnausfalls. Ich würde einige Rechnungen bezahlen und dann für zwei Wochen in die Ferien verschwinden.»

Hinweis

Der Prix Courage wird zur Hälfte aufgrund eines Leservotings vergeben. Wer für Rolf Fähndrich abstimmen will, kann das per Telefon oder SMS tun: 0901 595 581 (70 Rp./Anruf), SMS mit PRIX 1 an 970 (70 Rp./SMS). Das Voting läuft noch bis zum 23. Oktober.

Noah Knüsel


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