Armut betrifft wieder mehr Luzerner

STATISTIK ⋅ Jeder 13. Einwohner ist arm – Tendenz steigend. Mit Blick in die Zukunft scheint eine bestimmte Bevölkerungsgruppe besonders gefährdet zu sein.
Aktualisiert: 
23.10.2017, 19:00
23. Oktober 2017, 10:34

Lukas Nussbaumer

lukas.nussbaumer@luzernerzeitung.ch


Wie gut geht es den Luzernerinnen und Luzernern aus finanzieller Sicht? Diese Frage will Lustat Statistik Luzern beantworten – mit seit 2009 erhobenen Untersuchungen, die fortgeführt werden sollen. Am Montag präsentierte Lustat-Direktor Norbert Riesen die aktuellsten Zahlen, Regierungspräsident Guido Graf als politisch verantwortlicher Gesundheits- und Sozialdirektor wertete sie. Das sind die wichtigsten Ergebnisse:
  • Die Armutsquote vor der Auszahlung von Sozialleistungen wie wirtschaftlicher Sozialhilfe oder Prämienverbilligungen betrug 2014 7,5 Prozent. Das entspricht in etwa dem Wert von 2010 (siehe Grafik). Das heisst: Knapp 30 000 Luzerner verfügen nicht über die finanziellen Mittel, «um ein menschenwürdiges und gesellschaftlich integriertes Leben zu führen», wie die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) Armut definiert. Am höchsten sind die Armutsquoten in Stadt (12,8 Prozent) und Agglomeration Luzern. Die beiden grössten Risikogruppen bilden Alleinerziehende (25 Prozent) und Alleinlebende (16 Prozent). 
 
  • Die Armutsquote nach dem Erhalt von Sozialleistungen belief sich 2014 auf 3,6 Prozent. Das heisst: Mit der Ausrichtung von Sozialleistungen kann die Quote um mehr als die Hälfte reduziert werden. Die mit Abstand wichtigste der fünf Sozialleistungen ist die wirtschaftliche Sozialhilfe: Sie hilft zu 52 Prozent über die Armutsgrenze hinweg. Dann folgen Ergänzungsleistungen zu AHV/IV (37 Prozent), Prämienverbilligungen (10 Prozent) sowie Ausbildungsbeiträge und Alimentenbevorschussungen (je 1 Prozent). Eine besonders hohe Wirkung entfalten Sozialleistungen bei den Alleinerziehenden, was Lustat-Direktor Norbert Riesen zum Schluss führt: «Bei dieser Gruppe wird das Armutsrisiko mit staatlichen Mitteln deutlich verringert.»
 
  • Das mittlere Haushaltseinkommen betrug 2013 – neuere Zahlen gibt es nicht – 92 400 Franken. Das ist rund 10 Prozent mehr als 2009. Mittleres Einkommen bedeutet: Die eine Hälfte der Haushalte hatte ein kleineres Einkommen, die andere Hälfte ein grösseres. Das höchste Einkommen stellen die Statistiker mit 120 000 Franken in der Altersgruppe der 45- bis 54 -Jährigen fest.
 
  • Die Luzerner Haushalte verfügten 2013 im Mittel über ein Vermögen von 81 000 Franken. Die Einlagen in den Pensionskassen sind in diesem Wert nicht berücksichtigt. Die Vermögensverhältnisse unterscheiden sich je nach Altersgruppe stark und sind ungleicher verteilt als die Einkommen. Am meisten Vermögen besitzen Paare im Rentenalter, nämlich durchschnittlich 340 400 Franken. 20 Prozent der Steuerpflichtigen deklarieren kein Vermögen, 5,4 Prozent eines von über 1 Million Franken.
 

Migranten bereiten Guido Graf Sorgen 

Für Regierungspräsident Guido Graf zeigen die Zahlenreihen der letzten Jahre «im Grunde genommen Erfreuliches». Dennoch bestehe weiterhin Handlungsbedarf. Und dieser könnte sogar noch steigen: So ist nämlich offen, wie sich die Rückforderungen des Kantons auf bereits ausbezahlte Prämienverbilligungen auf die Armutsquote von diesem Jahr auswirken wird. Betroffen sind rund 8000 Personen. Guido Graf kündigte am Montag eine Analyse an. Das Ergebnis will er Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres kommunizieren.

Sorgen bereitet dem CVP-Gesundheits- und Sozialdirektor aber auch die Situation bei den Migranten. Zwar könnten im Kanton Luzern 30 bis 35 Prozent von ihnen in den Arbeitsprozess integriert werden. Das sei zwar vergleichsweise gut, weil die Erwerbsquote von Flüchtlingen landesweit bei 24 bis 29 Prozent läge. Aber es reiche nicht, so Graf: «Es ist verrückt, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. Wir nutzen ihr Potenzial viel zu wenig.» Es sei alles zu unternehmen, um diese Situation zu verbessern. Der Kanton Luzern werde denn auch weiterhin viel in Integrationsmassnahmen investieren. Das lohne sich langfristig. Besonders hob Graf die Förderprogramme des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) hervor, die dieses im Auftrag des Kantons durchführt. Gegenwärtig durchlaufen rund 700 Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene ein SAH-Programm. Ziel: die Migranten so weit bringen, dass sie eine Stelle antreten können.

Neues Programm für ältere arbeitslose Führungskräfte

Als genauso wichtig erachtet Graf die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Auch hier sind die Luzerner Werte besser als im gesamtschweizerischen Durchschnitt: In Luzern beträgt die Arbeitslosenquote aktuell 1,7 Prozent, landesweit liegt sie mit 3 Prozent fast doppelt so hoch. Zurückzuführen sei der tiefe Luzerner Wert unter anderem auf ein vor über zehn Jahren lanciertes Pionierprojekt: die Beratungsstelle Jugend und Beruf, die inzwischen jährlich rund 1000 Jugendliche in Schnupperlehren, Praktika und Lehrstellen vermittle. Auch bei älteren Arbeitslosen will Graf den Hebel ansetzen – mit einem Mentoringprogramm für über 45 Jahre alte Fach- und Führungskräfte, das derzeit von der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit geplant wird. Bereits umgesetzt sind zwei weitere Massnahmen für über 50-Jährige: Einzelcoachings durch Fachleute aus der Privatwirtschaft und Einarbeitungszuschüsse für Firmen, die über 50-Jährige einstellen.

Damit der Kanton Luzern sein Ziel, langfristig die Sozialkosten zu senken, erreichen könne, braucht es laut Graf auch gute Rahmenbedingungen. So dürfe die Fremdbetreuung von Kindern nicht mehr kosten, als was in der gleichen Zeit verdient werden könne. Es sei deshalb «sehr positiv, dass verschiedene Gemeinden die Fremdbetreuungskosten mit Gutscheinen vergünstigen». Darunter befinden sich beispielsweise Luzern, Ebikon oder Sursee. In die Pflicht nehmen will Graf ausserdem die Firmen. Sie müssten familienfreundliche Arbeitsbedingungen schaffen. Aktuell werden zwölf Luzerner Unternehmen auf die Familienfreundlichkeit ihrer Arbeitsbedingungen gecheckt.


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