«Bei mir zu Hause ist alles überstellt»

LANGNAU ⋅ Heinrich Häfliger (76) sammelte als Kind fleissig Briefmarken. Aus seinem Hobby erwachte die Leidenschaft – daraus entstand das Dorfmuseum Langnau-Mehlsecken.

10. Oktober 2016, 07:13

Heinrich Häfliger, Sie sammeln fast Ihr Leben lang Gegenstände und haben 2005 das Dorfmuseum eröffnet. Haben Sie noch nicht gefunden, wonach Sie suchen?

Doch. Schon einige Male.

Was begehrten Sie so sehr?

Das Relief «Der Sämann», das an der Kanzel der Marien-Kapelle in Langnau hing, suchte ich viele Jahre. Als die Kapelle 1975 abgerissen wurde, sind alle Gegenstände aus der Kapelle, wie das Relief oder auch zwei Barock­engel, verkauft worden. Oder sie waren verschwunden.

Aber Sie besitzen die Engel und das Relief. Haben Sie diese nicht 1975 erworben?

Am Tag, als der Verkauf stattfand, hatte ich bis spätnachmittags eine Sitzung. Bei meinem Eintreffen waren die Engel noch da, obwohl eine Frau aus Zofingen an ihnen interessiert war. Aber der Kirchenratspräsident sagte, dass ich die Engel reserviert hätte. Was gar nicht stimmte.

Und der Sämann?

Der wurde damals nicht zum Kauf angeboten.

Woher haben Sie ihn denn?

Erst 2012, fast 40 Jahre nach dem Abbruch der Kapelle, durchforsteten wir in der Sakristei in Langnau den Estrich und stiessen auf den Sämann. Stellen Sie sich vor.

Also direkt vor Ihrer Nase?

Unglaublich, nicht? Heute ist es als Leihgabe der katholischen Kirchgemeinde im Dorfmuseum.

Sie sammelten als Kind nur Briefmarken?

Richtig (er nimmt ein Briefmarkenalbum aus einer Schublade). Meine Mutter hat es aufbewahrt und mir Jahre nach meiner Lehrzeit wieder gegeben. Ich wusste nicht, dass es noch existierte.

Danach wurden Sie süchtig?

Das ist wohl richtig. Ich hatte riesig Freude und sammelte fortan alles aus Langnau. Zu den Marken kamen Ansichtskarten, alte Dorf- und Wasserleitungspläne, Schulbücher, Fotos, Vereinsutensilien, die Maschine des Schuhmachers Hodel sowie viele Bilder. Und auch eine grosse Meyer-Ludi-Münzsammlung.

Was haben die Münzen mit Langnau gemeinsam?

Die sind von einem Unternehmer. Der liess eigene Münzen prägen. Mit diesem Geld bezahlte er um die Jahrhundertwende seinen Angestellten den Lohn. Dem Mann gehörte in Reiden das grösste Versandhaus der Schweiz mit einer Möbelwerkstatt und eigentlich auch sonst ziemlich alles. Ausser der Metzgerei. So mussten seine Angestellten einen Teil des Meyer-Ludi-Geldes wieder bei ihm umtauschen, weil sie ja praktisch nur diese Münzen besassen. Wenn jemand Fleisch kaufen wollte, musste er Meyer um richtiges Geld bitten.

Interessanter Zeitgenosse. Zurück zur Sammlung. Die war bestimmt nicht billig?

Ja, ich habe einiges investiert. Das Geld ist wohl gut angelegt, denn das Museum wird geschätzt, was mich freut. Ich bin stolz, das ist mir viel wert.

War das Museum Ihr Traum?

Ja, schon als Gemeindeammann. Im alten Schulhaus in Mehlsecken war ich mit meinem Vermessungsbüro eingemietet. Ich machte an einer Gemeinderatssitzung den Vorschlag, im Untergeschoss Ausstellungen zu machen. Die Gemeinderatskollegen waren begeistert, und der Gemeindeschreiber schlug sogar vor, mir den Raum gratis zur Verfügung zu stellen, wenn ich ein Dorfmuseum darin eröffne.

Als Richenthal, Langnau, Mehlsecken und Reiden fusionierten, glaubte man, Sie hätten der Gemeinde das Museum geschenkt.

Ja, bei der Einweihung des Museums hielt der Gemeindepräsident eine Rede und erwähnte, ich hätte das Museum der Gemeinde geschenkt. Dabei hatten wir kurz vorher einen Verein gegründet, der nun im Besitz des Museums ist. Ein Vereinsmitglied hat dies nach der Ansprache des Gemeindepräsidenten vor den versammelten Leuten berichtigt. Es ist mein Anliegen, dass dieses Volks-Kulturgut unserer drei Gemeinden der Nachwelt erhalten bleibt.

Die Gegenstände gehören also nicht mehr Ihnen?

So ist es, ich darf mich aber als Konservator darum kümmern. Bei mir zu Hause ist jedoch auch alles überstellt. Meine Frau Annemarie wäre froh, wenn ich das eine oder andere Stück weitergeben würde. Einige Hummelfiguren gab ich tatsächlich weg. Ausgerechnet von diesen wollte sich meine Frau nicht trennen.

Wo sind sie jetzt?

Natürlich in unserer Wohnung.

Haben Sie auch richtig wertvolle Gegenstände?

Wenn ich Ihnen erzähle, wie viel ich für eine bestimmte Postkarte bezahlt habe, würden Sie es nicht glauben. Ich möchte den Kaufpreis hier nicht erwähnen. Aber die Summe war es mir wert.

Wie kommen Sie an solche rare Exemplare?

An der Antiquitätenmesse in Zürich bot mir ein Händler eine seltene Ansichtskarte von Mehlsecken an. Ich bot 200 Franken. So billig kam ich leider nicht dazu.

Sehr teuer war sie aber nicht?

Für eine Karte schon. Aber das wertvollste Stück ist ein Ölbild der Marien-Kapelle des Zofingers Othmar Döbeli. Ich entdeckte dieses in der Wohnung eines Geschäftsmanns in Aarburg. Natürlich wollte ich ihm das Bild abkaufen – ohne Chance.

Und auch das haben Sie gekriegt!

Der Besitzer hat noch während meines Besuchs einen Zettel hinter dem Rahmen befestigt. Darauf stand, dass bei seinem Ableben das Bild Hch. Hä. gehöre.

Eine schöne Geste.

Das Bild kam erst über Umwege zu mir. Seine Frau verkaufte es. Ich recherchierte und fand die neuen Besitzer. Denen kaufte ich es mit dem Geld der Vereinskasse ab. Der Kassier sagte, dass wir fast pleite seien, dass dies aber egal sei, denn Geld auf der Bank nütze niemandem etwas.

Teilt Ihre Familie Ihre Leidenschaft, oder mussten sie sich damit arrangieren?

Meine Frau sammelt selber nicht, aber sie unterstützte mich bei meinen Handlungen. Ich bin seit jeher stark engagiert. Während 40 Jahren war ich in der Dorfmusik Langnau, und zwischen 1977 und 1996 war ich Gemeindeammann von Langnau. So oft war ich nicht zu Hause.

Wer besucht das Museum?

Leute aus der Gemeinde und aus der Umgebung, die früher hier wohnten. Das Museum ist ein Fundus von Kulturgut und Erinnerungsstücken. Manch einer hat darin Bilder seiner Vorfahren gefunden und vielleicht seinen Urgrossvater zum ersten Mal gesehen. Auch Journalisten kommen immer wieder vorbei und stöbern im Archiv der «Luzerner Nachrichten» der Jahre 1914 bis 1990.

Würden Sie Ihre Sammlung verkaufen?

Die Sammlung gehört dem Museum. Im Radio kam einmal eine Sendung, dass sich Leute im fortgeschrittenen Alter von materiellen Dingen lösen sollten. Aber ich bin Sammler und bleibe es. Ich habe meine Probleme mit dem Weitergeben.

Dafür schenkten Sie Langnau einen Millenniumstein.

Ich bin mit Leib und Seele Langnauer. Der 5 Tonnen schwere Millenniumstein mit der Friedenstaube, dem Gemeindewappen und das Kantonswappen mit der Jahrzahl 2000, soll den Frieden in unserer Gemeinde und auf der Welt symbolisieren. Und die Selbstständigkeit Langnaus.

www. Die bisher erschienenen Beiträge dieser Serie finden Sie unter: luzernerzeitung.ch/serien

Roger Rüegger


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