«Beim Trauern gibt es kein Patentrezept»

ALLERHEILIGEN ⋅ Unsere Gesellschaft verdrängt das Sterben. Umso härter kann einen der Tod naher Angehöriger treffen. Zwei Luzerner Trauerbegleiterinnen bieten Hilfe.
31. Oktober 2016, 05:00

Der Tod. Er betrifft uns alle – und begegnet uns heute doch so selten. Sterben hat in unserem Alltag kaum Platz, es sei denn in abstrahierter, distanzierter Form: «30 Tote bei Anschlag in Kabul», lesen wir und lassen uns davon emotional kaum bewegen.

Das war nicht immer so. Der Totentanz-Zyklus von Caspar Meglinger auf der Luzerner Spreuerbrücke etwa illustriert eindrücklich, wie unseren Vorfahren die eigene Endlichkeit täglich vor ­Augen geführt wurde. Im 17. Jahrhundert quasi an bester Verkehrslage aufgehängt, warnt der Zyklus ganz plakativ, dass das eigene Leben jederzeit vorbei sein kann – und empfiehlt implizit, die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen. Carpe diem.

Der Tod kann heftige Reaktionen auslösen

Die weitgehende Abwesenheit des Themas hat fraglos auch damit zu tun, dass vielen heute ein langes Leben beschieden ist. Allerdings führt dieser Umstand mitunter zu umso heftigeren Reaktionen – dann, wenn der Tod plötzlich doch unmittelbare Realität wird, wenn nahe Angehörige sterben: Mutter, Vater, Lebenspartner. Weil uns der Tod so fremd geworden ist, fällt auch der Umgang mit der Trauer schwer. Haben wir also eine wichtige Fähigkeit verloren, mit existenziellen persönlichen Krisen umzugehen?

Antoinette Brem (54) und Barbara Lehner (49) haben Antworten auf solche Fragen. Die zwei Theologinnen mit Zusatzausbildungen bieten in Luzern als Lebensgrund GmbH «Begleitung in Übergängen» an. Einen spirituellen Hebammendienst nennen sie ihre Dienstleistung. Trauerbegleitung und Trauerseminare gehören zu den Kernaufgaben der beiden.

Genügend Schlaf und Bewegung, gute Ernährung

«Ja», sagt Barbara Lehner, «oftmals ist es uns nicht mehr bewusst, dass Trauer eine natürliche Reaktion auf Verluste ist.» Trauer brauche Zeit, Raum, Gemeinschaft. «Da der Körper mittrauert, gilt es, genügend zu schlafen, sich zu bewegen und sich richtig zu ernähren.» Das gelte im Übrigen auch während der Betreuung von chronisch kranken und sterbenden Angehörigen, sagt Lehner. Sie erinnert sich an die Phase, als ihre eigene Mutter schwer krank war und dann starb: «Ich habe damals gemerkt, dass ich regelmässig Distanz und Bewegung brauche, und habe darum oft bei ausgedehnten Spaziergängen in der Natur Herz und Kopf ausgelüftet.»

Manche Trauernden erlaubten sich Zeiten der Trauer, trügen Sorge zu sich, würden vom Umfeld unterstützt und kämen ganz gut zurecht. Andere glaubten, das Thema nach kurzer Zeit abhaken zu können, was häufig ein Trugschluss sei. Wer die Trauer verdrängt, wird oftmals bei einem späteren Verlust von ihr eingeholt. Dennoch betont Barbara Lehner: «Beim Trauern gibt es kein Patentrezept. Jeder Mensch trauert auf seine Art und Weise.» Zudem trauern Frauen und Männer oftmals unterschiedlich, was trauernde Paare herausfordern könne. «Die einen brauchen das Reden, andere etwas Konkretes zum Tun, um mit der Trauer umzugehen.»

Manchmal fällt das Trauern besonders schwer und führt zu Krisen. «Besonders Mehrfachverluste sind heftig», weiss Antoinette Brem. Wenn in kurzer Folge mehrere nahe Bezugspersonen sterben, könne das die Hinterbliebenen überfordern. Suizide, der Tod eines Kindes, der frühe Verlust eines Elternteils oder der plötzliche Unfalltod können zu traumatisierter Trauer führen. «Stellen Sie sich vor, Sie verantworten als Autofahrer einen Unfall, und die Person auf dem Beifahrersitz stirbt», illustriert Brem jene Art von Trauer, die zusätzlich noch mit Schuldgefühlen belastet sein kann.

Als Trauerbegleiterinnen leisten Barbara Lehner und Antoinette Brem Unterstützung im Trauerprozess. Mit welchem Anspruch und welchem Resultat? «Raum für die Trauer zu haben und konkrete Schritte der Bewältigung zu gehen, ermöglicht Trost, Klarheit und Lebensmut», betonen die beiden. «Viele gehen gestärkt aus dieser Auseinandersetzung heraus», versichert Barbara Lehner. «Im Idealfall führt sie zu Dankbarkeit für das geschenkte Leben und zur Erkenntnis, dieses Leben nicht aufzuschieben, sondern hier und heute die richtigen Schwerpunkte zu setzen.» So könne der Tod anderer gleichsam zu einem Coach für die Überlebenden werden.

Manchmal gehe es auch darum, tabuisierten Gefühlen Raum zu geben, ergänzt Antoinette Brem, etwa dem irritierenden Gefühl von Erleichterung, wenn ein Angehöriger nach langer Krankheit sterbe. Nicht zuletzt verstehen die beiden Theologinnen Trauerbegleitung als Persönlichkeitsentwicklung, die auch Schutz biete vor Burn-out und Depression.

Kommen wir zum Stichwort Allerheiligen und Allerseelen. Was halten die beiden Fachfrauen von dieser institutionalisierten kirchlichen Aufforderung, sich mit dem Tod und den Verstorbenen auseinanderzusetzen? Das sei eine sehr wertvolle Tradition, sind beide Trauerbegleiterinnen überzeugt. «Es ist eine Gelegenheit, sich zumindest einmal im Jahr mit dem Thema zu beschäftigen», erklärt Barbara Lehner.

Es habe eine sinnliche Qualität, gemeinsam auf die Gräber der Angehörigen zu gehen und so eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten herzustellen. Vielen Trauernden sei es im Übrigen wichtig, einen konkreten physischen Ort zu haben, eben zum Beispiel eine Grabstätte, um von Verstorbenen Abschied zu nehmen und sich ihrer zu erinnern, ergänzt Antoinette Brem.

In den Seminaren wird auch oft gelacht

Die beiden Luzerner Trauerbegleiterinnen beschäftigen sich im Rahmen ihres Berufs sehr oft mit dem Tod und der Vergänglichkeit. Ist dies für die zwei auf Dauer nicht auch belastend? «Natürlich braucht es auch den Ausgleich», sagt Barbara Lehner, «aber diese Arbeit führt mich zu den wesentlichen Fragen des Lebens. Ich empfinde das als grosse Bereicherung.»

Es sei kraftvoll zu sehen, wie Menschen aus einer Krise finden, eigene Lebensquellen erschliessen und neue Wege gehen. «Trauernde zu begleiten, ist nicht nur schwer», erklärt Antoinette Brem. Da es ums ganze Leben gehe, werde in den Trauerseminaren auch oft gelacht. Und so sagt sie zum Schluss: «Denn die Zwillingsschwester der Trauer ist die Freude.»

Christian Peter Meier

Veranstaltungen in Luzern

Zum Thema finden in diesen Tagen verschiedene Anlässe statt. Zum Beispiel: 

2. November, 18 Uhr, Kapelle Bruchmatt, Bruchmattstrasse 9, Luzern: «Über den grossen Fluss», Feier zu Allerseelen besonders für Familien mit Kindern.

7. November, 19.30 Uhr, Lukassaal, Morgartenstrasse 16, Luzern: «Für immer anders – wenn schwere Krankheit, Trennung und Tod Familien treffen.» Vortrag mit Mechthild Schroeter-Rupieper, Leiterin Institut für Familientrauerbegleitung, Gelsenkirchen.

Ausserdem wird in Luzern der Verein familientrauerbegleitung.ch gegründet. Weitere Infos: www.lebensgrund.ch


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