«Bequeme Haltung hat Holocaust mitverschuldet»

LUZERN ⋅ In Erinnerung an den Völkermord an den Juden hat sich alt Bundesrätin Elisabeth Kopp in Luzern vor dem Mut unbequemer Mahner verneigt. Die heutige Gesellschaft sei nicht von aussen bedroht, sondern durch Gleichgültigkeit und Egoismus, sagte die 78-Jährige am Holocaust-Gedenktag.
27. Januar 2015, 20:29

Gegen 200 Vertreter aus Politik, Diplomatie und Gesellschaft gedachten am Dienstag an einer Feier in Luzern der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren. Sie hoben die Verdienste von Muslimen und Christen in Albanien und von Schweizer Einzelpersonen hervor. Diese hatten während des Zweiten Weltkriegs im Alleingang Juden vor dem Tod bewahrt.

In Albanien hätten Christen und Muslime ihr Leben riskiert und gemeinsam Juden im eigenen Land und solche, die Zuflucht suchten, gerettet, sagte alt Bundesrätin Elisabeth Kopp in einer Rede. Die FDP-Politikerin war von 1984 bis 1989 die erste Frau im Bundesrat und als Justizministerin oberste Verantwortliche für das Schweizer Flüchtlingswesen.

Neben den Albanern lobte Kopp auch Schweizer Persönlichkeiten, die sich für die Rettung von Juden einsetzten und dafür Weisungen des Bundesrats missachteten. Zu ihnen zählten etwa der St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger und der in Ungarn tätige Schweizer Diplomat Carl Lutz.

In ganz Europa fanden heute Andachten zum 70. Jahrestag der Beendigung des Holocausts in Auschwitz-Birkenau statt. In den Konzentrationslagern der Nazis starben 1.1 Millionen Menschen, der grösste Teil davon Juden.

Gefährlicher als Bedrohung von aussen

Die Menschheit brauche solche Vorbilder, wenn sie nicht an Gleichgültigkeit und Egoismus zu Grunde gehen wolle, sagte Kopp. Jene Eigenschaften seien gefährlicher als Bedrohungen von aussen, weil sie die Gesellschaft von Innen zersetzten und die Solidarität zerstörten. Die Haltung, sich nicht zu exponieren, kein Risiko einzugehen und zuerst an sich selbst zu denken, habe den Holocaust letztlich ermöglicht.

Gleichzeitig verteidigte die ehemalige Bundesrätin die Politik der Schweizer Landesregierung während des Zweiten Weltkriegs. Der Bundesrat hielt damals die Grenzen geschlossen und trieb Handel mit den Achsenmächten. Dem Bundesrat deswegen Vorwürfe machen könne nur jemand, der nie die Last der Verantwortung für ein Volk auf seinen Schultern getragen habe, sagte Kopp.

Die alt Bundesrätin appellierte, sich die Albaner aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs als Vorbild zu nehmen und gemeinsam über Sprach-, Religions- und Staatsgrenzen hinweg Menschen in Not zu helfen. Dies stärke nicht nur den Frieden in der Welt sondern auch den Frieden in den Menschen selber.

Fotograf porträtiert Retter

Der US-Fotograf Norman H. Gershman, der albanische Muslime porträtierte, die Juden vor den Nazi-Schergen gerettet hatten, sagte in Luzern, es sei seine Mission gewesen, die Akte der Menschlichkeit zu dokumentieren. Die Juden in Albanien seien nicht als Flüchtlinge sondern als Gäste gerettet worden. Die Albaner hätten ihre Türen völlig Fremden gegenüber geöffnet.

Gershman reiste zwischen 2003 und 2008 durch Albanien und den heutigen Kosovo, wo er Retter und einige ihrer Nachfahren porträtierte. Seine Bilder und die Geschichten dazu sind in der Wanderausstellung «Besa - ein Ehrenkodex» auch in der Schweiz zu sehen. «Besa» ist ein alter albanischer Ehrenkodex, gemäss dem Gäste zu schützen sind.

Am Gedenkanlass in Luzern nahmen neben Elisabeth Kopp und Norman Gershman auch gegen 20 Botschafter teil. Darunter waren Vertreter Israels, Albaniens, des Kosovo, der EU, der USA, von Grossbritannien und der Schweiz sowie Angehörige jüdischer Organisationen.

Die Vereinten Nationen riefen 2005 den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag aus. Er soll an die sechs Millionen Juden erinnern, die den Nazis zum Opfer gefallen sind. Am 27. Januar 1945 waren die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

sda

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Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das KZ Auschwitz. Von 1940 bis 1945 wurden in den Lagern des Komplexes 50 Kilometer westlich von Krakau zwischen 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen von den Nazis ermordet. Aus ganz Europa wurden Gefangene per Zug nach Polen deportiert, die meisten von ihnen fanden in Auschwitz den Tod. (Bilder: Keystone)


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