Bodenfrost bedroht die frühe Blüte

WETTER ⋅ Auf den warmen Frühlingsbeginn folgte Kälte. In der Nacht fielen die Temperaturen unter 0 Grad. Die Bauern haben deshalb mit einem alten Feind zu kämpfen: dem Bodenfrost. Dagegen helfen zum Beispiel Kerzen.
19. April 2017, 21:10

Urs-Ueli Schorno und Kilian Küttel

kanton@luzernerzeitung.ch

«Der April ist ein launischer Gesell. Bald ist er trüb, bald ist er hell.» Diese Bauernregel beschreibt den April 2017 bestens. Am garstigen Wetter dieser Tage haben besonders die Landwirte keine Freude: «Es ist eine heikle Situation, die Produzenten sind wie auf Nadeln», sagt Georg Bregy vom schweizerischen Obstverband mit Sitz in Zug. Der Grund: der Start in den Frühling war gut, vielleicht sogar zu gut. Zurzeit stehen viele Kirschbäume in der Blüte, die Reben treiben, an den Apfel- und Birnenbäumen sind bereits kleine Früchtchen sichtbar. Auch in den Gewächshäusern wächst Feines heran – zum Beispiel Erdbeeren. Doch die frühe Blüte macht die Pflanzen verletzlich: Tiefe Temperaturen bedrohen die Vegetation. Diese sanken in der Nacht auf heute bis auf 4 Grad unter null. In der kommenden dürfte es so weitergehen. Es soll hell und klar werden – und damit noch kälter. «Besonders gefährdet sind Blüten und kleine Früchte, und ohne sie gibt es keine Ernte», sagt Georg Bregy. Betroffen seien alle Obstarten.

Wie gross die Gefahr ist, hängt nicht nur vom allgemeinen Wetterbericht ab. «Es kommt auf viele Faktoren an: Ob es feucht oder trocken ist, auf das Vegetationsstadium und auf die lokale Lage der Parzelle.» Viele Obstbauern würden nun Vorbereitungen zur Frostbekämpfung treffen. «Wenn es kritisch ist, müssen sie sofort reagieren können.» Dabei stehen Methoden wie Ventilatoren oder Abdeckungen mit Flies zur Verfügung. Möglich ist auch die Beregnung: Beim Gefrieren des verteilten Wassers auf der Pflanze wird Wärme freigesetzt, sodass Blätter und Blüten vor Frostschäden bewahrt werden.

Gemähte Rebberge schützen vor Bodenfrost

Gerade auch die Winzer sind dieser Tage auf Draht. Die Fachleute vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung (BBZN) haben am Wochenende Empfehlungen zum Schutz der Trauben herausgegeben. «Wir haben Landwirten geraten, das Gras in Hanglagen zu mähen», sagt Weinbauexperte Beat Felder vom BBZN. Damit kann die kalte Luft abziehen, der Schaden damit in Grenzen gehalten werden. Die Winzer haben das gleiche Problem wie die Obstbauern: «Viele Trauben sind im Wachstum schon relativ weit fortgeschritten», so Felder. Im schlimmsten Fall drohen Ernteeinbrüche: «Die Reben selber nehmen keinen Schaden. Sie treiben wieder, sobald es warm wird. Aber wenn die Trauben beschädigt werden, können die Bauern weniger einfahren.»

Nebst den Fliesabdeckungen und der Beregnung wird auch der Einsatz von Frostkerzen vorbereitet. So hat Philipp Hotz vom Hotzenhof in Deinikon in Baar mit seinem Team gestern in den Reben rund 200 Paraffinkerzen aufgestellt. Damit sollen nachts die Temperaturen über dem Gefrierpunkt gehalten werden. Je nach Prognose wird er heute weitere 400 Kerzen zwischen den Apfelbäumen aufstellen. Das klingt nach viel, geschützt wird damit aber nur ein kleiner Teil der Fläche. «Es braucht 250 bis 300 Kerzen für eine Hektare. Insgesamt können wir mit den Kerzen etwa 2 von unseren 10 Hektaren schützen», sagt Hotz. Im Umgang mit den Kerzen ist auch Sparsamkeit angesagt: Die Kerzen sind derzeit europaweit ausverkauft. Das berichtet das St. Galler Tagblatt. Für Toni Ottiger vom gleichnamigen Weingut in Kastanienbaum spielt das keine Rolle: «Dank unserer Seelage haben wir mildere Temperaturen als andere Weingüter. Wir hatten in den 36 Jahren, seit ich hier bin, noch nie Frostschäden.» Allerdings ist auch Ottiger besorgt: «Wenn der Frost wirklich so stark wird wie angesagt, können wir nur hoffen, dass es zu keinen Schäden kommt.»

Problem für den Imker, nicht für die Biene

Dass sich die Kälte bald verzieht, hoffen auch die Imker. Die Produktion in den Bienenstöcken steht derzeit praktisch still, wie Lukas Erni vom Verband der Luzerner Imkervereine sagt: «Für die Bienen selber stellen die wenigen kalten Tage keine Gefahr dar. Sie bleiben einfach in ihren Stöcken.» Das hat zur Folge, dass es keine Zufuhr von Blütenhonig gibt. Wie sehr der Wintereinbruch einschenkt, vermag Erni nicht vorherzusagen. Vieles hänge davon ab, wie lange es kalt bleibt: «Ich bin aber zuversichtlich, dass in den nächsten Wochen noch einiges an Honig hinzukommen wird.» Zumal auch die Imker stark ins Jahr gestartet seien und bald der Raps blühe.

Ob Winzer, Obstbauern oder Imker – alle hoffen, dass der Wintereinbruch bald wieder vorbei ist und der Frühling zurückkehrt. Doch vielleicht sollte sich dieser noch ein wenig zurückhalten – wenigstens bis zum 23. April. Dann ist nämlich Georgstag. Und auch dieser hat eine Bauernregel: «Ist’s an Georgi hell und warm, gibt’s noch ein Wetter, dass Gott erbarm.»

Video: Frost-Alarm in der Landwirtschaft

Auf den warmen Frühlingsbeginn folgte Kälte. In der Nacht fielen die Temperaturen unter 0 Grad. Die Bauern haben deshalb mit einem alten Feind zu kämpfen: dem Bodenfrost. So auch der Obstbauer Jonas Boog aus Hünenberg. (Tele 1, 19. 04. 2017)

Video: Mit Feuer und Eis gegen die Kälte

Nächtliche Temperaturen unter null Grad und Bodenfrost bedrohen die Ernten von Schweizer Bauern. Im Wallis werden Reben mit Frostkerzen gegen die Kälte geschützt. Aprikosenblüten schützten die Bauern auch durch gezielte Bewässerung. Dadurch entsteht ein Eispanzer um die Äste. Unter diesem wird es nicht kälter als -1 Grad. (Keystone, 20. April 2017)




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