Clown Kurt Bucher: «Kinder und Zirkus; das funktioniert über alle Grenzen hinweg»

SURSEE/TÜRKEI ⋅ Kurt Bucher verdient seinen Lebensunterhalt als Clown und Zirkusanimator. Gestern trat der 35-Jährige eine besondere Herausforderung an: Er reiste in ein Flüchtlingslager in die Türkei, um syrische Kinder zum Lachen zu bringen.
13. Februar 2018, 04:40

Vormittag im Stadtcafé in Sursee. Die Lokalität ist gut gefüllt, hier trifft man sich, um bei einem Heissgetränk über den Alltag zu plaudern. Oder, wie im Fall von Kurt Bucher, zum Verweilen, um neue Ideen für Auftritte zu kreieren. «Das Stadtcafé ist so etwas wie mein zweites Wohnzimmer», sagt der 35-jährige Surseer mit der wuscheligen Mähne. Bucher verdient seinen Lebensunterhalt als Clown, 2014 bestand er die Aufnahmeprüfung bei der Stiftung Theodora als Spitalclown. Seine Arbeit als Betreuer von geistig Behinderten und jene als Schulsozialarbeiter hat er mittlerweile aufgegeben. Wir trafen ihn kurz vor einem besonderen Ereignis: seiner Reise nach Mardin. Dort, im Südosten der Türkei, nur 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, befindet sich ein Flüchtlingslager. Gestern stieg er dafür in Zürich ins Flugzeug.

Kurt Bucher wird in Mardin während neun Tagen in verschiedenen Unterrichtszentren mit syrischen Flüchtlingskindern Klamauk machen. «Am Morgen gehen sie jeweils zur Schule, am Nachmittag haben sie Zirkusunterricht», erklärt Bucher. Er will den Kindern beibringen, wie ein Clown umfällt, wie man Ohrfeigen verteilt oder Geschichten erzählt. Theater, Clownerie, Zauberei – die Palette der Workshops ist breit. Kurz: Bucher tut das, was er auch in der Schweiz tut und was er als seine Berufung betrachtet: Menschen ein Lachen ins Gesicht zaubern, die durch das Schicksal auf eine harte Probe gestellt werden.

Schwere Schicksale von Kindern gehen ihm nahe

Ein wenig mulmig ist ihm schon zu Mute, schliesslich herrscht in der Nähe Krieg, vor kurzem löste der türkische Präsident Erdogan eine Militäroffensive gegen kurdische Kämpfer in Syrien aus. Trotzdem freue er sich sehr auf diese Reise. «Wir hören vom Krieg und Menschen, die auf der Flucht sind, trinken Tee, während wir in der Zeitung darüber lesen, nur um uns kurz darauf wieder unserem Alltag zu widmen. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich das jetzt tun muss», sagt Bucher.

Bucher reist mit Gian Cadonau nach Mardin. Er ist der Sohn des Leiters des Circus Balloni, der in der Schweiz neben Auftritten an Festen auch Zirkusanimationen an Schulen durchführt. Cadonau hat Mardin bereits einmal besucht. «In der Region leben 750 000 Menschen. Dazu kommen rund 200 000 Flüchtlinge aus Syrien, von denen die meisten nach Hause zurückwollen. Das ist Wahnsinn», sagt Bucher. Der Circus Balloni pflegt Kontakte mit der Leitung von «her yerde sanat». Diese Organisation, zu Deutsch «überall Kunst», ist für die Zirkusschule in Mardin verantwortlich.

Neben seinen Auftritten im Circus Balloni ist Bucher noch weiter engagiert. Als Doktor Wolle tritt er im Auftrag der Stiftung Theodora als Spitalclown auf. Ihm geht das Schicksal von Kindern mit einer Behinderung, Verletzung oder Krankheit sehr nahe. «Kinder, die mit schweren Umständen leben müssen – das macht für mich einfach keinen Sinn.» Bemitleiden will er sie aber nicht, «vielmehr möchte ich mit ihnen eine gute Zeit verbringen. Eine Zeit, die wir geniessen können.»

«Du siehst aus wie Shaun das Schaf»

In Aarau war er bei einem krebskranken Kind, und als er ihm eine Clownnase aufsetzte, trat eine ärztliche Delegation ins Zimmer. «Da ich dem Kind sagte, dass die Clownnase vor Erkältungen schütze, mussten alle Anwesenden eine tragen. Ein herrliches Bild, all die Ärzte und Pflegeleute in ihren weissen Kitteln und mit roter Nase», erzählt Bucher und lacht. Die Zusammenarbeit mit dem Spitalpersonal sei fantastisch, «das sind so liebe Leute, für die ich grossen Respekt habe».

Bucher findet auch den Zugang zu Jugendlichen, die nichts für Clowns übrig haben. «Ein 13-jähriges Mädchen mit Magersucht fand mich voll blöd. Ich sagte ihr, dass ich nicht stören wolle, hätte aber mit Blick auf die Ronaldo-Poster in ihrem Zimmer eine Frage: Sehe ich nicht auch aus wie Fussballstar Ronaldo?» Daraufhin schaute ihn das Mädchen schief an und sagte: «Nein, sicher nicht. Eher wie Shaun das Schaf.» Daraufhin seien sie in ein privates Gespräch gekommen, ohne Blödelei, auch das komme vor. «Später traten wir noch gemeinsam in einem improvisierten Krippenspiel auf dem Spitalflur auf.»

Auf viel Zuspruch stösst Kurt Bucher auch bei seinen Gastspielen für die Stiftung Lebensfreude. Analog zum Spitalclown tritt er hier für betagte und demente Menschen auf. Spontan erinnert sich der 35-Jährige an eine Begegnung mit einer Frau, die stark an Alzheimer litt. «Sie zeigte kaum Reaktion. Auf einmal näherte sich ihr Zeigefinger langsam meiner roten Clownnase, um sie anzutippen. Ihr Ausdruck veränderte sich sichtbar, sogar die Pflegefachleute staunten.» Ein anderes Mal sei ein Mann, der kaum noch aufstehen und essen mochte, aufgesprungen wie ein junges Reh, so sehr freute er sich über Buchers Besuch als Samichlaus. «Solche Momente haben etwas Magisches.»

Sprachbarriere soll kein Hindernis sein

Diese Magie will Kurt Bucher nun auch bei den leidgeprüften Kindern in Mardin versprühen. Dafür sucht er nach finanzieller Unterstützung, auch Clownkleider und -nasen seien willkommen. Gerne würde er auch das Flüchtlings­lager selber und nicht nur die ausserhalb gelegenen Unterrichtszentren besuchen. Ob das möglich sein wird, wird sich vor Ort zeigen. «Da kann nicht jeder einfach reinspazieren.» Auch wenn die Sprachbarriere die Kommunikation erschweren wird, ist Bucher von einer erfolgreichen Verständigung überzeugt. «Kinder und Clowns, Kinder und Zirkus – das funktioniert über alle Grenzen hinaus.»

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Website:www.jeanloup.ch


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