«Da ist etwas in Bewegung geraten»

AUSZEICHNUNG ⋅ Diesen Sonntag erhält das aussergewöhnliche Pilgerprojekt «Kirche mit* den Frauen» in Luzern den Herbert-Haag-Preis. Initiantin Hildegard Aepli blickt auf ein bewegtes Jahr zurück.
17. März 2017, 07:54

Interview Vera Rüttimann

redaktion@luzernerzeitung.ch

Vom 2. Mai bis zum 2. Juli 2016 marschierte eine Gruppe von Frauen und Männern unter dem Motto «Für eine Kirche mit* den Frauen» von St. Gallen nach Rom. Ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Projekt, welches in Luzern mit dem diesjährigen Preis der Herbert-Haag-Stiftung ausgezeichnet wird. Wir sprachen mit Hildegard Aepli, Pastoralassistentin im Bistum St. Gallen und Initiantin des Pilgerprojekts.

 

Hildegard Aepli, die Herbert-Haag-Stiftung zeichnet Institutionen, Projekte und Einzelpersonen aus, die sich für Freiheit und Menschlichkeit innerhalb der Kirche einsetzen. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Hildegard Aepli: Wir fühlen uns belohnt und anerkannt. Es freut uns sehr, dass durch diesen renommierten Preis unser Projekt fast ein Jahr später noch mal so in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. Das zeigt zudem, dass wir mit unseren Anliegen wahrgenommen werden. Das Anliegen nach einem neuen Miteinander von Frauen und Männern in der katholischen Kirche trifft bei vielen offenbar einen Nerv.

Die Pilgertour führte von St. Gallen nach Rom. Unterwegs schlossen sich etwa 1000 Frauen und Männer an, die mitpilgerten. Welche Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Was bleibt, ist eine Schatzkiste voller Erinnerungen. Unvergesslich war schon der Gottesdienst am 2. Mai mit Bischof Markus Büchel in der Klosterkirche St. Gallen. Ein wichtiger Faktor, denn er hat von Beginn an eine derart mitreissende Stimmung erzeugt, die für viele begreifbar gemacht hat: Hier findet jetzt etwas Wichtiges statt. Ebenso bewegend waren diese Morgen, bevor wir losmarschierten. Jedes Mal standen mehr Menschen auf der Matte, die mitpilgern wollten. Auf der Etappe von Maienfeld bis nach Chur liefen beispielsweise 180 Leute mit. Tief beeindruckten mich auch die vielen Frauen, die trotz fortgeschrittenen Alters von St. Gallen bis nach Rom liefen. Für viele eine ganz und gar ungewöhnliche Erfahrung. Sie liefen mit, weil ihnen unsere Anliegen wichtig waren. So auch Mariette, die im Asphalt ein grosses Loch übersah, unglücklich stürzte und sich den Unterarm brach. Sie kam mit uns in Rom an. Unter den Frauen entstand ein starker Zusammenhalt.

Wie entwickelte sich das Projekt «Für eine Kirche mit* den Frauen» in den vergangenen Monaten weiter?

Der Schweizer Kapuzinerpater Mauro Jöhri übergab im November Papst Franziskus während einer Audienz eine blaue Schachtel mit einem persönlichen Brief von uns und die Unterlagen zum Pilgerprojekt. Ein bedeutender Moment, denn nun wussten wir: Der Papst weiss von unserem Projekt. Vorher ging ich immer davon aus, dass es nie zu ihm durchgedrungen ist. Zehn Tage später erhielten wir vom Staatssekretariat einen Brief, in dem wir informiert wurden, dass Papst Franziskus die Unterlagen aufmerksam zur Kenntnis genommen habe.

Ist diese Reaktion nicht ernüchternd?

Das Kernteam ist nicht enttäuscht. Enttäuscht sind vor allem Leute, die das Projekt von zu Hause aus mitverfolgten und sich seitens des Vatikans mehr Wertschätzung für uns erhofften. Das kann ich gut nachvollziehen. Wir vom Kernteam wussten jedoch genau, dass der Papst uns am 2. Juli nicht empfangen konnte.

Wo sehen Sie nachhaltige Früchte, die aus dem Projekt «Für eine Kirche mit* den Frauen» entstanden sind?

Zum einen entstanden viele wertvolle Freundschaften. Während des Pilgermarsches nach Rom haben zudem viele Menschen einen Moment der Glaubensfreude und -gemeinschaft erlebt. Eine positive Erfahrung von einer Kirche, die mit unseren Anliegen unterwegs ist. Die, die mitmarschierten, kamen mit völlig fremden Leuten in tiefe Gespräche über Lebens- und Glaubensfragen. Viele machten mit der täglichen Schweigestunde beim Gehen erstmals die Erfahrung, was für eine Kraft darin steckt. Ich bin überzeugt: Da ist im Innern von vielen Menschen über unser Projekt etwas in Bewegung geraten. Ein neue Ahnung, was Kirche sein heute bedeuten kann.

Gibt es schon weitere Pilger-Projekte?

Im Bistum St. Gallen wird es fortan in Anlehnung an unser Projekt immer am 2. Mai einen offiziellen Pilgertag geben. Gewidmet ist er der bedeutenden Ortsheiligen Wiborada. Von vielen Projekten, die von uns inspiriert wurden, erfahren wir nichts. Ich denke jedoch, dass wir mit unserem Tun einen Samen gestreut haben, der jetzt zu gedeihen beginnt. Das Projekt «Kirche mit* den Frauen» endete nicht in Rom. Es lebt weiter durch Menschen, die vor Ort in Eigeninitiative etwas organisieren. Darauf kommt es an.

Was plant das Kernteam zum Tag der Preisverleihung am 19. März in Luzern?

Dieser Preis gehört nicht nur dem Kernteam, sondern auch all jenen, die sich an diesem Projekt beteiligt haben. Wir organisieren einen Pilgertag, der um 8.30 Uhr in Eschenbach beginnt und um 15 Uhr am Hotel Schweizerhof endet, wo die Herbert-Haag-Preisverleihung stattfindet. Ich finde es super, dass wir als Kernteam dann dort auf der Bühne nicht im kleinen Schwarzen und feinem Zwirn erscheinen, sondern wie bei unserem Marsch nach Rom mit Wanderschuhen und unseren Rucksäcken.

Hinweis

www.herberthaag-stiftung.ch

www.kirchemit.ch


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