Das kosten die Häftlinge

LUZERN ⋅ Jährlich benötigen rund 60 Straftäter eine Therapie. Das fördert deren Wiedereingliederung – kostet aber fast doppelt so viel wie bei gewöhnlichen Insassen.

06. Februar 2016, 05:00

Niels Jost

Immer mehr Delinquenten sitzen hierzulande hinter Gittern. Rund 6900 waren letztes Jahr schweizweit in einem Gefängnis – 700 Häftlinge mehr als noch im Jahr 2010. Hinzu kommt, dass Insassen häufiger eine individuelle Betreuung brauchen wie Therapien gegen psychische Beeinträchtigungen oder Suchtprobleme – zumindest im Kanton Schwyz, wie der «Bote der Urschweiz» dieser Tage schrieb. Diese Extrabehandlungen lassen im Kanton Schwyz die Ausgaben im Strafvollzug in die Höhe schnellen.

Auch im Kanton Luzern benötigen Häftlinge individuelle Behandlungen. Anders als im Nachbarkanton haben sich die Ausgaben dafür aber nicht markant verändert. Vermutet wird, dass in Luzern weniger gefährliche und darunter therapiebedürftige Häftlinge einsitzen als in Schwyz. So gibt es in Luzern mit dem Grosshof eine Anstalt, in der Untersuchungshäftlinge untergebracht sind (siehe Kasten), während im Wauwilermoos ein offener Vollzug angeboten wird. Dennoch: Letztes Jahr mussten 61 Häftlinge speziell therapiert werden, ungefähr gleich viele wie in den Jahren zuvor – und das kostet. Für einen Inhaftierten, der eine Therapie besuchen muss, hat der Kanton im Jahr 2014 im Schnitt rund 500 Franken pro Tag aufgewendet. Zum Vergleich: Häftlinge im gewöhnlichen Strafvollzug kosteten täglich 280 Franken. Die Mehrkosten sind allerdings nicht nur auf die Therapien zurückzuführen. Denn die therapeutisch betreuten Häftlinge sind in kleineren Wohngruppen verwahrt und werden auch von mehr Personen betreut als in der gewöhnlichen Unterbringung. Total wendete der Kanton im Jahr 2014 rund 29,6 Millionen Franken für die Vollzugs- und Bewährungsdienste auf.

Ziel: Rückfallgefahr reduzieren

Diese individuelle Betreuung ist zwar kostspielig. «Doch sie ist notwendig», sagt Stefan Weiss, Leiter Dienststelle Militär, Zivilschutz und Justizvollzug. «Denn das Ziel einer gerichtlich verhängten Massnahme ist es, die verurteilte Person zu therapieren, damit nach der Entlassung die Rückfallgefahr auf ein Minimum reduziert wird.» Angeordnet wird eine Massnahme dann, wenn ein Verurteilter beispielsweise psychisch krank ist. Im Gegensatz zu Freiheitsstrafen, die zeitlich definiert sind, werden Massnahmen grundsätzlich auf eine unbestimmte Zeit ausgesprochen. Auch nachdem die eigentliche Haftstrafe abgesessen wurde, muss die verordnete Therapie teilweise noch weitergeführt werden. Deren Wirksamkeit wird regelmässig überprüft. Man unterscheidet zwischen der ambulanten und stationären Massnahme:

 

  • Bei der ambulanten Massnahme kann die Therapie entweder begleitend zum Strafvollzug oder in Freiheit durchgeführt werden. Eine Therapiestunde wird einzeln mit einem Spezialisten gehalten.
  • Bei der stationären Massnahme findet die Therapie in einer geschlossenen Institution statt, die in der Regel in eine Massnahmenanstalt oder psychiatrischeKlinik integriert ist. 38 Häftlingemussten letztes Jahr aufgrund einer psychischen Krankheit behandelt werden, 16 Inhaftierte besuchteneine Suchttherapie. Die restlichen siebenPersonen waren junge Erwachsene in einer therapeutischen Behandlung.

 

Gefängnisse stark ausgelastet

Im Kanton Luzern gibt es 189 Plätze für Straftäter. Diese sind seit Jahren fast komplett besetzt. Die Auslastung des Gefängnisses Grosshof beträgt stetig über 90 Prozent. Das sei auch das Ziel, versichert Weiss: «Durch eine hohe Auslastung können wir eine hohe Wirtschaftlichkeit erreichen.» Im Schnitt sitzen die Insassen zwischen 40 bis 50 Tage im Grosshof. Diese tiefe Aufenthaltsdauer ist auf Personen zurückzuführen, die nur kurz in U-Haft sitzen oder anstelle einer Geldstrafe für wenige Tage ins Gefängnis gehen. Mehrjährige Haftstrafen werden in ausserkantonalen Gefängnissen abgesessen. Trotz der hohen Auslastung müssen im Grosshof die Kapazitäten erhöht werden, weshalb das Gefängnis derzeit für rund 15 Millionen Franken um 40 Plätze ausgebaut wird. In einem Jahr soll der Anbau in Betrieb genommen werden.

Länger sind die Männer in der Strafanstalt Wauwilermoos untergebracht, im Schnitt nämlich rund 280 Tage. Die offene Strafanstalt bietet Platz für 64 Personen, bei denen keine Gemein- oder Fluchtgefahr besteht. Zusätzlich gibt es in einer geschlossenen Abteilung ein Ausschaffungsgefängnis mit 14 Plätzen. Die Strafanstalt ist seit Jahren vollständig belegt – sogar drei Freizeiträume werden derzeit als Zellen genutzt. Zudem bietet das Wohnheim Lindenfeld in Emmen Platz für 14 Personen, die sich unter anderem in Halbgefangenschaft und im Arbeitsexternat befinden.

Der Alltag im grössten Luzerner Gefängnis

Das Gefängnis Grosshof in Kriens ist die grösste Strafanstalt des Kantons. Neben 91 Plätzen für Männer hat es auch Platz für 6 Frauen. Innerhalb der Betonmauern unterscheidet sich der Alltag von den Insassen, die bereits verurteilt sind und im Strafvollzug sitzen, von jenen Personen, die nicht verurteilt sind und sich in Untersuchungshaft befinden.

«Im Vordergrund des U-Haft-Alltags stehen die Untersuchungshandlungen», sagt Stefan Weiss, Leiter Dienststelle Militär, Zivilschutz und Justizvollzug. Dazu müssen die Insassen etwa zur Einvernahme auf den Polizeiposten. «Gefangene sind in dieser Phase 23 Stunden in der Zelle eingeschlossen.»
26 Franken pro Tag verdienen

Anders gestaltet sich der Alltag bei den bereits verurteilten Personen im Strafvollzug: «Dort steht das Normalisierungsprinzip und die Anlehnung an den Alltag in Freiheit im Zentrum», so Weiss. «Daher besteht für die Gefangenen eine Arbeitspflicht.» Hand anlegen müssen die Häftlinge im Grosshof in der Küche und im Logistikbereich. Pro Tag können sie damit rund 26 Franken verdienen. Berücksichtigt wird dabei nicht nur die Arbeitsleistung, sondern auch das Verhalten. Ebenso zum Gefängnisalltag gehören Hausarbeiten oder das Wäschewaschen. «Die Gefangenen sind rund um die Uhr fremdbestimmt und unterliegen einem strikten Tages- und Arbeitsablauf», so Weiss.

Zweck der Strafanstalt ist es nicht nur, die Straftäter mit dem Freiheitsentzug zu bestrafen und sie von der Gesellschaft fern zu halten, sondern sie zu resozialisieren. So stehen allen Insassen die hauseigene Bibliothek und diverse Tageszeitungen zur Verfügung. Einmal pro Tag dürfen die Insassen für eine Stunde an die frische Luft zum Hofgang gehen – das ist gemäss den europäischen Menschenrechtskonventionen Pflicht. Je nachdem, wie die Gefangenen untergebracht sind – in Vollzugs- oder U-Haft, in Einzelhaft oder Kleingruppen –, können sie von zusätzlichen Angeboten Gebrauch machen. Sind die Inhaftierten nicht in Einzelhaft, haben sie die Möglichkeit, sich weiterzubilden, etwa mit Sprach- oder Computerkursen. Zudem können sie verschiedensten Freizeitaktivitäten nachgehen, etwa Sport.

Handys sind verboten

Von Luxus ist aber nicht die Rede: «Alles, was über die Grundversorgung hinausgeht, müssen die Gefangenen mit dem Arbeitsentgelt selber finanzieren», sagt Stefan Weiss. Das trifft etwa auf simple Unterhaltungsmedien zu, wie Fernseher oder Laptop. Handys sind im Strafvollzug gänzlich verboten, ins Internet können Inhaftierte im Wauwilermoos nur kontrolliert und unter Aufsicht. Im Grosshof besteht auch diese Möglichkeit nicht.


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