Das sind die besten Luzerner Maturaarbeiten

BILDUNG ⋅ Eine Jury hat die vier besten Maturaarbeiten im Kanton Luzern ausgezeichnet. Die Preise sind mit je 500 Franken dotiert.

18. März 2015, 09:29

Im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung «Fokus Maturaarbeit» sind am Dienstagabend in der Universität Luzern vier Maturanden für ihre hervorragenden Abschlussarbeiten prämiert worden. Gemäss Mitteilung der Staatskanzlei hat eine unabhängige Jury aus Fachleuten der Hochschule, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur aus 34 Arbeiten die Besten in den Kategorien «Naturwissenschaften», «Sozialwissenschaften», «Geisteswissenschaften» und «Bewegungswissenschaften und Kunst» ermittelt.

Eine Urkunde sowie das Preisgeld von je 500 Franken wurden folgenden Schülern überreicht:

  • Martin Würzer, Maturitätsschule für Erwachsene: «Systematische Darstellung schweizerischer Abstimmungs- und Wahldaten zur Ausländer- und Migrationsthematik seit 1848»  (Naturwissenschaften).
  • Melanie Felder, Gymnasium St. Klemens: «Mein Herz ist nun dein Herz»  (Sozialwissenschaften).
  • Antoinette von Segesser, Kantonsschule Alpenquai Luzern: «10 Monde und 300 Sonnen über China»  (Geisteswissenschaften).
  • Eliane Elmiger, Kantonsschule Seetal: «El Che – Un Héroe Romántico: La Realización de una Presentación de Baile» ( Kunst- und Bewegungswissenschaften).
  • Yannick Strümpler, Kantonsschule Seetal, erhielt für seine Arbeit «Indoor Positioning» den Sonderpreis Technik und Architektur der Hochschule Luzern.

Die Ausstellung im Universitätsgebäude findet in Zusammenarbeit mit der Stiftung «Schweizer Jugend forscht», der Universität Luzern und der Pädagogischen Hochschule Luzern statt. Sie bietet einer breiten Öffentlichkeit einen Einblick in die Arbeit an den Gymnasien des Kantons Luzern. Zu sehen ist sie noch bis am 26. März. Infos: www.fokusmaturaarbeit.ch

Die Maturarbeiten im Überblick

Maturaarbeit von Martin Würzer

In den Nachbetrachtungen zu eidgenössischen Volksabstimmungen offerieren die Medien jeweils eine Vielzahl an Analysen und grafischen Auswertungen, denen es aber oft an Tiefe mangelt. Hier setzt die Arbeit an: Sie zeigt auf, wie mit breit verfügbarer Hard- und Software ein interaktives Analysesystem aufgebaut werden kann, basierend auf einem einfachen Netzwerkspeichergerät und einer darauf installierten Datenbank. Diese wurde im Verlaufe der Arbeit mit über 400‘000 Datensätzen befüllt, die zur Hauptsache vom Bundesamt für Statistik stammen. Der gesamte Datenbestand lässt sich auf einer Website visualisieren und verändern. Komplexe Analysen werden mit einem Tabellenkalkulationsprogramm durchgeführt, das über eine Schnittstelle ebenfalls direkt an die Datenbank angebunden ist. So lassen sich Auswertungen mit bis zu mehreren zehntausend Datensätzen realisieren, die sich zudem jederzeit aktualisieren lassen. In der Anwendung des entwickelten Systems, verdeutlicht die Arbeit Beziehungen zwischen dem Abstimmungsverhalten auf Gemeindeebene und der lokalen Parteipräferenz. Sie führt ausserdem vor Augen, dass mit zunehmender Polarisierung der Politlandschaft, die Stimmbürger vermehrt den Abstimmungsempfehlungen des Parlamentes folgen und nicht mehr den Parteiparolen. Zudem werden weitere Zusammenhänge visualisiert, wie etwa der Wandel der Kantone in Bezug auf die Zustimmung zu migrationskritischen Vorlagen.

Würdigung: Herr Würzer’s Arbeit offeriert eine allgemein zugängliche Informatiklösung. Es können nun alle nationalen Abstimmungsresultate seit 1848 gezielt visualisiert, vertieft betrachtet und Tendenzen, Brüche u.a.m. interpretiert werden. Besonders beeindruckt, wie für den Autor das politisch-historische Interesse am seit Jahrzehnten in der Schweiz polarisierenden Diskurs um die Migration das eigentlich initiierende Motiv sowie der Antriebsmotor für die mit viel Zeitaufwand und hartnäckigem Willen angestrebte einfache Lösung für Herrn Jeder- Mann/Frau gewesen ist. Das Herausragende an dieser Arbeit ist, wie sie den eigenwilligen Weg von einer einfachen Idee zur komplexen Lösung eines funktionierenden Computersystem belegt, das gezielt weitere Fragen auslöst.

Maturaarbeit von Melanie Felder

Die Maturaarbeit basiert auf der Fragestellung „Welche Rolle spielt die Religion bei der Entscheidung für oder gegen eine postmortale Organspende?“. Dazu diente eine Umfrage, die innerhalb der röm.-kath. Kirche an vorkonziliare und nachkonziliare Gläubige verteilt wurde. Zusätzlich fanden Interviews mit Priestern statt. Im Fokus stand dabei die ethische Argumentation der Befragten. Die Auswertung gab Aufschluss darüber, dass eine markante Differenz zwischen vor- und nachkonziliaren Gläubigen besteht. Während sich die Mehrheit der vorkonziliaren Kirchgänger gegen eine Spende ausspricht, stimmen über 88% der nachkonziliaren Befragten einer Organspende zu. Am wichtigsten sind hierbei die persönlichen Gründe, die darin bestehen, dass man Leben retten möchte und seine Solidarität mit Kranken und lebensbedrohten Menschen aussprechen will. Die vorkonziliaren Gläubigen begründen hingegen ihren Entscheid mehrheitlich mit dem christlichen Glauben. Das Argument „Der Leib ist ein Geschenk Gottes, über das nicht verfügt werden darf“ wird dabei am häufigsten angeführt.

Würdigung: Die Arbeit behandelt eine ethische aktuelle wie gesellschaftspolitisch relevante Fragestellung. Mittels verschiedener Erhebungsmethoden bringt Melanie Felder in Erfahrung, welcher theologischen und ethischen Argumentationen für bzw. wider die postmortale Organspende sich vor- und nachkonziliare Katholiken bedienen. Die Arbeit bewegt sich auf einem hohen Reflexionsniveau und ermöglicht dem Leser/der Leserin einen vielschichtigen und tiefgründigen Einblick in verschiedene Argumentationsmuster in einer ethischen Diskussion.

Maturaarbeit von Antoinette Segesser

Von August 2012 bis Juni 2013 verbrachte Antoinette ein Austauschjahr in China. Mit ihrer Maturaarbeit verfolgte sie das Ziel, aus den während dieser Zeit verfassten autobiografischen Texten (wöchentliche Briefe an ihre Grossmutter, Tagebucheinträge, Blogeinträge) aus der Sicht einer zurückgekehrten europäischen Austauschschülerin Beobachtungen in China und die persönliche Entwicklung während und nach dem Austauschjahr aufzuzeigen. Aus den Quellen wurden repräsentative Passagen ausgewählt und in den folgenden sechs Kategorien erörtert: Kultur & Tradition, Mentalität, Leben in China, System, Wirtschaft & Umwelt und Persönliches. Die gewählten Quellenausschnitte dienten auch als Grundlage für die Analyse der persönlichen Entwicklung hinsichtlich Adaptation an ein verändertes Umfeld, Verständnis und Bewusstsein der chinesischen und Schweizer Kulturen sowie Heimatgefühl.

Würdigung: Diese schön gestaltete Maturaarbeit dokumentiert das Austauschjahr in China sehr anschaulich und bietet nebst einem informativen Überblick einen gelungenen Mix aus Primärtexten (Briefen, Tagebucheinträgen und Blogs) und Sekundärtexten, die als sogenannte Observationen die Erfahrungen und Beobachtungen in den Primärtexten kommentieren. Die wohl durchdachte Struktur, welche die chronologische Ordnung mit thematischen Kategorien verknüpft, ermöglicht eine je nach Wunsch ausführliche oder zielgerichtete Lektüre. Die Schilderungen der fremden Welt und die Auseinandersetzung damit sind für Jung und Alt interessant.

Die Maturaarbeit von Eliane Elmiger

Das Produkt der Maturaarbeit von Eliane Elmiger ist eine eineinhalbstündige Tanzshow über das Leben von Che Guevara als Romantiker, die Eliane im April 2015 zweimal in Hitzkirch aufführte. Die Show basiert auf einzelnen Sequenzen aus den fünf Tagebüchern von Che Guevara, die Eliane nach intensiver Lektüre heraus kristallisierte, in eine Choreographie transformierte und diese zusammen mit vierzig Tänzerinnen und Tänzern eigens einübte. Diese Choreographien sind mit abwechslungsreicher Musik sowie passendem Outfit untermauert und stellen so die ambivalente Figur von Che Guevara in seinen verschiedenen Facetten als Romantiker dar. Sowohl schriftliche Arbeit also auch mündliche Präsentation sind in sehr guter spanischer Sprache verfasst. Diese enthalten eine prägnante Darstellung zu Che Guevara und seinen wichtigsten Charakteristiken als Romantiker. Eliane gelingt es dabei, einige gut ausgewählte Schwerpunkte aus den Tagebüchern mit dem Charakter Che Guevaras als Romantiker zu untermauern und mit Beispielen aus ihrer Choreographie parallel zu visualisieren.

Würdigung: Die sehr abwechslungsreich gestalteten Choreographien zeugen von hoher gestalterischer Kompetenz. Ausserdem ist Eliane selbst eine ausgezeichnete Tänzerin. Eine weitere Stärke von Eliane ist das sehr gelungene Einüben der Choreographie mit ihren verschiedenen Tanzgruppen sowie die perfekte Organisation des ganzen Events mit Werbung, Kontakt-aufnahme mit Medien, Sponsoring, Verpflegung, Outfits etc. Eliane brilliert ferner zudem in sprachlicher Hinsicht. Sie beherrscht die spanische Sprache sowohl im schriftlichen als auch im mündlichen Ausdruck korrekt. Ihre Sprachkompetenz weist ausserdem hohe stilistische Qualitäten auf. Das Resultat dieser Maturaarbeit ist eine grossartige professionelle Tanzaufführung, die zum Nachdenken anregt, enorm berührt und auch beschwingt.

Die Maturaarbeit von Yannick Strümpler

Das Ziel der Arbeit war, einen kleinen Sender, zum Beispiel in Form eines Schlüsselanhängers, in einem Gebäude zu orten. Da unser GPS in Gebäuden nicht funktioniert, wurde eine andere Methode entwickelt, die sich auf das WLAN-Netz in einem Gebäude stützt. Die verwendete Methode ist das „Fingerprinting“: Dabei wurden für eine grosse Anzahl von ausgewählten Orten im Gebäude (1.Stockwerk der KS Seetal) die Signalstärken von allen Access Points auf einen Kleinstcomputer (Raspberry Pi) registriert und in einer Datenbank abgelegt. In der Suchfunktion wird die gemessene Liste von Signalstärken der Access Points entsprechend einem Fingerabdruck mit der Datenbank verglichen und mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung der wahrscheinlichste Aufenthaltsort des Senders berechnet. Auf einem Stockwerkplan wird der Aufenthaltsort nun visualisiert. Die Genauigkeit erreichte 3-4m.

Würdigung: Was oben vielleicht klar und logisch scheint, war in der Durchführung eine riesige Herausforderung: Daten aus dem WLAN-Netz herauszuholen, mit ihnen zu rechnen, der ganze theoretische Hintergrund aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Auswahl der geeigneten Programmiersprache und natürlich die ganze Programmierarbeit. All diese Themen musste sich Yannick Strümpler selber erarbeiten und er hat sie alle mit sehr viel Durchhaltewillen trotz vieler Rückschläge und stundenlangen Phasen des Suchens nach kleinen Fehlern gemeistert. Und das Resultat kann als Meisterstück bezeichnet werden. Es kann gut sein, dass die Methode in ein paar Jahren ihre Anwendung findet, sei es nun im Sinn der Motivation zu dieser Maturaarbeit zum Auffinden eines verlegten Schlüsselbundes oder zum Orten eines verletzten Feuerwehrmannes in einem von Rauch gefüllten Gebäude.

«Schweizer Jugend forscht»

Der Kanton hat im Rahmen der Preisverleihung neun Teilnehmer zur Vorrunde des Nationalen Wettbewerbs «Schweizer Jugend forscht» 2015 und 2016 nominiert und vom Leiter der Wettbewerbskommission von «Schweizer Jugend forscht», Francis Kuhlen, persönlich eingeladen:

  • Andreas Galliker, KS Alpenquai: «LEAF 24°N»
  • Oscar Lussi, KS Musegg Luzern: «Face the space – Studie zu Raum und Licht»
  • Alban Müller, KS Sursee: «Trümmer und Fetzen zum 9. Juli 1386»
  • Michelle Häfliger, KS Willisau: «Barantik»
  • Robin Zemp, Gymnasium St.Klemens: «APP UP FOR TAKE-OFF»
  • Aaron Gut, KS Beromünster: «Bisphenol A – Chancen und Risiken einer Industriechemikalie im Alltag»
  • Bianca Cecilia Popa, KS Seetal: «Qualitative Analyse des Schimmelpilzwachstums nach Bestrahlung mit verschiedenen Lichtfarben»
  • Melanie Felder, Gymnasium St.Klemens: «Mein Herz ist nun dein Herz»
  • Lukas Dürr, KS Reussbühl: «Die deutsche Propaganda anhand des Afrikafeldzuges mit anderen Quellen vergleichen»

pd/rem


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