Der Gänsebauer von Marbach

GEFLÜGELZUCHT ⋅ Fast alle in der Schweiz konsumierten Eier stammen vom Huhn. Schade eigentlich. Denn es gäbe so manche feine Alternative. Zum Beispiel auf dem Hof von Ruedi Hurni.
15. April 2017, 08:08

Christian Peter Meier

christian.meier@luzernerzeitung.ch

Es begann mit Paula und Paul. Ruedi Hurni kaufte die zwei Gänse Anfang des Jahrzehnts. «Als Hofwächter und anstelle eines Hundes», wie er präzisiert. Aus dem damaligen Experiment ist ein Beruf geworden: Ruedi Hurni, 39, ledig, aber liiert, gelernter Landwirt und ein Marbacher mit Leib und Seele, kann von sich sagen: «Ich bin Gänse- und Entenbauer – der einzige weit und breit.»

Hurni steht für jene Kategorie von jungen Landwirten, die in schwieriger werdenden Zeiten die Innovation suchen und finden. Sein Vater, von dem er den Hof im Hundsmoos 2010 übernehmen durfte, verdiente seinen Lebensunterhalt noch mit Milchwirtschaft, am Schluss mit Muni-Mast. Ein zunehmend hartes Brot. Ruedi Hurni sah in diesem landwirtschaftlichen Konzept keine Zukunft. Ein paar Rinder hält zwar auch er noch, doch weniger aus innerer Überzeugung als aus subventionstechnischer Notwendigkeit, wie er offen zugibt. Denn auch wenn das Geschäft mit dem Geflügel funktioniere, sei er trotzdem auf Direktzahlungen angewiesen. Dafür brauche er «raufutterverzehrende Tiere», erklärt Hurni. Also Kühe. Denn Gänse gehören beim Bund dieser Kategorie derzeit noch nicht an. Obwohl auch Gänse natürlich genau das tun: Raufutter verzehren, wie ein Besuch im Hundsmoos eindrücklich vor Augen führt. Daneben füttert sie der Bauer mit einer Mischung aus zugekauftem Getreide und Mineralstoffen, gelegentlich auch mit Gemüse, Früchten und Brot – alles Produkte, die ihm ein Grossverteiler zur Verfügung stellt, wenn sie im Laden nicht mehr verkäuflich sind.

Idyll am Fuss der Schrattenfluh

Im Hundsmoos dürfen Hurnis Tiere seit Anfang Monat wieder ins Freie. Zuvor hatte sie die wegen der Vogelgrippe verhängte Stallhaltungspflicht im Innern gehalten. Doch seit der Aufhebung dieser Sicherheitsmassnahme scheint die Idylle hier in der Entlebucher Biosphäre am Fuss der Schrattenfluh für die rund 250 Tiere wieder perfekt zu sein. «Dank der extensiven Weide und der ausreichenden Bewegung wachsen sie sehr langsam und gesund heran», sagt Ruedi Hurni, dem die Lebensqualität der Tiere ebenso am Herzen liegt wie die Qualität der tierischen Produkte. Es passt ins Bild, dass der sympathische Bauer bei der Tierhaltung auf Diversität setzt: Zu den derzeit rund 60 Diepholzer-Gänsen, einer schneeweissen Pro-Specie-Rara-Rasse, hält er ebenfalls rund 60 Enten, zum Teil reinrassige Pommernenten, zum Teil robuste Kreuzungen. Hinzu kommen Wildtruthühner, Perlhühner, Wachteln und «normale» Hühner seltener Rassen: 30 Marans-Hühner, die edle schokoladenfarbige Eier legen, 20 Araucana-Hühner, deren Eier grünlich schimmern, und zehn kleine Chabos. Da erstaunt es ­wenig, dass auch die zuvor erwähnten Rinder nicht der Schweizer Norm entsprechen: Es sind Zwergzebus. Den tierischen Reigen ergänzen zwei Pyrenäenberghündinnen zum Herdenschutz. Denn der Fuchs holt sich hier schon mal ein Federvieh. Entgegen dem bekannten Kinderlied stiehlt er allerdings nur selten eine Gans. Hurni: «In der Regel trifft es eine Ente.»

Ruedi Hurni lebt als Direktvermarkter vom Verkauf der tierischen Produkte: Mehrere Gourmetrestaurants aus der Region gehören zu seinen Kunden. Doch der Bauer liefert via Internetshop und durch einen Zwischenhändler auch bis in die so weit entfernt scheinende Wirtschaftsmetropole Zürich. Das Geschäft ist zum Teil saisonal, gerade was das Fleisch der Truthähne und der Gänse angeht. Hier scheint Hurni die Globalisierung in die Hand zu spielen: An Weihnachten einen Turkey oder eine Gans zu servieren, ist auch in der Schweiz allmählich zum Trend geworden. Daneben finden auch die in ihrer Grösse und Farbe sehr unterschiedlichen Eier spielend Absatz – gerade jetzt zur Osterzeit.

Die Produkte der Marbacher Gänsefarm sind in ihrer Menge limitiert. Das wissen auch die Küchenchefs, welche ihre Bestellungen bis zu einem halben Jahr im Voraus aufgeben. «Wenn einer Perlhuhn aufs Menü setzt, muss ich den Tierbestand früh genug entsprechend disponieren», erklärt Hurni. Damit ist auch klar, dass das Leben seiner Tiere von den Kundenbedürfnissen abhängt und fast immer ein klar definiertes Ende hat – und zwar in der Metzgerei Kopp in bernischen Heimisbach. Dorthin fährt Hurni einmal pro Woche, mit jenen Tieren, deren letztes Stündchen geschlagen hat. Männchen trifft es übrigens meist viel früher: Sie werden nach 4 bis 5 Monaten geschlachtet, wobei das Fleisch eines Gänserichs Hurni rund 120 Franken einbringt. Die eierlegenden Weibchen dagegen leben bis zu zwei Jahre lang. Ihr Fleisch ist dann nicht mehr so zart und wird zu Salami verarbeitet.

Mit Schwimmteich und Liebesleben

Ruedi Hurni hält auf seinem Hof also Nutztiere und ist als Landwirt mehr Realist als Romantiker. Das Geflügel auf dem Hof im Hundsmoos scheint trotzdem ein gutes Los gezogen zu haben: Die Tiere leben in der Herde, in der Natur mit Wiesen und Schwimmteich und schützendem Stall – und sie haben sogar ein Liebesleben. Hurni: «Die befruchteten Eier werden ausgebrütet.»

Hinweis

Weitere Infos: gaensefarm.ch


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