Der Kanton enttäuscht die Landwirte

HOCHWASSER ⋅ Trotz Kritik hält der Kanton am hohen Landverbrauch für die Reuss-Sanierung fest. Betroffene künden Einsprachen an.

25. Februar 2016, 07:43

Stefan Dähler

Jetzt beginnt die heisse Phase für das 167 Millionen Franken teure Hochwasserschutz- und Renaturierungsprojekt an der Reuss. Seit gestern liegen die Pläne des Kantons Luzern in den betroffenen Gemeinden Emmen, Ebikon, Buchrain, Root, Gisikon, Honau, Inwil, Eschenbach sowie in der Stadt Luzern öffentlich auf.

Änderungen nur im Detail

Nach der Präsentation des Projekts vor einem Jahr hatten Private, Verbände und Parteien Gelegenheit, im Rahmen der Vernehmlassung Stellung zu nehmen. Grössere Änderungen hat der Kanton aber nicht vorgenommen. «Nur im Detail gab es Verschiebungen um einige Quadratmeter», sagt Albin Schmidhauser, Leiter der Abteilung Naturgefahren beim Kanton. Dabei sei es vielfach um «Zufahrtswege für die Bewirtschaftung des Gewässerraums, für Wander- und Radwege» gegangen. Ausserdem verzichtet der Kanton nach einer Rückmeldung der Korporationsgemeinde Emmen auf den Bau des Spielplatzes Spitalhof. In unmittelbarer Nähe befänden sich schon zwei weitere Spielplätze, so die Begründung.

Höhere Dämme wären zu riskant

Am wohl umstrittensten Punkt, dem hohen Landverbrauch, hält der Kanton aber fest. «Die Reuss ist derzeit schlicht zu wenig breit», begründet Schmidhauser. Die bestehenden Dämme könne man nicht erhöhen. «Das würde bei Hochwasser das Risiko von Dammbrüchen erhöhen, da das Umland teilweise tiefer liegt als die Reuss selbst.» Den Fluss tiefer zu legen sei ebenfalls keine Option. «Dann würde man das Grundwasser abgraben.» Das Reusstal sei der wichtigste Grundwasserträger in dieser Region. «Der einzige Weg ist also die Verbreiterung.» Der Landverbrauch durch das Projekt betrage jeweils 28 Hektaren Wald- und Landwirtschaftsflächen sowie 37 Hektaren ungenutzte Flächen, die dem Gewässerraum zugewiesen würden und extensiv, also schonend, zu bewirtschaften seien.

Poker um Bundesgelder

Die aufliegenden Pläne stossen bei der IG Reuss, die sich für Land- und Waldeigentümer engagiert, auf wenig Gegenliebe. «Die minimen Änderungen sind nicht zufriedenstellend», sagt Patrick Schmid. Der IG-Präsident arbeitet auf dem Landwirtschaftsbetrieb seiner Eltern in Emmen, der ebenfalls vom Projekt betroffen ist. «Der Kanton ist zu wenig auf unsere Stellungnahmen eingegangen.» Schmid übt aber auch grundsätzliche Kritik. «Das Projekt beruht darauf, viel Fläche für Renaturierungen zu brauchen, um Geld in Bern abzuholen.» Die Kritik ist nicht unbegründet: Der Kanton hofft nämlich, dass der Bund 80 Prozent der Kosten übernimmt. Bedingung für diese hohe Beteiligung ist jedoch, dass im Projekt möglichst viele Renaturierungsmassnahmen enthalten sind. Das sieht das nationale Gewässerschutzgesetz von 2011 vor. Und Renaturierungen brauchen nun einmal Platz. Der zuständige Regierungsrat Robert Küng (FDP) räumte bereits vor einem Jahr ein, dass die Re­naturierung «auch einen finanziellen Hintergrund» hat (Ausgabe vom 16. Januar 2015).

Landverlust ist existenzbedrohend

Einige Grundeigentümer trifft es besonders hart. Beispielsweise die Familie Lötscher, die in Gisikon entlang der Reuss einen Biohof betreibt. Sie verliert rund 6,5 Hektaren an die verbreiterte Reuss. «Wir werden sicher Einsprache machen», sagt Alois Lötscher. «Fällt so viel Land weg, könnten wir unseren Hof nicht mehr betreiben.» Er verlangt daher Realersatz. In den aufgelegten Dokumenten schreibt der Kanton, dass Realersatz für verlorenes «so weit als möglich» angestrebt werde. Enteignungen seien nur als «letztes Mittel» anzuwenden.

Bauern erhalten 9 Franken/m2

Ein weiteres Thema ist der Landpreis. So seien laut Albin Schmidhauser zahlreiche Stellungnahmen eingegangen, die verlangen, dass der Kanton einen höheren Landpreis an die Eigentümer zahlt. Dieser liegt bei etwa 9 Franken pro Quadratmeter (Ausgabe vom 30. März 2015).

Die detaillierten Pläne sind noch bis am 24. März öffentlich bei den be­troffenen Gemeinden aufgelegt. In dieser Zeit kann man Einsprachen bei der Gemeinde einreichen. Nach Ostern gehen diese weiter an den Kanton, danach beginnen die Einspracheverhandlungen. Geplant ist, dass bis im Jahr 2019 die Bewilligung für das Projekt vorliegt. 2020 könnte dann der Baustart erfolgen, die Arbeiten dauern voraussichtlich bis 2031. Der Kanton rechnet nicht damit, dass er beim Baustart bereits alle für das Projekt notwendigen Landstücke erworben hat. Dieser Prozess dürfte ebenfalls bis 2031 dauern.


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