Der Nölliturm ist jünger als bisher angenommen

JUBILÄUM ⋅ Morgen Samstag ist Tag der offenen Museggtürme – dabei wird nachträglich auch das Jubiläum 500 Jahre Nölliturm gefeiert. Doch Forschungen stellen dieses Jubiläum nun in Frage.
12. September 2014, 13:00

Morgen Samstag ist Tag der offenen Museggtürme in der Stadt Luzern. Von 10 bis 17 Uhr kann die Bevölkerung acht der neun Türme dieses Wahrzeichens von Luzern, das sich im Besitz der Stadt befindet, von innen besichtigen. Zusätzlich holt die altehrwürdige Zunft zu Safran morgen das 500-Jahr-Jubiläum «ihres» Nölliturms nach (Ausgabe vom 9. September), das sie 2013 wegen dringend notwendiger Sanierungsarbeiten verschieben musste.

«Stets ein unsicheres Gefühl»

1513: Dieses Jahr, in dem wütende Bauern von Ruswil gegen Luzern zogen und im «Zwiebelkrieg» städtische Gemüsegärten zerstörten, gilt offiziell als Entstehungsjahr des Nölliturms. So steht es in den Geschichtsbüchern; so haben wir es in der Schule gelernt; und so erzählen wir es den Touristen aus aller Welt weiter, die dem trutzigen Turm an den Ufern der Reuss ihre Aufwartung machen. Und jetzt die Hiobsbotschaft aus der Kantonsverwaltung: «Die Jahreszahl 1513 stimmt gar nicht», sagt der Luzerner Kantonsarchäologe Jürg Manser auf Anfrage unserer Zeitung.

Wie bitte? «Ich hatte stets ein unsicheres Gefühl, was die Entstehungsgeschichte und Datierung des Nölliturms betrifft», sagt Manser, «jetzt habe ich Gewissheit.» Der Grund für seine Zweifel waren die vier von aussen gut sichtbaren Wasserspeier unterhalb des Zinnenkranzes ganz oben am Turm. «Sie wären dazu da, das Regenwasser vom Wehrgang abzuleiten, machen aber überhaupt keinen Sinn, da über ihnen ein Dach ist und deshalb gar kein Wasser in die Speier fliessen kann.»

Holz aus dem Winter 1527/28

Manser und sein Team haben die seit knapp einem Jahr im Gang befindlichen und demnächst abgeschlossenen Sanierungsarbeiten am Nölliturm genutzt, um Gewissheit über dessen wahre Entstehungsgeschichte zu erhalten. Und tatsächlich: «Wir sind bei unseren archäologischen Untersuchungen auf Erkenntnisse gestossen, die ein Umschreiben der Nölliturm-Geschichte verlangen.»

Doch der Reihe nach: Laut Manser ergaben dendrochronologische Untersuchungen beim Dach sowie den Böden im ersten und zweiten Turmgeschoss, dass deren Holz von 1527/28 stammt. Mittels Dendrochronologie wird das Alter des Holzes aufgrund von dessen Jahresringen mit höchster Genauigkeit bestimmt. «Man kann davon ausgehen, dass das Holz in jenem Winter geschlagen wurde und dass dann im selben Jahr damit der Dach- und Innenausbau des Nölliturms erfolgte», so Manser.

Bau von 1516 bis 1519

Damit ist schon einmal klar, «dass der Turm nicht auf einmal entstanden ist», so Manser. Doch es geht noch weiter. «Wir beauftragten die Historikerin Waltraud Hörsch, sich im Staatsarchiv Luzern auf die Suche nach Originalquellen im Zusammenhang mit dem Nölliturm-Bau zu machen», erzählt Manser. Und siehe da: Hörsch wurde fündig. «Sie stiess tatsächlich auf das Dossier mit der Baubeschreibung und der Säckelmeisterabrechnung von damals», so Manser. «Dort heisst es klipp und klar, dass der Bau des Turms neben dem Lindentor, bei dem es sich eindeutig um den Nölliturm handelt, im Zeitraum von 1516 bis 1519 erfolgte.»

Der Nölliturm wurde also drei bis sechs Jahre später als bisher angenommen gebaut. Pikant ist: Das Deckblatt des Originaldokuments mit der Bauabrechnung von damals ist mit «Nölliturm 1513» gekennzeichnet – wohl der Grund dafür, dass spätere Forscher dies als Entstehungsjahr annahmen. Doch auch das entlarvt Manser. «Die Deckblatt-Schrift ist eine andere als die Schrift im Dokument selber», sagt er, «das Deckblatt wurde wohl nachträglich hinzugefügt.» Und zwar, so vermutet Manser, von keinem Geringeren als dem späteren Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat (1545–1614). Die irrtümliche Datierung erfolgte also schon ganz früh – und von sehr prominenter Seite.

«Hieb- und stichfest»

Die Entstehungszeit 1516 bis 1519 des Nölliturms sei «hieb- und stichfest», sagt Manser. «Das bisherige Datum 1513 kann man damit definitiv in den Abfalleimer der Geschichte verbannen.» Doch ein Widerspruch bleibt: Warum die Entstehungsjahre 1516 bis 1519, wenn doch das Holz für den Dachbau und die Innenausstattung von 1527/28 stammt? «Da ist tatsächlich eine Diskrepanz, die wir nicht mit letzter Sicherheit erklären können», sagt Manser.

«Wir hätten gerne vertieftere Abklärungen gemacht», so Manser. «Aber leider konnten wir nur dort, wo die Wände ohnehin für die Sanierung offengelegt wurden, tiefer blicken. Wir konnten nicht den ganzen Verputz wegkratzen. Das hätte die Festvorbereitungen arg beeinträchtigt.»

So gebe es zurzeit nur Hypothesen: Vielleicht war der Turm oben ursprünglich offen, und Dach- und Innenausbau erfolgten später – das würde die Wasserspeier erklären, die zuerst effektiv ihren Dienst taten und dann später als dekoratives Element am Turm belassen wurden. «Wie der Nölliturm zwischen 1519 und 1528 wirklich aussah, werden wohl erst unsere Nachkommen bei der nächsten Sanierung feststellen», sagt Manser.
Jubiläum findet wie geplant statt

Trotz überraschender neuer Erkenntnisse: Das Nölliturm-Jubiläum findet morgen wie geplant statt. Das bestätigt Thomas Gübelin, der Festverantwortliche der Safran-Zunft. Safran-Zunftarchivar Christoph Stoos hatte vor wenigen Tagen bei der Vorstellung des Festprogramms selbst leise Zweifel an der offiziellen Entstehungsgeschichte des Nölliturms geäussert. «Ob 1513 das Jahr der Grundsteinlegung oder der Fertigstellung des Turms war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen», meinte er.

Nun ist klar: Das Datum 1513 gehört in Sachen Nölliturm definitiv der Vergangenheit an. Wer weiss, vielleicht ist dies gar eine Chance: «Jetzt kann man das Turmjubiläum ja nochmals feiern – und zwar 2019», meint der Kantonsarchäologe Jürg Manser lachend.

Hinweis: Die Illustrationen der Museggtürme und die meisten Informationen auf dieser Seite stammen aus dem 2012 vom Verein & Stiftung für die Erhaltung der Museggmauer herausgegebenen Buch «Die Museggmauer – Neun Türme über der Stadt Luzern».

Tag der offenen Museggtürme

Samstag hb. Acht der neun Museggtürme können morgen Samstag an einem Tag der offenen Tür von 10 bis 17 Uhr besichtigt werden. Nicht zugänglich ist der Luegisland.

Die Türme können individuell besichtigt werden. Es gibt Informationen vor Ort. Wegen beschränkter Kapazitäten gibt es bei einzelnen Türmen eventuell Wartezeiten.

Es gibt geführte historische Rundgänge vom Historischen Museum über die Spreuerbrücke zum Nölliturm und weiter entlang der Mauer zum Sportplatz Bramberg. Zünftler der Zunft zu Safran in historischer Kleidung begleiten die Besucher. Diese erfahren auf dem Weg viel Wissenswertes zur Museggmauer. Start ist beim Historischen Museum am Kasernenplatz ab 9 Uhr alle 20 Minuten mit einer Gruppengrösse von rund 20 Teilnehmern. Interessierte finden sich vor Beginn einer Führung im Historischen Museum ein (keine Reservationen).

Festwirtschaft mit Speis und Trank auf dem Bramberg-Sportplatz. Oberhalb des Bramberg-Sportplatzes führen die Herrgottskanoniere eine Geschützschule durch. Auch der Wasserturm öffnet morgen von 9.45 bis 17 Uhr seine Türen.
HINWEIS: Weitere Infos: www.museggmauer.ch, www.zunft-zu-safran.ch

Das sind die Türme der Museggmauer

Nölliturm

Als Baujahr galt bisher 1513. Neue Untersuchungen der Kantonsarchäologie zeigen nun, dass der Bau später erfolgte, von 1516 bis 1519. Gar erst 1528 wurden das Dach und der Innenausbau erstellt (siehe Hauptartikel). Der Nölliturm ersetzte einen früheren Wehrturm am Reussufer. Aus unverputzten Sandsteinquadern erbaut, entsprach er verteidigungstechnisch dem Stand der Zeit. 1900/01 erfolgte der Durchbruch für den St.-Karli-Quai. Seit 1922 ist der Turm an die Zunft zu Safran vermietet.

Morgen, am Tag der offenen Museggtürme, führt die Zunft zu Safran alle 30 Minuten eine geführte Tour durch den Nölliturm durch. Dabei kann man unter anderem den Wappensaal und den Safran-Zunftschatz besichtigen.

Männliturm

Seine Baugeschichte ist praktisch unerforscht. Der Turm trägt seinen Namen – und wohl auch den geharnischten Krieger auf einem seiner Erkertürmchen – seit mindestens 1440. Im Turm war ab 1847 kurze Zeit die optische Telegrafie für die militärische Nachrichtenübermittlung eingerichtet. Auch während des Zweiten Weltkrieges waren mehrere Türme für militärische Zwecke reserviert. Seit 1978 ist der Turm öffentlich zugänglich.
Trotz noch nicht ganz abgeschlossener Sanierung wird der Männliturm morgen frei begehbar sein. Über 138 Stufen gelangt man hier zur wohl schönsten Aussicht über die ganze Stadt.

Luegisland

Kurz nach 1367 erbaut und damit der bislang älteste bekannte Teil der Museggbefestigung. Er erhielt seinen Namen durch die seit mindestens 1397 auf ihm hausenden Wächter (gemäss Verordnung von 1447 waren sie für die Feuerbeobachtung, die Angabe des Stundenschlages und andere Wachaufgaben beauftragt). Der Luegisland ist mit 52,6 Metern Höhe der höchste Museggturm. Obergaden und Dach gehen auf eine Renovation um die Mitte des 15. Jahrhunderts zurück.
Der Luegisland kann morgen als einziger Museggturm nicht begangen werden, da sich sein Zugang auf privatem Grund befindet.

Wachtturm

Er erscheint im Staatsbautenverzeichnis von 1577 unter dem Namen Heuturm – mit Zinne gekrönt und ohne Dachaufbau. Der als Pulvermagazin dienende Turm explodierte am 30. Juli 1701 durch Blitzschlag. Die Katastrophe forderte fünf Menschenleben und richtete in der ganzen Stadt grossen Gebäudeschaden an. Unmittelbar nach dieser Katastrophe wurde der Turm von Grund auf neu gebaut. Die namengebende Wache wurde aber erst 1768 vom Luegisland hierher verlegt.
Morgen erhalten die Besucher hier Informationen zum Leben der Vögel und Fledermäuse rund um die Museggmauer.

Zytturm

1403 wurde er als Wehr- und Zeitturm zugleich erbaut. In ihm fand die älteste öffentliche Stadtuhr ihren Platz. Das Glockentürmchen erhob sich frei über dem Wehrgang, bis man es 1508 in das neue Dachgeschoss integrierte. Das Uhrwerk trägt das Datum 1535, die Glocke zeigt Reliefs einer Kreuzigung und eines Luzerner Schildes. Heute ist im Zytturm eine Sammlung von Luzerner Grossuhrwerken vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert ausgestellt.
Morgen, am Tag der offenen Museggtürme, ist der Zytturm frei begehbar. Der Stadtuhrmacher und sein Team werden durch die Ausstellung führen.

Schirmerturm

Nach dem Grossbrand vom 13. Mai 1994 konnte die Baugeschichte des Schirmerturms vollständig geklärt werden. Er entstand 1420 als gegen die Stadtseite offener Schalenturm. Schon im 15. Jahrhundert wurde er mehrfach umgebaut: Man schloss die offene Südseite und veränderte das innen liegende Pultdach. Noch vor 1513 erhielt der Turm seine heutige Dachform.
Der Schirmerturm ist morgen frei begehbar. Das Historische Museum gibt darin zudem eine Vorschau auf seine am 26. September startende Ausstellung «Die Mauer – von Musegg bis Gaza».

Pulverturm

Der Stadtstaat Luzern hatte das Schiesspulver vorsorglich in zwei Türmen eingelagert. Wenn, wie 1701 beim Heuturm, ein Unglück passierte, blieb die Hälfte des Pulvers im andern Turm gesichert. Der Pulverturm gehört zu den ältesten Bauten auf der Musegg. Sein Bauholz wurde im Herbst/Winter 1398/99 geschlagen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde der Innenausbau erneuert. Die Vermutung, dass sich im unteren Teil des Turms Reste der Stadtburg verbergen, verweisen Fachleute ins Reich der Legenden.
Der Pulverturm dient heute der Weyzunft als Zunftstube. Die Zunft wird den Besuchern morgen Erläuterungen abgeben.

Allenwindenturm

Seine Baugeschichte ist – abgesehen vom 1540/41 datierten Dachstuhl – noch ungeklärt. 1866 wurde in ihm eine Schlauchtrocknungsanlage für die Feuerwehr eingerichtet. Seit 1970 ist der Allenwindenturm an die Vereinigung Luzerner Maskenfreunde und den 1908 gegründeten Tambourenverein der Stadt Luzern vermietet. Die Tambouren, Pfeiferinnen und Pfeifer des Tambourenvereins halten hier das ganze Jahr über ihre Proben ab.
Morgen kann der Allenwindenturm frei begangen werden. Es gibt Informationen durch die Maskenfreunde und den Tambourenverein.

Dächliturm

Der schlanke, 27 Meter hohe Dächliturm mit seinem Pyramidendach steht am östlichen Ende der 870 Meter langen Museggmauer. Er präsentierte sich Ende des 16. Jahrhunderts als gegen die Stadt hin offener Schalenturm. Sein steiles Pyramidendach erhielt er 1449. Erst 1728 wurde die gegen die Stadt offene Seite geschlossen, der Innenausbau erfolgte frühestens 1731.
Seit 1936 ist der Dächliturm das Versammlungslokal des Verbands schweizerischer Schreinermeister. Diese präsentieren den Besuchern morgen unter anderem die stilvoll ausgebaute Turmstube.


Leserkommentare

Anzeige: