Peter Füglistaler: «Der Luzerner Durchgangsbahnhof wird kommen»

VERKEHR ⋅ Für Peter Füglistaler (57) ist die Frage nicht, ob, sondern wann Luzern einen neuen Bahnhof erhält. Der Direktor des Bundesamts für Verkehr verteidigt ausserdem sein Vorgehen im Streit um einheitliche Tarife.
27. Januar 2017, 05:00

Interview: Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

In Ittigen bei Bern ist zusammen, was zusammengehört: Auf einem Areal stehen die Verwaltungsgebäude der Bundesämter für Umwelt, Verkehr, Strassen, Umwelt und Kommunikation. Zusammenführen ist auch das Ziel des Direktors des Bundesamts für Verkehr (BAV), Peter Füglistaler. Er will das Tarifsystem im Schweizer ÖV – bestehend aus Strecken- und Zonenbilletten – vereinheitlichen. Notfalls soll künftig der Bund eine Organisation bestimmen können, welche die sogenannte Systemführerschaft im Bereich Verkehr übernimmt (Ausgabe vom 9. Januar). Die Verkehrskommission des Nationalrats hat allerdings ­letzte Woche empfohlen, die entsprechende Botschaft mit dem Namen Organisation der Bahninfrastruktur an den Bundesrat zurückzuweisen.

Der Weg zu Füglistalers Büro führt durch bunte Lounge-Inseln, die man eher bei Google vermuten würde. Insellösungen, deutet der BAV-Chef im Interview an, sind nicht das Ziel im ÖV. Das gelte auch mit Blick auf den Luzerner Durchgangsbahnhof. Das Projekt sei von einem anderen abhängig.

Peter Füglistaler, Luzern und die Zentralschweiz warten seit der «Bahn 2000» auf versprochene Infrastrukturausbauten. Das 2,4 Milliarden Franken teure Projekt Tiefbahnhof stösst bis jetzt nicht auf Ihre Gegenliebe. Täuscht dieser Eindruck?

Derzeit «liebt» mich niemand. Zürich nicht, weil der Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen nicht versprochen ist. Basel wartet auch schon lange auf ein Projekt, Bern und das Wallis ebenfalls. Es geht hier nicht um Sympathien und Vorlieben für Projekte, sondern um deren sachliche Bewertung und das Setzen von Prioritäten aus nationaler Optik. Der Bundesrat hat uns am Mittwoch damit beauftragt, bis Ende 2017 einen Vernehmlassungsentwurf auszuarbeiten (siehe Box, die Red.). Erst dann wird klar sein, welche Projekte der Bundesrat bis 2030 oder 2035 zur Realisierung vorsieht.

Was heisst das konkret für den Tiefbahnhof: Gibt es dazu eine Alternative?

Die Frage beim Durchgangsbahnhof ist nicht, ob er kommt, sondern wann er kommt und ob er ohne Zimmerbergtunnel die erhofften Verbesserungen bringt.

Aus Ihrer «nationalen Optik» ist also der Zimmerbergtunnel zwischen Zürich und Zug dringender?

Dieses Projekt hat eine höhere Priorität, weil der Durchgangsbahnhof nur damit seine volle Wirkung entfalten kann.

Das würde bedeuten, dass der Tiefbahnhof noch nicht im Ausbauschritt 2030/35 berücksichtigt wird. Darauf deutet auch die Aussage von Verkehrsministerin Doris Leuthard (CVP), wonach der Tiefbahnhof und das Strassenprojekt Bypass aufeinander abgestimmt werden müssen. Auch wenn sich der Luzerner Stadtrat derzeit gegen die kantonale Spange Nord wehrt, die ein elementarer Teil des Bypasses ist, scheint das Strassenprojekt beim Bund die Nase vorne zu haben.

Der Entscheid, welche Strassen- und Eisenbahnprojekte in den nächsten Jahren realisiert werden, liegt letztlich beim Parlament. Vorentscheide gibt es wie gesagt keine. Auch wenn der Durch­gangsbahnhof nicht in den nächsten Ausbauschritt käme, würde er nicht von der Liste der nötigen Projekte verschwinden. Der Durchgangsbahnhof wird kommen. Es ist nur die Frage, wann wir ihn finanzieren können. Voraussichtlich ab etwa 2025 wird der nächste Ausbauschritt dem nationalen Parlament vorgelegt. In der Zwischenzeit kann die Projektierung weitergeführt werden.

Trägt der Bund, wie der Luzerner Regierungsrat Robert Küng (FDP) vermutet, den topografischen Verhältnissen Luzerns zu wenig Rechnung?

Ich bin beruflich und privat knapp 80 Mal pro Jahr im Zug unterwegs. Und ich bin sehr oft in Luzern und besuche fast jedes Heimspiel des Handball-Clubs Kriens. Die Topografie von Luzern ist uns bekannt und wird auch in die Überlegungen einbezogen.

Bundesbern stellt Luzern auf das Abstellgleis: Diesen Eindruck erhält man auch, weil seit Dezember nur noch eine morgendliche Direktverbindung von Luzern ins Tessin besteht. Wird das mit dem nächsten Fahrplanwechsel besser?

Bern ist nicht immer gleich Bern. Die Fahrpläne werden von den SBB gemacht und nicht im BAV. In der Tat finden auch wir die Einbindung von Luzern nicht optimal. Bei der Fahrplanerstellung gibt es heute eine Systemführerschaft, die bei den SBB liegt. Der konkrete Fall zeigt, dass sich das BAV nicht in die operative Gestaltung der Fahrpläne einmischt. Aber wenn uns die Kantone ­diese Kompetenz geben, werde ich mich gerne dafür einsetzen.

Apropos Systemführerschaft. Was das Vereinheitlichen von Strecken- und Zonenbilletten betrifft, wollen die Kantone – und mit ihnen nun die Verkehrskommission des Nationalrats – mehr Mitsprache. Warum tun Sie sich mit dem Föderalismus so schwer?

Föderalismus, der zu guten Lösungen für die ÖV-Kunden führt, unterstütze ich voll und ganz. Das zeigt der Planungsprozess zum Ausbauschritt 2030/35, bei dem wir die Kantone in den Ausbau des ÖV in einer Art einbeziehen, wie es das noch nie gab. Ausserdem wird diskutiert? dass sich der Bund weitgehend aus dem Bestellprozess des regionalen Personenverkehrs zurückziehen könnte, auch wenn er weiterhin die Hälfte der Abgeltungen bezahlt. Wenn Föderalismus aber bedeutet, dass wir in der Schweiz 26 kantonale Fahrausweissortimente haben, die das Benützen des ÖV unnötig erschweren, hemmt dies Verbesserungen. Es ist schwer zu verstehen, dass ein kleines Land wie die Schweiz zwischen 6000 und 7000 unterschiedliche Billette hat. Übrigens haben wir nach der Vernehmlassung im Gesetzesentwurf eingefügt, dass die Kantone bei der Beauftragung von Systemführerschaften anzuhören sind. Zudem sind für jede einzelne Systemführerschaft schriftlich der Umfang und der Inhalt sowie der Einbezug der Kantone zu regeln. Damit sind wir den Kantonen weit entgegengekommen. Ich bin bereit, noch einen Schritt weiterzugehen, wenn dies die Befürchtungen der Kantone beseitigt und der Sache dient.

Trotzdem: Der Branchenverband des öffentlichen Verkehrs erarbeitet bereits eine Lösung, um die Tarifsysteme zu vereinheitlichen. Warum braucht es zusätzlichen Druck vom Bund?

Es braucht den Druck, weil die Branche seit Jahren zu keinen Lösungen kommt. Diese Einschätzung teilen viele innerhalb der Branche. Einzelne Verkehrsverbünde verweigern die Mitarbeit. Damit wird alles blockiert, und wir stehen mit dem bisherigen, komplexen Tarifsystem den Ansprüchen der Kunden und den Herausforderungen der Digitalisierung gegenüber. Das kann nicht gut gehen und gefährdet das ÖV-Erfolgsmodell Schweiz.

Stichwort Digitalisierung: Wie sieht Ihrer Meinung nach der öffentliche Verkehr in Zukunft aus?

Der ÖV wird auch künftig jeden Tag sehr viele Menschen pünktlich, sicher und bequem transportieren. Dies mit hoher Wahrscheinlichkeit in elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Ein Grossteil davon wird sich auf Schienen bewegen. Es wird heute viel von Digitalisierung gesprochen. Da wird sich einiges entwickeln. Doch das Rückgrat des ÖV bleiben Schienen und Fahrzeuge.

Hinweis: Peter Füglistaler (57) ist in Wohlen AG aufgewachsen und seit Juni 2010 Direktor des Bundesamts für Verkehr. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Wabern bei Bern.


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