«Die Geiss ist entweder gesund oder tot»

LUZERN ⋅ Die Zahl der Ziegen habe in der Schweiz stark zugenommen, wurde jüngst vermeldet. Das ist eine glatte Übertreibung. Statistisch kam es gar zu einem Rückgang. Für viele Bauern bleiben die Tiere trotzdem ein wichtiger Ertragsfaktor.

27. November 2016, 07:00

Das Verhältnis zwischen Menschen und Ziegen ist durchaus ambivalent. Während der Teufel von Künstlern vielfach bocksfüssig und mit Ziegenhörnern dargestellt wird, dient der Ziegenbock auch als Glücksbringer, wie das Beispiel von «Hennes», so der Name des Maskottchens des 1. FC Köln, zeigt. Geissen gelten landläufig als schlau, aber stur. Auch «Schnäderfrässigkeit» wird ihnen nachgesagt.

Peter Kaufmann hat sich fast sein ganzes Leben lang mit Geissen beschäftigt. Der Landwirt aus Nebikon hält 140 Saanenziegen. Als sein Vater vor 35 Jahren mit der Haltung von diesen Tieren anfing, startete dieser mit 30 Stück. Kaufmann sagt, bei Ziegen sei es ähnlich wie bei Spitzensportlern: «Damit die Leistung stimmt, muss auch die Ernährung passen.» Und Kaufmann sagt noch etwas anderes: «Die Geiss ist entweder gesund oder tot.» Das heisst, im Krankheitsfall ist der Handlungsspielraum für den Veterinär nicht allzu gross. Denn die handelsüblichen Medikamente werden an Schweinen oder Kühen getestet. Es ist wie in der Humanmedizin mit den seltenen Krankheiten: Das Marktpotenzial für die Industrie ist zu wenig gross.

Familienbetriebe stehen im Vordergrund

Ziegenmilch ist leicht verdaulich und wird auch von Laktose-Allergikern vertragen. Gemäss Ursula Herren, Geschäftsführerin des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes, erhalten die Bauern pro Kilo Ziegenmilch beim Verkauf an einen Verarbeiter in der Regel zwischen einem und 1.40 Franken. Das ist wesentlich mehr, als für Kuhmilch bezahlt wird. Dort liegt der Preis laut Ivo Wolfisberg vom Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband bei durchschnittlich etwa 60 Rappen. Eine Kuh liefert pro Jahr in etwa 7500 Liter Milch. Bei den Ziegen sind es wesentlich weniger, je nach Rasse maximal 1000 Liter. Ziegenhalter wie Peter Kaufmann sind oft auf ein zweites Standbein angewiesen. In seinem Fall ist das die Aufzucht von Rindern für die Milchwirtschaft.

Die grössten Ziegenhalter in der Schweiz besitzen bis zu 400 Tiere. Im benachbarten Ausland wie Italien oder Frankreich sind die Herden mit bis zu 1000 und mehr Geissen wesentlich grösser. Kaufmann warnt vor solchen Verhältnissen: «Die Ziegenhaltung in der Schweiz muss eine Nische bleiben. Massenhaltung verträgt sich schlecht mit dem Tierwohl, und das wird hierzulande dank den Familienbetrieben hochgehalten.»

Als Familienbetrieb wird auch die Liegenschaft von Herbert Wirz im Gebiet Steinhuserberg bei Wolhusen geführt. Auf dem Gut leben 100 Gämsfarbige Gebirgsziegen. Diese verbringen den Winter im Stall mit genügend Auslauf, im Sommer sind sie auf der Weide. Gemäss Wirz hat ein Ziegenhalter seine Tiere «zu begreifen». Will heissen, der Bauer muss ein Flair dafür entwickeln, dass es seinen Tieren wohl ist und diese gesund sind. Wirz sagt: «Nur eine gesunde Geiss ist rentabel und liefert Milch mit genug Fett und Eiweiss.»

Thomas Heer


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