Die Salle Modulable soll auf den See

LUZERN ⋅ Für das neue Musiktheater sind drei Standorte im Rennen. Zwei davon seien unmöglich, sagt ein Luzerner Planerteam – und bringt einen neuen Standort ins Spiel.
31. August 2015, 07:04

Hugo Bischof

Die Salle Modulable, das in Luzern geplante neue Musiktheater, soll südlich anliegend ans Inseli zu stehen kommen – im Bereich der heutigen Bootsplätze (siehe Karte «neuer Standort» und Fotografie unten). Diese Idee ist neu. Sie stammt von André Meyer, dem früheren Luzerner Denkmalpfleger und ehemaligen Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege. Er entwickelte sie gemeinsam mit Bruno Hermann von der Luzerner Architektengemeinschaft 4.

Offiziell sind für die Salle Modulable noch drei Standorte im Rennen: Theaterplatz, Carparkplatz Inseli und Schotterplatz Alpenquai (siehe Karte). Dies gab die Projektleitung (Kanton, Stadt Luzern, Stiftung Salle Modulable) Ende 2014 bekannt. Die Firma Ernst Basler und Partner erarbeitet zurzeit eine Studie zur vertieften Standortabklärung; Arup USA klärt die Machbarkeit ab. Ende 2015 soll eine Standortempfehlung vorliegen. Bis dahin will sich die Projektleitung nicht zur Standort-Frage äussern.

Theater-Abriss «unmöglich»

Mitten hinein in diese von der Projektleitung verfügte Kommunikationspause platzt nun die neue Standort-Idee von Meyer/Hermann. Die beiden haben eine klare Haltung zu den offiziellen Standorten. Den Theaterplatz lehnen sie rundweg ab. «Der Abriss des 1838/39 erbauten Luzerner Theaters ist aus städtebaulicher und denkmalpflegerischer Sicht unmöglich», so Meyer. Es sei neben La Chaux-de-Fonds das älteste bürgerliche Theater der Schweiz und «der beste klassizistische Bau der Stadt Luzern». Zudem sei es im Inventar der schützenswerten Bauten eingetragen: «Das bedingt eine Stellungnahme des Bundes, da die Stadt Luzern als Ortsbild von nationaler Bedeutung (Isos) eingestuft ist.»

Gravierend sei auch, dass ein neues Theater «hart an die Jesuitenkirche, ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung, zu stehen käme», so Meyer. Die Lichtführung in der Kirche würde dadurch «aufs Stärkste beeinträchtigt». Zwar stand bis Mitte des 20. Jahrhunderts zwischen Theater und Jesuitenkirche ebenfalls ein grosses Bauwerk – der Freienhof, eine aus dem 16. Jahrhundert stammende gotische Stadtvilla, die 1949 abgerissen wurde. «Diese verfügte – im Gegensatz wohl zur geplanten Salle Modulable – aber über einen Innenhof, der die Lichtführung an der Ostfassade der Jesuitenkirche nicht beeinträchtigte», sagt Meyer (siehe Schwarz-Weiss-Foto oben links). Dass die kantonale Denkmalpflege bisher nicht gegen den Abbruch des Theaters und die Beeinträchtigung der Jesuitenkirche opponiert und den Standort als inakzeptabel deklariert habe, ist für Meyer «unverständlich».

Auch der Inseli-Carparkplatz ist für Meyer/Hermann untauglich. «Beschränkt auf den Carparkplatz allein, resultiert dort eine schmale lange Parzelle, die für einen Theaterbau ungeeignet ist», so Meyer. Zudem: «Eine Beeinträchtigung des Baumbestands oder gar Beanspruchung des Inselis wird von uns und der Bevölkerung strikt abgelehnt.»

Verbleibt der Schotterplatz Alpenquai. «Viele lehnen diesen Standort ab, da er nicht in Gehdistanz zum KKL liegt», sagt Meyer. Und das, obschon er «praktisch gleich weit entfernt ist wie der Theaterplatz». Für Meyer wäre dieser Standort «eigentlich ideal». Er erlaube «ein architektonisches Konzept und – da er nicht auf die Umgebung Rücksicht nehmen muss – gestalterische Freiheiten».

Über «grünen Teppich» ins Theater

Dennoch schlagen Meyer/Hermann nun den neuen Standort Inseli Süd vor. Er habe viele Vorteile, betonen sie:

  • Das Inseli bliebe vollumfänglich erhalten. «Eine nicht zu unterschätzende Chanceim Hinblick auf eine auf jeden Fall notwendige Volksabstimmung», so Meyer.
  • Das Inseli wür­de «zur grünen Aufmarsch-Achse zum neuen Theater».
  • Der Theater-Neubau läge in Gehdistanz zum KKL. «Die beiden Gebäude würden sich so zu einem kulturellen Zentrum verbinden.»
  • Das neue Theater könnte mit einem Foyer und Restaurant zum See hin «attraktiv gestaltet werden».

Der Standort Inseli Süd würde zwingend Seegrund beanspruchen. Das sei heikel, räumen Meyer/Hermann ein, «aber gewiss nicht heikler als der Abriss des Luzerner Theaters». Sie erinnern daran, dass nicht weit davon entfernt, am Alpenquai, in den 1970er-Jahren eine grosse Seeaufschüttung entstand – die heutige Ufschötti. Alternativ könnte das neue Theater auch «auf Stelzen in den See hineingestellt werden», so Meyer.

Der neue Standort brächte eine «echte städtebauliche Aufwertung», betont Meyer. Mittelfristig, wenn das Carproblem gelöst sei, könnte das Inseli gar in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden, also «wieder zu einer echten Insel werden». Vor der Aufschüttung des Inseli-Kanals in den 1960er- Jahren war das Inseli rundherum umgeben von Wasser, verbunden mit zwei Brücken und Liegeplätzen für Boote. Wo heute der Carparkplatz ist, war ein Kanal (Schwarz-Weiss-Foto oben rechts).

Die Planer der «Salle» warten ab

Meyer/Hermann verstehen den neuen Standort als «konstruktiven und städtebaulichen Vorschlag – mit der Bitte an die Verantwortlichen, auch diesen in die Evaluation einzubeziehen». Die städtische Kulturchefin Rosie Bitterli, Projektleiterin Neue Theater-Infrastruktur, will sich zur neuen Standort-Idee nicht äussern: «Wir warten das Ergebnis der Standortevaluation ab.»

Für das Projekt Salle Modulable, welches das heutige Luzerner Theater ersetzen soll, stellte der 2010 verstorbene Mäzen Christof Engelhorn einst 120 Millionen Franken in Aussicht. Nach Abzug der Planungs- sowie Rechts- und Administrativkosten stehen für den Bau noch rund 80 Millionen Franken zur Verfügung. Die Salle Modulabe soll 2023 ihren Betrieb aufnehmen.

Prüfenswert

Eine Salle Modulable auf dem See, in Sichtdistanz zum KKL, auf der anderen Seite des Inselis: Mit dieser neuen Standort-Variante rührt der frühere Luzerner Denkmalpfleger André Meyer ein Tabu an – die Beanspruchung von Seegrund. Wie viele Emotionen und Widerstände dies auslösen kann, zeigte sich schon bei der Projektierung des KKL, wo ebenfalls eine Erweiterung Richtung See geprüft wurde.

Die Idee hat aber einiges für sich. Der Inseliquai südlich des KKL ist städtebaulich eine mittlere Katastrophe. Pläne für eine Verbesserung schieben die Stadtbehörden seit Jahrzehnten immer wieder hinaus. Ein attraktives Kulturgebäude an dieser Stelle könnte da neuen Schwung bringen.

Stolpersteine gibt es aber viele, etwa die Auswirkungen auf die Baukosten. Auch müsste anderswo Ersatz für die heutigen 50 Bootsanlegeplätze gefunden werden. Dennoch: Auch wenn die offiziellen Stellen derzeit schweigen – prüfenswert ist der neue Standort auf jeden Fall.

Kommentar: Hugo Bischof


1 Leserkommentar

Anzeige: