«Die Übernahme» ist kein Luzerner Modell

PODIUM ⋅ In Basel hat Christoph Blocher als grosser Geldgeber das Gesicht der einzigen Tageszeitung beeinflusst. Die Empörung in der Rheinstadt ist ungebrochen gross. Auch in der Zentralschweiz wird geklagt: Über die dominierende Neue Luzerner Zeitung. Aber Luzern scheint nicht Basel zu sein.

15. April 2015, 09:41

Christian Volken

Im Februar 2010 mischte sich der SVP-Stratege Christoph Blocher über Darlehensgarantien in die Besitzverhältnisse der «Basler Zeitung» ein. Es war der letzte einer ganzen Reihe von Besitzerwechseln in kurzer Zeit. Der Film «Die Übernahme» der Aktion RettetBasel! handelt davon und vom stückweisen Bekanntwerden der neuen Besitzverhältnisse.

Die Kamera fängt zudem eine Diskussion ein, an der sich vier Jahre später an einer Veranstaltung Basler betroffen und kritisch über den strammen SVP-Kurs der Basler Zeitung unter ihrem Chefredaktor Markus Somm äussern. Sie kommentieren konkrete Beiträge, die veranschaulichen wie, Autoren zur Darstellung von Sachlagen mit Vermutungen, Unterstellungen und Gerüchten operieren.

Seit rund einem Jahr gehört die «Basler Zeitung» neu Christoph Blocher, Chefredaktor Markus Somm und dem bisherigen CEO Rolf Bollmann. Die Übernahme sorgt in Basel nachhaltig für Aufruhr. Doch der Wellenschlag reicht nicht bis Luzern: Der Film «Die Übernahme» und ein anschliessende Diskussion mit Thomas Bornhauser, Chefredaktor der Neuen Luzerner Zeitung, SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, Marco Meier,  Philosoph, Journalist und Publizist, und dem Moderatoren Beat Mazenauer lockte am Mittwochabend nur ganz wenige Interessierte ins stattkino.

Gab es eine «gute alte Zeit?»

Die Diskussionsteilnehmer kamen geradewegs auf die Luzerner Mediensituation zu sprechen. Genauer auf die Zeiten, als es in Luzern noch drei Tageszeitungen gab: die beiden Parteiorgane «Vaterland» (CVP) und Luzerner Tagblatt (Liberale) und die Luzerner Neusten Nachrichten. «Wir waren verwöhnt», sagte Marco Meier, «hinter den klar positionierten Blättern standen klar positionierte Menschen. Die heutigen Forumszeitungen liefern nur noch mittlere Grautöne.» Er fragte, ob die Medien, die in vielen Regionen auf eine einzige Stimme reduziert seien, die «grosse Aufgabe der vierten Gewalt» noch wahrnehmen könnten.

Yvette Estermann sehnt sich ebenfalls nach den Zeiten mit mehr Auswahl zurück. Vielfalt zu lesen sei heute aufwändiger geworden: «Ich wäre froh, man hätte die früheren Zeiten zurück», sagt sie, die auch weiss, was tatsächliche Monopolstellung der Medien bedeutet: In der damaligen Tschechoslowakei, aus der sie stammt, hatten die Staatsmedien das Sagen.

Heute gebe es neben dem Kanal der Zeitung für die Publikation das Internet, wehrte sich Thomas Bornhauser gegen eine vermeintliche Verarmung der Meinungsvielfalt. Ob die frühere Situation mit den drei Tageszeitungen wirklich die «gute alte Zeit» gewesen sei, stellt er in Frage: Die damaligen Abonnenten ihrer Leibblätter «haben ihre Zeitung mit Scheuklappen gelesen. Die Vergleichsleser, das waren eine absolute Minderheit.» Die Rolle der Forumszeitung sei, dass man auch die Meinung anderer lesen könne.

«Der dossiersichere Journalist fehlt»

Eine Zeitung, so Estermanns Vorstellung, dürfe ganz schlicht sein. Sie müsse in erster Linie Informationen liefern, über die man diskutieren könne. Wichtig sei, dass die Leserschaft nicht den Eindruck habe, sie werde «auf eine falsche Piste» geschickt, ergänzte Bornhauser. Die Zeitung sollte die Basis schaffen, dass man seine Wahrnehmung zumindest ergänzen könne: «Dieses Kulturgut müssen wir pflegen und verbessern.»

Marco Meier wurde konkret. Er vermisse an der Neuen Luzerner Zeitung ein Profil, den «Stempel des Chefredaktors», aber auch Journalisten, die bestimmte Dossiers bewirtschafteten und dadurch Kompetenz entwickelten. «Aber der Beruf des Journalisten hat sich verändert, er muss heute quasi zwei, drei Berufe gleichzeitig machen» (mit der Hand zeigte er auf den online-Journalisten, der zugleich Fotos schoss und Notizen niederschrieb).

Qualität wird immer kosten

Die Wandlungen, die sich auf den Inhalt der Zeitung auswirken, betreffen nicht nur das Berufsbild des Journalisten: Gemäss Thomas Bornhauser muss sich die Neue LZ von den Gratiszeitungen und -informationen abheben, unter anderem mit Service, Ratgeber und Lebenshilfe. Und ja, auch mit der Handschrift des Chefredaktors, der sich in die Themengewichtung einmische.

Apropos Gratis – da gab es unter den drei Stimmen die Einigkeit, dass auf die Dauer Qualität immer etwas kosten wird. Das Multimediale gewinne stark, konstatierte Thomas Bornhauser. Woher aber in Zukunft genügend Geld für Qualität kommen sollte, dazu gab es nur hypothetische Aussagen. Etwa, wie Marco Meier sinnierte, durch die Quersubventionierung durch höher rentable Werbekanäle, etwa des Fernsehens. Von staatlichen Eingriffen riet Yvette Estermann ab, das werde nicht gut kommen. Reaktionen auf den sich verändernden Medienkonsum solle der Markt selber vornehmen.

Ein gutes Pferd

Oder ob es, wie bei der Basler Zeitung, schlussendlich einen Investor brauche, «einen wie Blocher, der sich auch einmischt», fragte Beat Mazenauer. Für ein solches Szenario, so die Einschätzung von Thomas Bornhauser, ist die Neue LZ im NZZ-Konzern ein klar zu gutes Pferd.

Und ob sich die SVP in den Medien zu wenig repräsentiert fühle, bohrte Mazenauer direkt bei Yvette Estermann nach. Die SVP-Nationalrätin antwortete entwaffnend: «Zu wenig repräsentiert? Ja – wie jede Partei.»

Nochmals Film und Diskussion

Das stattkino zeigt den Film «Die Übernahme» nochmals: am Mittwoch, 22. April um 20.30 Uhr.

Anschliessend diskutiert ein Podium über die letztlich gescheiterten Versuche in Luzern, Alternativen zur einzigen Tageszeitung zu lancieren. Es diskutieren der Autor Guy Krneta, Mitinitiant des Films, und die Luzerner Journalistin und Texterin Sandra Baumeler. Moderation: Beat Mazenauer.


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