Der Alltag pendelt sich wieder ein

LUZERN ⋅ Nach knapp fünf Tagen ist am Montagmorgen um 4.22 Uhr der erste Zug vom Luzerner Bahnhof in Richtung Olten abgefahren. Damit endeten für die Bahnreisenden fast fünf Tage des Ausnahmezustandes.
Aktualisiert: 
27.03.2017, 19:00
27. März 2017, 05:28

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch

Unter der Langensandbrücke hindurch verlässt ein Zug den Bahnhof Luzern. Ein paar Gleisarbeiter in orangenen Tenüs beobachten ihn. Ein Montag wie jeder andere. Fast. Im Bahnhof Luzern gibt eine weibliche Stimme eine Gleisänderung durch. «Der Interregio nach Arth-Goldau fährt um 6.18 Uhr auf Gleis 4 statt Gleis 7.» Auf besagtem Gleis 7, da steht hinter Absperrungen eine rote Diesellok, gefolgt von einigen silbernen Wagen des Unglückszuges der Trenitalia, der am vergangenen Mittwoch um 13.56 Uhr entgleiste. Fast fünf Tage hat der Unfall den Bahnhof Luzern weitgehend blockiert.

Florian Kaufmann betritt kurz vor 7 Uhr das Perron, wo der Zug nach Bern bald wieder planmässig abfahren soll. «Das Pendeln in den vergangenen Tagen war schon auch anstrengend», sagt der 30-jährige Anwalt, der täglich mit dem Zug von Luzern nach Zürich oder Bern fährt. Vor allem ausserhalb der Stosszeiten habe sich sein Arbeitstag in die Länge gezogen. Statt um 22 Uhr war er am Freitag erst um 23 Uhr zu Hause. «Nach einer langen Arbeitswoche gibt es Schöneres, als eine halbe Stunde in Sursee auf den Anschlusszug zu warten», gibt er zu bedenken. Auch wenn etwas umständlich, sei die Fahrt aber grundsätzlich gut organisiert gewesen. «Nach Zürich bin ich dann am Freitag trotzdem mit dem Privatauto gefahren.» Heute fährt sein Zug wieder pünktlich um 7 Uhr ab.

Der freiwillige Einsatz der «Heimweh-Luzerner»

Bevor er in den RegioExpress nach Bern steigt, nimmt der Pendler noch ein Säckchen mit roten Schokoladenherzen entgegen, das SBB-Mitarbeiter verteilen. Mit ihren knallgelben Westen sind sie der deutlichste Hinweis darauf, dass dieser Montagmorgen eben nur fast ein ganz normaler ist. «Danke für ihre Geduld in den vergangenen Tagen während des Bahnunfalls», sagt Sarah Troxler. Die «Heimwehluzernerin», wie sie selber sagt, ist eine von zahlreichen Freiwilligen SBB-Mitarbeitern, die heute im Einsatz sind. «Über das interne Netz sind wir in den vergangenen Tagen aufgeboten worden, heute auszuhelfen. Es ist megacool, wie die Leute reagieren und wie viele wir sind.» 25 Freiwillige waren ursprünglich eingeteilt. Doch ein Blick über die Perrons verrät: Es sind einige mehr gekommen. Noch immer zahlreich strömen die Pendler auf die Perrons an Sarah Troxler vorbei und nehmen ihren Arbeits- oder Schulweg in Angriff. «Danke für ihre Geduld in den vergangenen Tagen.» Seit 5 Uhr morgens ist sie auf den Beinen. Jetzt in der Stosszeit hat sie alle Hände voll zu tun. «Ich hoffe, die Schokoladenherzen reichen bis 8 Uhr», sagt sie mit einem Lachen.

Eine Frau blickt etwas verwirrt um sich, weil ihr Zug nicht auf dem vorgesehenen Gleis auf sie wartet. Mit Schlaf in den Augen und einem Kaffeebecher in der Hand schaut sie auf die grosse Anzeigetafel. Sie dreht sich um und geht stracks auf Gleis 3 zu. Sie wäre wohl kaum aufgefallen an einem normalen Montagmorgen. Doch dieser Montag am Bahnhof Luzern war eben nur fast normal. Die Geduldsprobe der vergangenen Tage wird bald wieder der gewohnten Pendlerroutine weichen. Auch bei Florian Kaufmann. Um 8.20 Uhr ist er pünktlich in seinem Büro. 

  • Im Bahnhof Luzern herrscht wieder Betrieb. Die Züge fahren wieder nach der Zugentgleisung. (© Boris Bürgisser (LZ))
  • Im Bahnhof Luzern herrscht wieder Betrieb. Die Züge fahren wieder nach der Zugentgleisung. (© Boris Bürgisser (LZ))
  • Im Bahnhof Luzern herrscht wieder Betrieb. 
Im Bild: SBB-Mitarbeiter entschuldigen sich bei den Pendlern mit Schokolade. (© Boris Bürgisser (LZ))

Nach fast komplettem Stillstand während viereinhalb Tagen verkehren seit Montagmorgen die Züge wieder planmässig.

  • Bahnarbeiter bei Reparaturarbeiten der Geleise im Bahnhof Luzern am Sonntag. (© Urs Flüeler / Keystone)
  • Die Zeit drängt: Der Betrieb muss am Montagmorgen wieder funktionieren. (© Urs Flüeler / Keystone)
  • «Normalerweise haben wir für so einen Auftrag mehrere Monate Zeit. Jetzt sind es wenige Tage», sagt Roman Steiner, der die Arbeiten auf der Baustelle koordiniert. (© Jakob Ineichen)

Nach der Zugentgleisung vom 22. März sind Gleisbauer im Bahnhof Luzern mit Muskel- und Maschinenkraft daran, die Weichen und weitere Geleise wieder in Stand zu setzen. Ein Augenschein vor Ort.

Video: Bahnhof Luzern ist wieder offen

Am Montagmorgen fuhren die Züge wieder planmässig am Bahnhof Luzern. Nach viereinhalb Tagen freuten sich die Reisenden, dass sie wieder den geregelten Weg auf sich nehmen konnten. (Tele1, 27. März 2017)

Video: Weshalb entgleiste der Zug in Luzern?

Die Unfallursache ist weiterhin unklar. Der Zug der Trenitalia und die Weichen am Bahnhof Luzern waren wenige Tage vor dem Unfall überprüft worden. Die SBB beschwichtigt: "Bei der Sicherheit machen wir kein Kompromiss". (Tele1, 27. März 2017)


Video: Rückkehr zum Normalbetrieb im Bahnhof Luzern

Nach über viertägigem Unterbruch verkehren die Züge der SBB im Bahnhof Luzern seit dem frühen Montagmorgen wieder nach Fahrplan. Mit einer Geschenkaktion bedankte sich die Bahn bei den Pendlern für ihre Geduld. (sda, 27.03.2017)

Video: Bahnhof Luzern: Reparaturarbeiten an den Gleisen

Derzeit wird an der betroffenen Stelle am Bahnhof Luzern gearbeitet, um den Bahnhof für den Zugverkehr zugänglich zu machen. Bis am Montag stehen noch so einige Arbeiten an. (chg, )




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