Drei Generationen am Postschalter in Kastanienbaum

HORW ⋅ Der Name Zurflüh stand fast 100 Jahre lang für den Posthalter in Kastanienbaum – sogar der erste Lebensmittelladen im Quartier geht auf die Familie zurück. Sie wird jetzt zum Filmthema.

15. Oktober 2016, 05:00

Die Geschichte der Poststelle in Kastanienbaum war bewegt: Von einer einfachen Ablage zur ausgereiften Postfiliale und künftig wieder zurück zum Agenturmodell. Gezügelt wurde im Laufe der Zeit öfters. Bereits 1881 gab es im Hotel Kastanienbaum eine «rechnungspflichtige Postablage». Die Hotel-Ablage leitete der damalige Wirt Heinrich Habermacher gleich selber. Die Briefe und Pakete wurden damals mehrmals täglich per Schiff nach Kastanienbaum gebracht.

Jetzt, rund 135 Jahre später, kommt das Hotel erneut zu Postehren. Denn die Poststelle Kastanienbaum schliesst per 7. November, das Hotel betreibt ab dann eine Postagentur. Damit schliesst sich der Kreis. Der letzte Posthalter in Kastanienbaum war Ruedi Zurflüh. Seit 17 Monaten ist er pensioniert, die Filiale wird vorübergehend von der Post Kriens aus geführt.

1917 kam Robert Zurflüh aus dem Eigenthal

Zurflüh und Post in Kastanienbaum: Das passt zusammen. 98 Jahre lang trug der Posthalter auf der Halbinsel diesen Nachnamen. Ruedi Zurflüh und seine Frau Judith waren 33 Jahre das Posthalterehepaar von Kastanienbaum und beendeten die Zurflüh-Ära. Vor Ruedi Zurflüh waren schon sein Grossvater und sein Vater Posthalter auf der Halbinsel.

1917 kam Robert Zurflüh, der Grossvater von Ruedi Zurflüh, als Posthalter nach Kastanienbaum und startete die 98-jährige Posthalterdynastie. Er war Nachfolger von Sidonja Peier, der von 1907 bis 1917 in der Villa Seeheim direkt am See die Postgeschäfte leitete. Heute ist an diesem Ort das Seeforschungsinstitut der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) untergebracht.

Robert Zurflüh kam damals mit 35 Jahren vom Eigenthal nach Kastanienbaum – mit Ross, Wagen und einer Ladung Möbel. Zu Beginn blieb er ein paar Monate in der Villa Seeheim. Doch er wollte Posthalter werden. Damals war man als Posthalter noch selbstständiger Unternehmer und sein eigener Chef. Doch um Posthalter zu werden, musste er ein eigenes Postgebäude erstellen. So lautete die Vorgabe, um von der Kreispostdirektion gewählt zu werden. Im Neubau wurde gleichzeitig ein Kolonialwarenladen eingerichtet und eine Wohnung für die vierköpfige Familie. «Es entstand eine grosse Küche, vier Schlafzimmer und ein kleines WC. Eine Stube und ein Badezimmer gab es damals nicht», sagt Ruedi Zurflüh. Als das Haus im Jahr 1918 nach nur viermonatiger Bauzeit fertig erstellt war, wechselte Grossvater Zurflüh vom Seeheim an die Kastanienbaumstrasse. Er führte die Postagentur, seine Frau Josephine den Laden. Und mit dem Spezereiwarenladen hatte das Quartier auch seinen ersten Lebensmittelladen. Robert Zurflüh war aber nicht nur hinter dem Schalter anzutreffen, sondern auch an der Haustür. Denn er verteilte die Post in Kastanienbaum persönlich. Damals gar dreimal täglich.

Die Agentur wurde 1924 zum Postbüro mit Telefonzentrale. Das bescherte der ganzen Familie den Stöpseldienst, wie Ruedi Zurflüh in seiner Dynastie-Chronik schreibt. Denn von der Kastanienbaumstrasse aus wurde in die ganze Welt verbunden. Und da schon damals einige Halbinselbewohner internationaler Herkunft waren, kam es wegen der jeweiligen Zeitverschiebung zum ersten 24-Stunden-Service.

Nach 31 Jahren übernahm Sohn Robert 1948 die Poststelle und führte diese die nächsten 34 Jahre. Auch er baute: Es entstand ein grösseres Postbüro. Die Post wurde jetzt «nur» noch zweimal täglich an die 85 Haushaltungen verteilt. Zu Beginn noch mit dem Velo, später motorisiert mit dem Solex oder Condor-Puch-Töffli. Ein weiteres Novum waren die 78 Postfächer, die im Jahr 1981 eingebaut wurden, so auch der ebenerdige Zugang – nach einem erneuten Umbau – und die Parkplätze vor der Poststelle.

«Ich trage das Post-Gen in mir»

Dass auch Ruedi Zurflüh im Dienste des gelben Riesen arbeiten würde, lag auf der Hand. Geprägt von seinem Vater und nach Absolvieren der Verkehrsschule, übernahm er 1982 die Poststelle. Diese wurde in der Zwischenzeit wieder zu klein und ein dritter Neubau, diesmal ebenerdig an die beiden andern Gebäude angehängt, wurde in eigener Regie gebaut. Neu konnten hier 78 Postfächer und erstmals Parkplätze angeboten werden. Auch seine beiden Geschwister und seine Tochter arbeiteten bei der Post.

Bedient hatte Ruedi Zurflüh an die 480 Haushaltungen: «Wir kennen praktisch alle, die hier wohnen.» Und umgekehrt gilt das natürlich auch. Die Poststelle wickelte aber nicht nur klassische Postgeschäfte ab. Sie war auch Tourismus-Infostelle, dort wurden Busbillette verkauft und Lottoscheine entgegengenommen. «Als Pöstler habe ich viel erfahren, war eine beliebte Ansprechperson und manchmal gar ein Seelsorger», sagt Zurflüh. Er konnte auch Auskunft geben über Dinge, die vorne in der Gemeinde vor sich gingen, beschreibt Zurflüh, der heute noch auf der Halbinsel wohnt. «Ich trage ein Post-Gen in mir.»

Doch das Geschäft wandelte sich ab 1993. Briefe wurden immer seltener geschrieben und Einzahlungen via Internet getätigt. Daher wurden zunehmend Drittprodukte wie Handys, Papeterieartikel, Bücher und ein Minikiosk mit Süssigkeiten in das Sortiment aufgenommen. Dieser Verkauf stabilisierte den Umsatz. Ruedi und Judith Zurflüh blicken zurück: «Die vielen Kontakte haben unser Leben bereichert. Und da wir ja noch hier wohnen, bleiben sie bestehen.»

Sandra Monika Ziegler

Der Name Zurflüh stand fast 100 Jahre lang für den Posthalter in Kastanienbaum – sogar der erste Lebensmittelladen im Quartier geht auf die Familie zurück. Sie wird jetzt zum Filmthema.


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