Düstere Prognosen für die Schattenbranche

BRIEFKASTENFIRMEN ⋅ Weder Mitarbeiter noch ein eigenes Büro: Domiziladressen sind in Luzern seit der Halbierung der kantonalen Firmensteuern sehr beliebt. Doch der Boom wird bald vorbei sein, sagt ein Treuhandexperte.
21. April 2017, 05:00

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch

Unscheinbar ist das Haus an der Murbacherstrasse 37 in Luzern, und doch haben sich hier auf vier Etagen nicht weniger als 400 Unternehmen niedergelassen. Ein Blick ins kantonale Handelsregister zeigt: Es handelt sich dabei überwiegend um Inhaber von Coop-Tankstellen aus der ganzen Schweiz, die sich über eine c/o-Adres­se von der ansässigen Treuhandfirma vertreten lassen. Gleich um die Ecke bietet sich ein ähnliches Bild: An der Obergrundstrasse 17 sind 220 Firmen untergebracht. Auch hier mit c/o-Adres­se, auch hier führen die Fäden bei ein und derselben Gesellschaft zusammen: der Telan AG.

Das Geschäft mit Briefkastenfirmen boomt. Das zeigt sich auch anhand von zahlreichen Anbietern, die übers Internet Firmendomizile anpreisen. Die Findea AG mit Hauptsitz in Winterthur zum Beispiel bietet Firmen an neun Schweizer Standorten «ein repräsentatives Domizil». Auch in Luzern. Allerdings ist hier wie auch in Zürich und Genf der Preis 1200 Franken höher als andernorts. Das Standardpaket kostet in Luzern 3000 Franken pro Jahr. Es umfasst nur die Adresse, also das Domizil. Wer sich die Post weiterleiten lassen will, bezahlt dies zusätzlich nach Aufwand, bei einem Stundenansatz von 75 Franken.

Zweifelhafter Ruf wegen Besteuerung

Briefkastenfirmen wie auch die Betreuung solcher sind nicht illegal. Doch ihr Ruf ist zweifelhaft. Im Kanton Luzern ist das seit 2012 spürbar, als die Unternehmensgewinnsteuer halbiert wurde. Das hat Firmen angezogen, die Arbeitsplätze und Wertschöpfung mitgebracht haben. Gekommen sind aber auch Unternehmen, die in Luzern nur virtuellen Charakter haben: Adresse, Telefon- und Faxnummer. In vielen Fällen profitieren diese Domizilfirmen vom tiefen Steuersatz.

Offen über die Steuervorteile sprechen die Adressanbieter nicht. Michele Blasucci, Direktor und Verwaltungsratspräsident der Findea AG, antwortet auf schriftlich gestellte Fragen nur: «Ich bin hier die falsche Ansprechperson, wir arbeiten vor allem mit Schweizer Start-ups, die noch gar keine eigenen Büros haben (aus Kostengründen).» Wie viele «Start-ups» auf ein eigenes Büro verzichten, also nur für das Standardpaket mit Adresse zahlen, bleibt unklar. Auch Telan-Aktionär und Treuhänder Kurt Bättig distanziert sich vom Briefkasten-Image, wenn es sich um «steuerlich bevorzugt behandelte Domizilgesellschaften im Rahmen einer internationalen Struktur» handle. «Der Hauptgrund, weshalb alle Coop-Tankstellen ihren Sitz in Luzern haben, liegt in der administrativen Vereinfachung, wenn lediglich mit einem anstatt mit 26 Handelsregisterämtern verkehrt werden muss», so Bättig. Dies gelte auch für andere amtliche Schreiben. «Steuern zahlen sie ordentlich – und zwar an ihrem jeweiligen Standort.»

Bättig betreue die Tankstellenbetreiber, weil Coop diese Schnittstelle nicht selber wahrnehmen wollte und weil Bättig empfohlen worden sei. Dass er sich schon den Titel «inoffizieller Schweizer Meister in der Domizilhaltung» anhören musste, nimmt Bättig gelassen, «weil damit keine steuerlichen Optimierungen angestrebt werden».

Es scheint auch Unternehmen zu geben, die sich mit der Betreuung von Domizilgesellschaften ein weiteres Standbein aufbauen wollen. Die Remicom, sonst vor allem als Immobilienmaklerin bekannt, warb auf dem Immobilienportal Homegate bis zum Zeitpunkt unserer Recherche unter dem Slogan «Steuern sparen im Kanton Luzern!» für ein sogenanntes Domizilierungspackage. Darin enthalten: Adressbenutzung, Telefon-, Fax- und Postservice.

Hinter der Remicom-Agentur Luzern steht Marcantonio Lagalante. Er sagte auf Anfrage: «Das Inserat ist seit etwa zwei Jahren im Umlauf. Ich bin überrascht, dass es noch aufgeschaltet ist, da wir solche Dienste überhaupt nicht mehr anbieten.» Damals habe Remicom lediglich «im Zusammenhang mit einer Unternehmensberatung einen Sitzungsraum zur Verfügung gestellt». Drei Firmen hätten diesen zwischenzeitlich auch benutzt; zwei aus der Hotelleriebranche, eine aus der Gesundheitsbranche. «Reine Domizilierungen bieten wir nicht an», stellt Lagalante klar. «Das zählt nicht zu unseren Kernkompetenzen. Wir konzentrieren uns auf das Vermitteln von Geschäftsliegenschaften.» Das Inserat ist mittlerweile gelöscht worden.

Wirtschaftsförderung geht auf Distanz

Das Geschäft mit virtuellen Domiziladressen ist nicht das, womit sich der Kanton Luzern offiziell brüsten will. Lieber spricht man von der Ansiedlung neuer Arbeitsplätze, von neuen Steuerzahlern und guten Firmennamen mit entsprechendem Image. Walter Stalder, Direktor der Wirtschaftsförderung, distanziert sich denn auch etwas von der Domizilbranche: «Was verschiedene Treuhand- und Beratungsfirmen machen, ist legitim. Aber es ist sicher nicht unsere Strategie und Aufgabe, diese Geschäftsidee speziell zu pflegen.»

Dieser Meinung ist auch Bruno Käch. Der Chef der Gewerbe-Treuhand AG, einer Firma des Gewerbeverbands des Kantons Luzern, bestätigt den Trend bei den Domizilgesellschaften seit 2012. Wobei bei diesen Gesellschaften zwischen echten mit Personal und Büros und unechten ohne jegliche Infrastruktur zu unterscheiden sei.

Letztere, also die Briefkastenfirmen, werden vom Gesetz zwar weiterhin toleriert. Steuerlich aber werden sie schon länger bekämpft. Der Europäischen Union und der G20 sind die Steuervorteile ein Dorn im Auge. Sie hätten mit der Schweizer Unternehmenssteuerreform III auch verschwinden müssen. «Die Abschaffung der privilegierten Besteuerung von Domizilgesellschaften wird aber auch in der Steuervorlage 17 des Bundes wieder eine Rolle spielen – wegen des Drucks aus dem Ausland», sagt Käch im Hinblick auf das Nachfolge-Regelwerk der Unternehmenssteuerreform.

Käch, der auch Präsident der Zentralschweizer Vereinigung der diplomierten Steuerexperten ist, folgert deshalb: «Die Zeit der Briefkastenfirmen wird bald vorbei sein – und darum auch die Betreuung solcher Firmen.»


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