Ein Sieg für die spielenden Kinder

LUZERN ⋅ Juchzend eine Rutschbahn runterrutschen: Kindern macht das Spass, den Nachbarn teils weniger. Das Bezirksgericht hat in einem Fall nun aber klar zu Gunsten der Kinder entschieden.

14. Februar 2016, 05:00

«Nur die Ruhe bewahren», heisst es so schön. Das ist im Umgang mit Kindern teils gar nicht so einfach – vor allem wenn man sich im Büro kaum auf die Arbeit konzentrieren kann, weil diese direkt vor dem Fenster unter lautem Schreien und Johlen «Fangis» spielen. Eine solche Situation ist auch einem Liegenschaftsbesitzer in der Stadt Luzern ein Dorn im Auge. Über fünf Jahre lang spielten die Kinder, in einer bei ihm eingemieteten Kindertagesstätte, im sonnigen Innenhof. Anfangs waren es 12, zwischenzeitlich waren es bis zu 24 Knirpse, die da herumtollten. Unzumutbar sei das für die Nachbarn, die im Haus Büroraume gemietet haben. Kurzerhand beschloss der Vermieter, den Kita-Kindern den Zugang zum kleinen Spielplatz per sofort zu verbieten.

Verbot erfolgte zu Unrecht

Jetzt hat ihn das Luzerner Bezirksgericht allerdings zurückgepfiffen. Das Verbot ist nicht rechtmässig, wie aus dem nun bekannt gewordenen Urteil hervorgeht. Der Innenhof gehöre zur gemeinschaftlichen Infrastruktur. Der Vermieter habe zum Zeitpunkt der Mietvertragsverhandlungen nichts gegen die Benützung durch die Kinderkrippe einzuwenden gehabt. «Demnach durfte diese in guten Treuen davon ausgehen, dass die Mitbenutzung zum vertragsgemässen Gebrauch der Mietsache gehört», heisst es weiter. Da er der Kita den Zugang über gut zwei Jahre verwehrt hatte, soll der Vermieter für diese Zeit eine Mietzinsreduktion von 10 Prozent gewähren. Zusammen mit den Gerichts- und Anwaltskosten dürfte ihn die Niederlage fast 10 000 Franken kosten.

Mietermix provoziert Probleme

Umtriebe und Kosten sind mit ein Grund, warum der Hauseigentümerverband Luzern betroffenen Hausbesitzern rät, so lange wie möglich auf rechtliche Schritte zu verzichten – und stattdessen das Gespräch mit den Mietparteien zu suchen. «Steht man erst mal vor einem Richter, ist meist schon zu viel Geschirr zerschlagen, um noch eine vernünftige Lösung zu finden», erklärt Geschäftsleiter Lucas Halter. In ihren Beratungen sei Lärm öfters Thema. «Wichtig ist, dass man sich vor Vertragsabschluss überlegt, wie ein idealer Mietermix aussieht», rät er deshalb. «Büroräume und eine Kita in der gleichen Liegenschaft unterzubringen – damit provoziert man die Probleme ja geradezu.» Wer vor einer Vermietung auf eine gute Durchmischung achte, erspare sich oft viel Ärger im Nachhinein.

Tatsächlich geraten Hausbesitzer bei Lärmbeschwerden oftmals zwischen die Fronten. «Als Vermieter hat man ja nicht nur gegenüber einer Kita, sondern auch gegenüber den anderen Mietern vertragliche Verpflichtungen. Auch diese können bei übermässiger Lärmbelastung eine Mietzinssenkungsklage beim Vermieter einreichen – und der Liegenschaftsbesitzer hat unter Umständen die entsprechenden Verluste zu tragen», warnt Lucas Halter. Er glaubt festzustellen, dass die Lärmtoleranz in den letzten Jahren gesunken ist. «Durch die ansteigende Arbeitsbelastung und die zunehmende Verdichtung der urbanen Räume, reagieren die Menschen oft empfindlicher, wenn sie sich an der Arbeit oder an ihrem Rückzugsort gestört fühlen», vermutet er.

Vorteil: Ruhe am Wochenende

Von Seiten der städtischen Behörden rät man sowohl Vermietern wie auch Kindertagesstätten, vor Vertragsabschluss ein offenes Gespräch zu führen. «Dass eine Kita der Nachbarschaft ganze Nachmittage mit Kinderlärm lang zur Last fällt, ist eher selten», sagt Monika Hürlimann, Bereichsleiterin Vorschulalter. Oft seien die Betreuerinnen und Betreuer mit den Kindern unterwegs. Und: «Es kann durchaus auch Vorteile haben, eine Kita in der Nachbarschaft zu haben. Denn am Wochenende und Abend herrscht immer Ruhe – es gibt Leute, die schätzen das.»

Nichtsdestotrotz stellt man bei der Stadt fest, dass Kinderkrippen Mühe haben, in Wohngebieten Räume zu finden – was auch mit einer gewissen Zurückhaltung seitens der Vermieter zusammenhängen könnte. Entsprechend sind die Kindertagesstätten unregelmässig über das Stadtgebiet verteilt. In gewissen Quartieren gibt es gar keine. So zum Beispiel im Udelbodenquartier, das ausgerechnet zu den kinderreicheren Stadtteilen gehört – rund ein Viertel der Bevölkerung ist unter 18-jährig.

Lena Berger

Eine Karte aller Kitas in der Stadt Luzern finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bonus


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