Forscher brauen Weltraum-Bier in Luzern

WISSENSCHAFT ⋅ Aus Hefe, die in der Schwerelosigkeit gezüchtet wird, entsteht ein neues Bier. Dank dieses Experiments könnten künftig Nahrungsmittel im All «angepflanzt» werden.

14. Oktober 2016, 05:00

Space Bier heisst das neuste Bier aus Luzern. Speziell daran: Es wurde von Wissenschaftlern erfunden. Den Gerstensaft haben Forscher des Kompetenzzentrums Aerospace Biomedical Science and Technology der Hochschule Luzern entwickelt. Gebraut wird es von der Brauerei Luzern AG. Space Bier heisst es wegen der speziellen Hefe. Diese wurde in Schwerelosigkeit gezüchtet. Gemacht wurde dies nicht im Weltraum, sondern in einem Bioreaktor, wo die Hefepilze während zehn Tagen simulierter Schwerelosigkeit ausgesetzt wurden. «Die Hefe wächst in der Schwerelosigkeit anders als in einem Umfeld mit Schwerkraft. Dadurch erhält das Bier auch eine leicht veränderte Geschmacksnote», sagt Marcel Egli, Leiter des Kompetenzzentrums, das sich in Hergiswil befindet. Was genau mit den Hefezellen passiert, sei nicht ganz klar, da noch keine Analysen erstellt wurden. «Fest steht aber, dass das Bier absolut geniessbar ist», so Egli, der die erste Probe selbst degustiert hat.

Wie genau das Bier schmecken wird und welche Farbe es hat, könne man jetzt noch nicht sagen, so David Schurtenberger, Geschäftsführer der Brauerei Luzern. «Wir haben erst in einem Probesud getestet, ob die Hefe noch aktiv ist und wie gewohnt funktioniert.» Für das eigentliche Space Bier werde ein anderer Hopfen und ein anderes Malz verwendet. Das Bier, das ab 1. Dezember erstmals erhältlich sein wird, befindet sich jetzt noch im Gärungsprozess. Geplant ist, dass es bei der Brauerei im Tribschenquartier gekauft werden kann. Noch offen ist, ob es permanent oder nur in limitierten Editionen erhältlich sein wird. So oder so ist für Schurtenberger klar: «Es ist toll, dass wir die Möglichkeit haben, mit einem neuen Rohstoff zu arbeiten und an einem Forschungsprojekt teilzunehmen.»

Wie verhalten sich menschliche Zellen im All?

Wie kommen die Weltraumforscher der Hochschule Luzern überhaupt dazu, ein Bier zu brauen? Eigentlich forschen sie über die Reaktionen von Zellen unter Einfluss von Schwerelosigkeit. Marcel Egli: «Hefezellen gelten als Modellorganismen für bestimmte Zellprozesse, die auch in tierischen Zellen zu finden sind. Da Hefe jedoch einfacher zu kultivieren ist, verwenden wir sie in der Weltraumforschung.» Mit den Erkenntnissen soll etwa die Frage geklärt werden, wie menschliche Zellen im All reagieren. Dieses Wissen ist die Voraussetzung, um das Gesundheits­risiko der Menschen zu minimieren, die dereinst die rund sechsmonatige Reise zum Mars auf sich nehmen. Voraussichtlich soll 2019 ein Experiment des Kompetenzzentrums in Zusammenarbeit mit Forschungspartnern in der internationalen Raumstation ISS durchgeführt werden, bei dem Hefezellen in Bioreaktoren Stresssituationen ausgesetzt werden. «Wir untersuchen dabei, wie sich die zellulären Prozesse in einem Zustand ohne Kräfteeinwirkung in der Schwerelosigkeit verhalten, und vergleichen diese mit dem Verhalten unter Gravitationseinwirkung auf der Erde», so Egli.

Ein anderer Aspekt dieser Forschung – und hier kommt das Bier ins Spiel – ist die Züchtung von Nahrungsmitteln im All. «Die Idee dahinter ist, dass Astronauten Nahrung im All herstellen können, statt dass die gesamte Verpflegung von der Erde mitgeführt werden muss», erklärt Egli. Da sich in der Schwerelosigkeit aber alles ein wenig anders verhält, muss dies zuerst im Simulator getestet werden. «Wir lassen beispielsweise Kartoffeln und Tomaten unter Mars-Bedingungen wachsen. Diese Pflanzen sehen schon anders aus als die Vergleichsproben.» Die Bierherstellung sei in Zusammenhang mit der Hefeforschung denn auch ein naheliegendes Experiment gewesen, sagt Egli. «An Joghurt oder Brot haben wir zwar auch gedacht, uns dann aber für das Bier entschieden.»

Beatrice Vogel


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: