Fotokontrollen an der Luzerner Fasnacht

LUZERN ⋅ Erstmals wird die fasnächtliche Besuchermenge auf den Plätzen und Gassen überwacht – sogar mit Luftbildern. Das Fasnachtskomitee hinterfragt diese Übung.

08. Januar 2016, 05:01

Jérôme Martinu

Die fünfte Jahreszeit ist in der Stadt Luzern einzigartig – auch was den Publikumsaufmarsch betrifft: 2015 waren gemäss Schätzungen der Luzerner Polizei 150 000 Menschen unterwegs, im Jahr zuvor 121 000. Dabei strömen jeweils Zehntausende oftmals gleichzeitig in die Innenstadt. Wie unsere Zeitung bereits im letzten August öffentlich machte, will die Stadt Luzern diese Ausnahmesituation nutzen, um eine sogenannte «Crowd-Management»-Analyse zu erstellen. Ziel: herauszufinden, wie sich die Situation an der Fasnacht in der Innenstadt zeigt, «heikle Zonen zu erkennen und allenfalls Verbesserungsmassnahmen für die kommenden Jahre zu definieren». Mit dieser Aufgabe ist die Zürcher Firma ASE GmbH (Analysis Simulation Engineering) beauftragt worden (siehe auch Box).

Alle 30 Sekunden ein Foto

Für die Erhebung der Besucherzahlen und -ströme wird darum die Fasnacht erstmals auch aus der Luft überwacht, wie die Stadtbehörden auf Anfrage bestätigen. Und zwar dort, wo regelmässig eine grosse Besuchermenge zusammenströmt: bei der Rathaustreppe. An den drei offiziellen Fasnachtstagen schiesst dort eine Kamera im 30-Sekunden-Takt Luftbilder. Maurice Illi, städtischer Sicherheitsmanager und Leiter des Projekts, erklärt: «Die Kamera wird an einem kleinen Gerüst oben am Rathaus installiert. Sie wird so ausgerichtet, dass Treppe, Rathaussteg und Rathausquai im Blickfeld sind.» Die Fotos werden von der Firma ASE nach der Fasnacht analysiert, der Publikumsaufmarsch berechnet. Die Fotos werden die Datenschutzbestimmungen – Stichwort: Anonymisierung – einhalten. Weitere Kamerastandorte, etwa am Kapellplatz (Urknall), seien zwar diskutiert, aber auch aus Kostengründen verworfen worden. Auch Luftbilder aus dem Helikopter standen zur Debatte. Illi: «In Luzern ist das aber nicht praktikabel. In der Altstadt sind die Gassen zu eng und es ist zu dunkel am frühen Morgen und in der Nacht.» Einsätze von Foto-Drohnen wollte man nicht – aus Sicherheitsgründen.

Analyse kostet 40 000 Franken

Die Experten machen nebst den Luftbildern eine Begehung vor Ort – vor der Fasnacht. Hierbei wird die Geometrie, das heisst Grösse, Lage, Zugänge (bauliche), Hindernisse, der Fasnachtsschauplätze angeschaut und vermessen. So entsteht eine sicherheitstechnische Lagebeurteilung.

Die «Crowd-Management»-Analyse wird gemäss Illi rund 40 000 Franken kosten. Angesichts der laufenden Spardiskussionen ein ordentlicher Betrag für ein Projekt, das von aussen betrachtet nicht wirklich zwingend erscheint. «An der Fasnacht hat sich tatsächlich nichts Massgebliches verändert», räumt Maurice Illi ein. «Aber wir sind dennoch der Ansicht, dass eine solche Analyse sehr wichtig ist.» So werde etwa das Thema Massenpanik im Sicherheitsbericht 2013 aufgeführt. Und Mario Lütolf, Leiter der Abteilung Stadtraum und Veranstaltungen, betont: «Jede Grossveranstaltung erarbeitet ein Sicherheitskonzept. Die Qualität dieser Konzepte wollen wir auf Basis von guten Grundlagen zuverlässig beurteilen können. Die Fasnacht wollen wir nun für Erkenntnisse nutzen und Folgerungen ziehen für die Anforderungen an gute Sicherheitskonzepte.»

«Brennpunkte seit Jahren gleich»

Beim Lozärner Fasnachtskomitee LFK schaut man der Analyse entspannt entgegen, wie Mediensprecher Bruno Spörri auf Anfrage sagt. «Wir kennen die Brennpunkte bestens, es sind seit Jahren die gleichen. Aus unserer Sicht haben sich die Notfallkonzepte mit den freigehaltenen Fluchtwegen, etwa in der Furrengasse, bewährt.» Gemäss LFK ist der «wohl kritischste Zeitpunkt» der Güdismontagabend, wo 50 000 bis 60 000 Fasnächtler unterwegs seien. «Aber auch das ist nichts Neues, dafür bräuchte es eigentlich keine Studie», so Spörri.

Der LFK-Sprecher fragt sich auch, was der genaue Auslöser für die Crowd-Management-Übung ist. Denn: «Bisher gab es Gott sei Dank weder einen schlimmen Unfall noch eine Paniksituation.» Und die Besuchermenge sei in den letzten Jahren nicht gewachsen. «Es waren plus-minus immer etwa gleich viele. Und ich habe den Eindruck: Die Selbstregulierung funktioniert ziemlich gut.» Wichtig sei, so Bruno Spörri, dass immer wieder gegenseitige Rücksichtnahme und Toleranz angemahnt werden.

Für Mario Lütolf sind Sinn und Zweck der Übung unbestritten, zumal die Sicherheit von Grossanlässen allgemein und nicht speziell die Fasnacht der Auslöser sei. Und: «Es ist wichtig, bei Grossanlässen maximal sensibilisiert zu sein.» Lütolf verweist auf die Todesopfer, die es 2010 bei einer Massenpanik an der Loveparade in Duisburg gab. Oder auf die teilweise Schwerverletzten, die es 2013 wegen eines heftigen Unwetters beim eidgenössischen Turnfest in Biel gab.

Der städtische Sicherheitsmanager Maurice Illi ist vom geltenden fasnächtlichen Sicherheitskonzept überzeugt. Aber er ist dennoch gespannt auf die Analyseresultate: «Es ist gut möglich, dass wir zum Schluss kommen, zwei, drei weitere Altstadtgassen offen zu halten. So wie heute zu gewissen Zeiten die Furrengasse.»

Schnelle Räumung

Die Zürcher Firma ASE ist auf Personenflussanalysen spezialisiert und hat hierzu etwa auch schon das «Zürifäscht» überprüft. ASE geht bei ihren Untersuchungen unter anderem von diesen Grundsätzen aus:
Evakuierung: Das Verhältnis zwischen der zu entleerenden Fläche und der Breite des Fluchtwegs ist entscheidend.
Verkehrswege: Ein Fluchtweg sollte von jedem Besucher innert zehn Minuten erreicht werde können.
Rettung: Eine verletzte Person muss innert zehn Minuten zu einem Sanitätsposten gelangen oder durch ein Rettungsteam erreicht werden können.
Personenfluss: Damit Plätze nicht «verstopfen», muss der Ausgang einer Fläche mindestens gleich gross sein wie der Eingang.


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: