Gesucht: Ein Haus für Gott

RELIGIONEN ⋅ Das Gebiet Luzern Süd entwickelt sich zu einem eigenen Stadtteil. Auch die Kirchgemeinden wollen dort präsent sein. Ihre Idee ist für Luzern einmalig.
03. Mai 2017, 06:59

Christian Glaus

christian.glaus@luzernerzeitung.ch

Es ist quasi ein kirchliches Niemandsland – das Gebiet Luzern Süd, das sich hauptsächlich über Krienser und Horwer Boden erstreckt. Zwar sind die Quartiere den Pfarreien zugeteilt, physisch vor Ort sind aber weder die reformierte noch die katholische Kirche. Einzig der Islam ist vertreten mit der Dar-Assalam-Moschee.

Das soll sich mit der Entwicklung von Luzern Süd ändern. Geplant ist, dass das Gebiet in den nächsten 20 Jahren aufgrund der vielen Bauprojekte zu einem eigenen Stadtteil wird. 10'000 bis 15'000 neue Wohn- und Arbeitsplätze werden geschaffen. Diese Entwicklung beobachten vor allem die Katholiken genau: «Die Kirche muss dorthin gehen, wo auch die Menschen leben», sagt Ruedy Sigrist-Dahinden, Leiter des Pastoralraums Kriens, dem 17'000 Katholiken angehören. Schon seit einiger Zeit macht er sich Gedanken, wie die Kirche auf den entstehenden neuen Stadtteil reagieren soll. «Wir reflektieren die Entwicklungen immer wieder und hinterfragen dabei, ob Angebote und Räume sinnvoll eingesetzt werden.»

Ähnlich klingt es bei Romeo Zanini, Leiter des Pastoralraums Horw mit 8500 Mitgliedern. Den Pastoralraum gebe es seit 2011. «Nun machen wir uns Gedanken, wie wir die Menschen noch besser erreichen können.» Die Lösung liege auf der Hand: «Wir müssen noch näher zu den Lebensräumen gehen.» Also dorthin, wo die Menschen leben und ihre Freizeit verbringen.

Ein Haus für verschiedene Religionen

Bisher brüteten Zanini und Sigrist unabhängig voneinander an ihren Ideen für Luzern Süd. Und doch sind sie verblüffend ähnlich. Ihnen schwebt ein Gemeinschaftszentrum vor, gemeinde- und religionsübergreifend. Christen, Juden, Muslime, Hindus oder Buddhisten würden also am gleichen Ort ein und aus gehen. Berührungsängste mit anderen Religionen habe man ­keine, sagt Ruedy Sigrist. Und Romeo Zanini findet, ein Gemeinschaftszentrum müsse «unbedingt religionsübergreifend» sein. «Wir müssen Themen zusammen anpacken, denn sie betreffen uns als Menschen.»

Als Beispiel für ein Gemeinschaftszentrum nennen Zanini und Sigrist das «Haus der Religionen» in Bern. Dieses wurde im Dezember 2014 eröffnet und ist europaweit einzigartig. Unter einem Dach finden sich dort fünf verschiedene Sakralräume unterschiedlicher Religionsgemeinschaften: eine Moschee für Muslime, eine Kirche für Christen, eine alevitische Dergah und Tempel für Hindus und Buddhisten. «Seit zweieinhalb Jahren leben wir friedlich nebeneinander», sagt Geschäftsleiter David Leutwyler. Es seien persönliche Beziehungen entstanden, die helfen würden, Ängste und Vorurteile abzubauen. Das «Haus der Religionen» stosse auf grosses Interesse: «Es ist ein riesiges Bedürfnis des Menschen, andere kennen zu lernen. Dank des gemeinsamen Zentrums entstehen die Begegnungen automatisch.»

Ob es dereinst ein ähnliches Zentrum in Luzern geben wird, ist noch völlig offen. Dennoch ist die Idee beachtenswert. Denn für die Kirchen gilt heute das Territorialprinzip. Alle Mitglieder werden von der jeweiligen Pfarrei bedient. Es gibt also fixe Grenzen. Grenzen, die zum neuen Stadtteil nicht mehr passen und schon heute nur teilweise eingehalten werden. So gehört beispielsweise das Gebiet Kuonimatt zur Pfarrei Bruder Klaus. Dennoch orientieren sich einige Richtung Horw, weil die dortige Kirche näher gelegen ist. «Die Entwicklung in Luzern Süd motiviert uns, enger mit den anderen Pfarreien zusammenzuarbeiten», sagt Sigrist.

Interessiert an einem Gemeinschaftszentrum Luzern Süd sind auch die reformierten Kirchen in Horw (1800 Mitglieder) und Kriens (3400). Sie seien offen für einen Austausch, heisst es.

Islamische Gemeinde hat grosse Hoffnungen

Grosse Hoffnungen macht sich die Islamische Gemeinde Luzern (17 000 Muslime im Kanton). «Ein interkultureller und interreligiöser Austausch steigert die gegenseitige Wertschätzung und hilft, Vorurteile abzubauen», sagt deren Präsident, Petrit Alimi. Seit Jahren schon beteilige sich seine Gemeinde am interreligiösen Austausch. «Was uns aber fehlt, ist ein würdiges Glaubens-, Kultur- und Begegnungszentrum, um ein objektiveres Bild des Islam zu zeigen.» Das sei für einen sachlichen Austausch notwendig.

Heute befinden sich alle Moscheen im Raum Luzern in Hinterhöfen. Alimi setzt sich dafür ein, dass die Islamische Gemeinde Luzern offiziell als Körperschaft anerkannt wird und so mit den Landeskirchen gleichgestellt wird. Er ist überzeugt: «Ein ‹Haus der Religionen› würde uns helfen, die Integration der muslimischen Gemeinschaft in der Gesellschaft voranzubringen.»


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