Happige Vorwürfe gegen Verbandschef der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung

NOTTWIL ⋅ Der Direktor der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung bezieht ein zu hohes Salär. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Insider sprechen von Machtkonzentration und Vetternwirtschaft. Der Druck auf Thomas Troger wächst von allen Seiten.
04. Dezember 2017, 05:00

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

Die Ankündigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung erweist sich als Tropfen auf den heissen Stein. Die Stiftung, Kernstück der in Nottwil ansässigen Gruppe, wird das Salär von Thomas Troger, dem Direktor der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV), bis ersten Oktober 2019 schrittweise von 410'000 auf 296'400 Franken kürzen (Ausgabe vom 11. November).
 

Der Tropfen der Lohnkürzung verdampft aus mehreren Gründen. So hat nicht nur Parawatch, eine kritische Gruppe besorgter Rollstuhlfahrer, seit Jahren auf den unverhältnismässig hohen Lohn Trogers hingewiesen. Es waren auch Mitglieder des Stiftungsrats selbst. Unserer Zeitung liegen interne Dokumente vom Frühling 2017 vor, in denen vor einem Reputationsschaden gewarnt und sofortige Massnahmen gefordert wurden.

Lohnanstieg um 270'000 Franken

Dass erst in diesem Herbst gehandelt worden ist, begründete Stiftungsdirektor Joseph Hofstetter mit den Reaktionszeiten, die «zu lang» seien, und mit der «Komplexität unserer Organisation». Tatsächlich sind die Strukturen für Laien nicht einfach zu durchschauen. Die vier Hauptelemente der Gruppe sind die Stiftung, das Paraplegiker-Zentrum, die Forschung und die SPV (siehe Grafik). Letztere versteht sich als nationaler Dachverband der Querschnittgelähmten. Die Vereinigung bietet eine Rechts- sowie eine Lebensberatung, organisiert Anlässe für Kultur und Freizeit und sie kümmert sich um hindernisfreies Bauen. Der grösste Pfeiler ist aber die Abteilung Rollstuhlsport Schweiz, die den Breiten- und Spitzensport abdeckt. 27 Rollstuhlklubs aus der ganzen Schweiz stellen die Delegierten.

Thomas Troger ist seit 1997 Direktor der SPV. Sein Anfangslohn betrug gemäss mehreren Quellen 140'000 Franken. Drei Jahre später schaffte ein gewisser Daniel Joggi den Sprung vom Mitglied des Zentralvorstands – des strategischen Gremiums der SPV – zu dessen Präsidenten. Dieser Daniel Joggi ist seit 2010 Präsident der renommierteren Paraplegiker-Stiftung. Quellen vermuten in der Verbindung mit Joggi den Grossteil des Lohnanstiegs von Troger. Tatsächlich bestimmten bis vor kurzem der Zentralpräsident – heute ist dies Christian Betl – und der Direktor dessen Salär. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass die Lohnkürzung trotz Warnung mehrerer Stiftungsratsmitglieder so lange auf sich warten liess. Thomas Trogers Einfluss geht nach Meinung eines Stiftungsratsmitglieds so weit, «dass er kurz nach einer Sitzung des Stiftungsrats über das Besprochene Bescheid weiss – obwohl er selbst nicht im Stiftungsrat sitzt».

Gegen unten sickern indes nicht alle Informationen durch, wie verschiedene Rollstuhlklubs gegenüber unserer Zeitung erklären. «Die SPV ist alles andere als transparent», sagt ein Rollstuhlklub-Präsident, der nicht namentlich genannt werden will. Protokolle würden geschönt, und wie sich die Löhne in der von Troger geführten Geschäftsleitung verhalten, werde auch nicht kommuniziert. Die Löhne der Geschäftsleitungsmitglieder werden von Troger und dem Zentralpräsidenten, also dessen Chef, bestimmt. Unter den Klubs vermuten einige Vetternwirtschaft.

Im Jahresbericht 2016 der SPV wird ein Personalaufwand von knapp 6,4 Millionen Franken festgehalten. Wie viel davon an die Geschäftsleitungsmitglieder ausbezahlt wird, wird nicht erwähnt. In jenem Jahresbericht ist von 220 Mitarbeitern die Rede, davon sind 100 fest angestellt. Allerdings lag noch im Jahr 2014 die Zahl der festangestellten Mitarbeiter bei unter 60; ab 2015 wurden nämlich auch jene Mitarbeiter hinzugezählt, die über Verträge auf Abruf verfügen. Verschiedene Quellen sprechen von 44 Vollzeitstellen, verteilt auf rund 60 Personen. Das bestätigt die SPV auf Anfrage. Der Gesamtaufwand der gemeinnützigen Organisation beträgt rund 11 Millionen Franken.

«Wir bereiten einen Vorstoss vor, den wir an der nächsten Delegiertenversammlung anbringen werden», kündigt ein weiterer Rollstuhlklub-Präsident an. Über den Inhalt schweigt er sich aus, es werde aber keine Rücktrittsforderung an Trogers Adresse sein. Diese Aussage passt zu den vorsichtigen, kritischen Äusserungen aus dem Umfeld von SPV und Stiftung. Viele Quellen sprechen nur unter Zusicherung der Anonymität. Hinzu kommt eine finanzielle Abhängigkeit. Die Rollstuhlklubs zum Beispiel erhalten von der SPV jährliche Beiträge.

Ein paar hundert Franken für Spitzensportler

Wo Geld ausgegeben wird, muss auch gespart werden. Zum Beispiel beim Spitzensport. «Ich weiss von Athleten, die mit ein paar hundert Franken im Jahr über die Runden kommen müssen», sagt eine Quelle. Heinz Frei, selber Rollstuhl-Spitzensportler, bestätigt auf Anfrage die Diskrepanz. Frei ist SPV-Mitglied und Präsident der Gönnervereinigung. Ihr sind die 1,8 Millionen Mitglieder der Stiftung angeschlossen. Letztes Jahr nahm die Gönnervereinigung über 77 Millionen Franken an Mitgliederbeiträgen und Spenden ein. Das Geld fliesst als Direkthilfe an Querschnittgelähmte, in den Betrieb des Zentrums, in die Forschung, aber auch an die SPV. Letztes Jahr waren es 6,6 Millionen Franken. Gönnervereinigungspräsident Frei sagt: «Der Lohn von Thomas Troger stimmt noch immer nicht. Das Salär ist im Vergleich mit anderen Non-Profit-Organisationen zu hoch, wie unabhängige Studien belegen. Ausserdem hat die SPV seit Jahren einen Reorganisationsbedarf.» In der Verwaltung gehe «massiv Geld verloren».

Der Vorstand der Gönnervereinigung denke nun darüber nach, den Leistungsvertrag mit der Stiftung zu kündigen. Denn das Geld der Gönnervereinigung fliesst nicht direkt an die SPV, sondern zuerst an die Stiftung. «Wir werden für einen neuen Vertrag mit der Stiftung von ihr fordern, dass sie ihren Vertrag mit der SPV entsprechend anpasst», sagt Frei. Der genaue Inhalt der Forderungen ist noch offen. Klar ist laut Frei: «Wir müssen uns den Spiegel vorhalten und die Probleme lösen.» Letztlich gehe es auch um den Ruf.

Superprovisorische Verfügung erwirkt

Weder Thomas Troger noch die SPV nehmen gegenüber unserer Zeitung Stellung zu den Vorwürfen. Evelyn Schmid, Leiterin Marketing und Kommunikation der SPV: «Wir verweisen auf ein laufendes Verfahren.» Hintergrund: Die SPV hat diesen Herbst vor dem Bezirksgericht eine superprovisorische Verfügung erwirkt. Demnach wird den Adressaten verboten, deren Forderungen gegenüber der SPV in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Da es sich um ein laufendes Verfahren handle, enthalte man sich seitens der SPV zum heutigen Zeitpunkt jeglicher Äusserungen dazu, wie Schmid betont.

Stiftungsdirektor Joseph Hofstetter hält es für «undenkbar», dass zwischen Daniel Joggi und Thomas Troger eine Seilschaft besteht. Weiter hält Hofstetter fest: «Wir führen intern einen konstruktiven Dialog und ich bin überzeugt, dass wir zu einer guten Lösung kommen werden.» Dazu sollen unter anderem Anträge eines Rollstuhlklubs führen, die voraussichtlich an der Delegiertenversammlung der SPV im kommenden April behandelt werden. Der betreffende Rollstuhlklub bestätigt dies auf Anfrage. Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung kündigt weiter an, die Löhne aller Geschäftsleitungsmitglieder pro Tochtergesellschaft in globo sowie jene der SPV-Geschäftsleitungsmitglieder ebenfalls in globo nächstes Jahr zu veröffentlichen – so, wie es auch bei der Stiftung bereits gemacht wird.

Abgesehen davon zeigen sich Hof-stetter und Schmid überrascht, «dass die Vorwürfe offenbar von mehreren Seiten kommen». Schliesslich habe man stets Dialogbereitschaft signalisiert. Stiftungsdirektor Hofstetter: «Es tut weh zu sehen, dass diese Angelegenheit einer ganzen Organisation schadet, die sich mit viel Herzblut für Menschen mit Querschnittlähmung einsetzt.»


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