Herzensbrecherin und «Kupplerin»

LOZÄRNER MÄÄS ⋅ Neben Zuckerwatte und Magenbrot geht es an der Määs auch um ganz grosse Gefühle und darum, wie man sie offenbart. Unser Autor erzählt von früher und zieht Parallelen zu heute.

11. Oktober 2016, 07:33

Kilbi, Määs. Welch wundervolle Zeit, mit Zuckerwatte, Magenbrot, gebrannten Mandeln, Schiessbuden, Verkaufsständen. Und dann die Fahrgeschäfte: Autoscooter, Riesenrad, Polyp, Kettenkarussell. Rauf und runter, in rasendem Tempo, teils kopfüber. Eine Mutprobe, die den Puls in die Höhe schnellen lässt und den Alltag vergessen macht.

Kilbi, Määs: Das ist und war – vor allem für Junge – aber auch etwas anderes. Nämlich die Chance, mit jemandem anzubandeln, den oder die man schon lange auf der Wunschliste hatte, bisher aber nicht anzusprechen wagte. Jetzt, im Glitzern der Kilbilichter, im Trubel und Gelächter, scheints endlich möglich. Die Määs als Ort, wo sich Liebschaften anbahnen. Als Ort, an dem manch scheuer Teenager zum wagemutigen Don Juan wird. Die Määs als «Kupplerin», wie sie Heinrich Hüsler nennt. Der heute 72-Jährige muss es wissen. Er war jahrelang Platzchef der Määs und ist ihr auch heute noch eng verbunden – als Sekretär der IG Luzerner Herbstmesse und Märkte.

Die Määs als Ort, an dem man sein Liebesglück versucht – «das war immer ein Thema», sagt Hüsler: «Schon in historischen Zeiten boten Määs und Kilbi die legale Möglichkeit, dass sich die Heiratsfähigen finden konnten.» Hüsler selber kam erst 1968, als 24-Jähriger, nach seiner Rückkehr nach Luzern erstmals mit der Määs in Berührung. «Da war ich aber schon liiert», erzählt er schmunzelnd. Zuvor war er acht Jahre lang als Schiffsjunge, Matrose und Schiffsführer auf Rheinschiffen tätig gewesen.

Kraftmesser, Boxgeräte oder der «Hau den Lukas» seien früher besonders beliebte Geräte an der Määs gewesen, erzählt Hüsler: «Da konnten sich die Burschen gegenüber den Mädchen aufspielen. Die Mädchen konnten allenfalls mit dem Liebesbarometer kokettieren.»

Durchsetzungsvermögen für Fahrt mit Putschi-Auto

Putschi-Autos, die heutigen Autoscooter, gabs in den 1960er-Jahren auch schon. Das kann der Autor dieses Artikels bezeugen: So um 1969/70 dürfte es gewesen sein, als ich als gebürtiger Emmenbrücker an der Kilbi beim Gersag-Schulhaus erstmals damit in Berührung kam. Meine Eltern hatten mich mit 3 Franken ausgestattet – eine Putschi-Auto-Fahrt kostete damals, so weit ich mich erinnere, 50 Rappen, eine Zuckerwatte 20 Rappen. Damit käme man an der heutigen Määs nicht weit.

Der Andrang auf die Putschi-Autos war riesig. Um sich so ein Ding zu ergattern und gleichzeitig seine heimlich Angebetete zur Fahrt darauf einzuladen – dazu brauchte es neben körperlichem Durchsetzungsvermögen auch ganz viel Mut. Ich habs beim ersten Mal jedenfalls nicht geschafft. So brauste die schöne Brigitte dann halt – oh weh! – mit einem frecheren Rivalen davon. Und dann waren da noch die Schifflischaukeln. Wie haben wir die wagemutigen Halbstarken bewundert, die darauf ihr Girl hin und her wiegten, bis der Bug ihrer Schaukel die Deckenplane ganz oben berührte. Auch für Heinrich Hüsler ist klar: «Die Schifflischaukeln waren besonders beliebt, weil dort die Röcke schön und hoch flatterten.»

Die Määs Ausgabe 2016 dauert vom 1. bis 16. Oktober. Erwartet werden 350'000 Besucher.

Und heute? Da ist vieles gleich wie früher. Die Berg-und-Tal-Bahn heisst jetzt zwar Crazy Run. Doch nach wie vor achten die Jungs dort drauf, dass die Mädchen innen Platz nehmen, damit sie durch die Fliehkraft eng an ihre Begleiter gedrückt werden. Auch die Autoscooter sind weiterhin beliebt. Und ganz viele Sympathiepunkte holt man sich noch immer, wenn man an einem Wurf- oder Schiessstand ein Plüschherz oder eine Rose für die Geliebte, den Geliebten ergattert.

Hinweis

Die Lozärner Määs dauert noch bis und mit kommenden Sonntag.

Hugo Bischof


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