Heutige Welt macht es Gläubigen schwer

VORTRAG ⋅ Der Staat hat sich in vielen Ländern von der Religion getrennt. Das kann Gläubige vor Herausforderungen stellen, wie eine ökumenische Veranstaltung aufzeigte.
26. April 2017, 09:26

Die Trennung von Staat und Religion hat in vielen Ländern einen unglaublichen Schub an technologischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Innovation ausgelöst. Mit dieser These stieg das Romero-Haus am Montagabend in den 46. ökumenischen Dialog ein. Religionen hätten in der heutigen Welt einen schwierigen Standpunkt. So müsse sich früher oder später jeder religiöse Mensch die Frage stellen: Wie habe ich es mit der Aufklärung? Diesem Thema gingen zwei Referentinnen auf den Grund.

Die Säkularisierung, der Prozess der Trennung zwischen Staat und der Religion, und ihre Auswirkungen auf die Weltreligionen wurden von zwei Seiten beleuchtet: zum einen von einer muslimischen Sozialwissenschafterin, zum anderen von einer protestantischen Theologin. Emel Topcu studierte in der Türkei Mathematik und Politologie und promovierte in Public Administration. Sie praktizierte ihren Glauben, was sie immer wieder vor Schwierigkeiten mit dem Staat stellte. Nach vielen Phasen ihres Lebens kehrte sie in ihre Heimat zurück und ist heute Professorin für Sozialwissenschaften an der Universität Ankara. Als zweite Referentin stellte sich Ina Praetorius, eine Germanistin und evangelische Theologin, dem heiklen Thema. Sie lebt als freie Autorin und Referentin in Wattwil.

Glauben machte sie zum Staatsfeind

«Ich bin nationalistisch aufgewachsen», sagte Emel Topcu. Sie habe lange daran geglaubt, dass die Türkei ein fortschrittlicher Staat sei. Mit 19 Jahren habe sie sich entschieden, ein Kopftuch zu tragen und religiös zu leben. Als säkularer Staat sei die Türkei aber gegen ihre Religion gewesen. «Man hat mich zum Staatsfeind gemacht und wollte mich von der Universität verweisen», erzählte sie. Von diesem Zeitpunkt an habe sie Allah als einzige Autorität gesehen. «Der Staat sollte kein Recht haben, sich in meine Kleiderwahl einzumischen.»

Topcu suchte Zuflucht im Koran, der sie zum Auswandern bewegte. «Trotz meines muslimischen Glaubens könnte ich mir nicht vorstellen, in einem islamischen Land zu leben. Ich will nie mehr unterdrückt werden», sagt Topcu. Deshalb habe sie sich für ein Stipendium in Indien beworben. Indien habe ihr geholfen, sich endgültig von der säkularen Erziehung zu befreien. «Schlussendlich machte mich die Abhängigkeit von Allah frei von welt­licher Autorität», sagte Topcu.

Ina Praetorius legte den Fokus auf die Frage, wozu es in einer säkularen Gesellschaft denn noch Religion brauche. Bei dieser Frage drehe sich alles um die Abhängigkeit. Für Praetorius ist klar: Abhängig will niemand sein. «Und trotzdem sind wir es alle.» Unabhängig wäre ein Mensch, wenn er auf alles verzichten könnte. Doch Menschen bräuchten ihre Autos, ihre Toiletten, ihre Banken und vieles mehr. «Diese Abhängigkeit ist einer säkularisierten Welt, die das autonome Individuum verherrlicht, fremd», sagte Ina Praetorius. In diesem Punkt könne die Religion dagegenhalten, denn religiöse Menschen wissen um ihre Abhängigkeit von Gott. Praetorius ist überzeugt: «Würden die Menschen einsehen, dass sie alle abhängig voneinander sind, so würde die Welt gerechter werden.»

 

Oliver Schneider

stadt@luzernerzeitung.ch


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