Hochwasser machte Felswand instabil

WOLHUSEN/WERTHENSTEIN ⋅ Der Felssturz von vergangener Woche hätte Menschenleben kosten können. Seit Jahren ist bekannt, dass die Felswand bei Hochwasser destabilisiert wird. Nun haben die Behörden Gegenmassnahmen eingeleitet.

24. Januar 2016, 05:00

Thomas Heer

Für den Gemeindeammann von Werthenstein, Fredy Röösli, steht zweifelsfrei fest: «Wir hatten ein riesiges Glück.» Denn beim Felssturz Anfang vergangener Woche stürzten rund 5000 Kubikmeter Geröll in die Tiefe und prallten auf das steinige Flussbecken. Die dadurch ausgelöste Energie führte dazu, dass bis zu einem Meter grosse Steinbrocken teils Dutzende Meter weit durch die Luft schleuderten und in Gebäudefassaden einschlugen.

Expertentreffen im Jahr 2001

Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn sich das Ereignis tagsüber ereignet hätte. Denn am rechten Emmer Flussufer, auf Werthensteiner Gemeindegebiet, direkt vis-à-vis der Badflue, befinden sich verschiedene Gewerbe- und Industrieareale. Diese sind werktags entsprechend frequentiert von Angestellten. Die herumfliegenden Steinbrocken hätten vermutlich Menschen verletzt, wenn nicht gar töten können.

Mit dem Gefahrenpotenzial der Badflue befassen sich Fachleute seit vielen Jahren. Das Ausmass eines Felssturzes vorauszusagen, ist jedoch äusserst schwierig. Gar unmöglich ist es, den genauen Zeitpunkt des Niedergangs auf Stunden oder gar Minuten zu prognostizieren. Dass die Sandstein-Mergel-Nagelfluh-Formation an der Badflue im Vergleich zu einer Granitwand etwa so zerbrechlich ist wie eine alte Tonvase, vermutet selbst der Laie beim Betrachten dieser Wand.

Am 17. Mai 2001 trafen sich darum fünf Männer zu einem Ortstermin an der Emme. Mit dabei waren Vertreter des Kantons, einer der Gemeinde, ein Unternehmer sowie ein Geologe. Die Essenz des Treffens wurde in einer Aktennotiz festgehalten. Eingeleitet wurde das Schreiben mit diesem Satz: «Nach diversen Abbrüchen im untersten Teil der Flue stellt sich die Frage nach deren Stabilität.»

Gefürchtete Hochwasser

Im Zusammenhang dieses Geländeabschnittes war immer auch die Unterspülung der Felswand durch die Wassermassen der Kleinen Emme ein Thema. Denn je tiefer sich der Fluss in den Unterrand der Flue einfrass, desto instabiler wurden die darüber liegenden Gesteinsmassen. Daher wurde in der Aktennotiz von 2001 auch Folgendes festgehalten: «Bei Niedrigwasser wirken die abgestürzten Blöcke als natürliche Verbauung des Prallhanges.» Sprich: Der weiteren Unterspülung wird damit vorübergehend Einhalt geboten und der Spannungsaufbau in der Felswand somit gemindert.

Nun ist es aber leider so, dass die Kleine Emme immer wieder auch Hochwasser führt. In unangenehmer Erinnerung bleibt die Flut im Sommer 2005, als sich das Gewässer in ein zerstörerisches und gefährliches Ungeheuer verwandelte.

Hochwasser-Ereignisse wurden denn auch beim besagten Rundgang im Jahr 2001 thematisiert. So heisst es etwa in der Aktennotiz: «Mit einem Wasserbauprojekt soll diese Wirkung auch für Hochwasser herbeigeführt werden.» Mit «Wirkung» ist die Minderung des bereits erwähnten Spannungsaufbaus gemeint. Die Experten erkannten also schon damals, dass sich Hochwasser-Ereignisse negativ auf die Stabilität der Badflue auswirken.

Gemeinden leiten Massnahmen ein

Nun stellt sich die Frage: Warum hat der Kanton nicht längst einen Hochwasserschutz installiert? Dazu sagt Albin Schmidhauser, Abteilungsleiter Naturgefahren bei der kantonalen Dienststelle für Verkehr und Infrastruktur: «Diese Massnahme ist im Rahmen des Projektes ‹Hochwasserschutz und Renaturierung der Kleinen Emme› geplant.»

Die beiden Gemeinden Wolhusen und Werthenstein haben nun aber eine Sofortmassnahme eingeleitet. Der unterspülte Raum, die sogenannte Unterkolkung, wird mit Kalksteinblöcken aufgefüllt. Die Felswand soll dadurch an Stabilität gewinnen.

War Kanton schon früher informiert?

Vom Felssturz besonders hart getroffen wurde die Imbach AG, ein Beton- und Kieswerk. Werner Imbach ist Verwaltungsrat des Unternehmens. Die Angst, dass die Badflue einmal Schaden über seinen Betrieb bringen könnte, plagt ihn schon seit Jahren. Deshalb gab er 1999 eine geologische Begutachtung in Auftrag.

Der Fachmann kam vor 17 Jahren zum Schluss, dass Abbrüche in der Grössenordnung von 4000 bis 6000 Kubikmetern Material nicht auszuschliessen seien. Imbach sagt, er habe diesen Bericht auch dem Kanton gezeigt. Albin Schmidhauser dementiert und sagt: «Diesen Brief, der an Herrn Imbach persönlich adressiert ist, habe ich am vorletzten Montag zum ersten Mal gesehen.»


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