Hustensaft: Experten warnen vor Missbrauch

MEDIKAMENTE ⋅ Der Wirkstoff Codein ist in Medikamenten enthalten und lindert nicht nur Beschwerden. So erfreuen sich Jugendliche an den Nebeneffekten des Stoffes.

10. Oktober 2016, 05:00

Kräftig hustend betritt ein Jugendlicher eine Apotheke und verlangt nach einer Arznei gegen seine Beschwerden. Er fragt explizit nach dem Wirkstoff Codein. Was der jeweilige Apotheker höchstens vermutet: Der Patient leidet gar nicht an Husten, sondern ist abhängig von Codein. Dieser Wirkstoff ist im Hustensaft oder in -tropfen enthalten.

Vor allem Jugendliche missbrauchen die Husten-Medikamente. «Sie kommen in unsere Apotheke, sind zwischen 15 und 20 Jahre alt und verlangen nach codeinhaltigen Hustentropfen», bestätigt Marina Lieber, Apothekerin in der Falken-Rotpunkt-Apotheke an der Weggisgasse in Luzern. Das gleiche Phänomen kennt Barbara Ochsner, Apothekerin an der Pilatusstrasse in der Apotheke 13: «Manchmal sind sie zwischen 13 und 14 Jahre alt – aber es gibt über alle Altersgruppen Personen, die Codein regelmässig konsumieren.» Nun beginnt die Erkältungssaison, und die Nachfragen nach dem hus­ten­stil­len­den Medikament häufen sich: «Jetzt ist es für uns besonders schwierig zu beurteilen, ob der jeweilige Kunde wirklich an Husten leidet», erläutert Ochsner weiter.

Beruhigend, aber auch euphorisierend

Das Konsumieren des Hustensaftes oder der -tropfen hat neben einem schmerzlindernden, hustenreizstillenden auch einen beruhigenden, euphorisierenden und aphrodisierenden Effekt, gibt Stephan Luterbacher, Luzerner Kantonsapotheker, Auskunft. «Zu bedenken ist jedoch, dass die Wirkung sehr individuell ausfällt. Während einige Personen sehr sensibel auf Codein reagieren, besteht die Möglichkeit, dass andere gar keine psychoaktive Wirkung verspüren», so der Kantonsapotheker.

Zu den Nebenwirkungen zählen Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Juckreiz und Verstopfung. Durch die Senkung der Atemfrequenz kann die Einnahme des Medikaments zu einer lebensgefährlichen Atemdepression führen. Als Langzeitrisiko gibt Luterbacher die Gefahr einer psychischen und physischen Abhängigkeit an. Ein Absetzen des Medikamentes kann zudem schmerzhaft sein: «Es können sich Entzugssymptome wie Ruhelosigkeit, Magen- und Beinkrämpfe, Kälteschauer, Zittern, heftiges Schwitzen und Muskelspasmen zeigen», sagt Stephan Luterbacher.

Missbrauch wird überwacht

Das Phänomen ist auch Swissmedic, dem Schweizerischen Heilmittelinstitut, bekannt: «Die Missbrauchsproblematik wird seit langem auf nationaler und kantonaler Ebene überwacht», sagt Ruedi Stoller, Experte bei der Abteilung Arzneimittelsicherheit. Bei einer Verschärfung der Missbrauchsproblematik könnte Swissmedic die Hustenmittel mit Codein gänzlich der Rezeptpflicht unterstellen.

Der Luzerner Apotheker Verein (LAV) weiss ebenfalls von der Missbrauchsproblematik, speziell diskutiert werde sie aber nicht: «Wir haben keine gemeinsame Vorgehensweise beschlossen», erklärt Karin Häfliger, Vorstandsmitglied des LAV. Kantonsapotheker Luterbacher fügt hinzu: «Ein Apotheker kann aber in eigener Verantwortung oder im Zweifelsfall auch für nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel ein ärztliches Rezept verlangen.»

Noch ist dies in den besagten Apotheken nicht der Fall, steht aber zur Diskussion: «Wenn wir das Medikament nicht verkaufen wollen, sind die Reaktionen manchmal boshaft», sagt Marina Lieber. «Wir befinden uns in einem Dilemma – einerseits verursacht eine Rezeptpflicht zusätzliche Kosten und verärgert die echten Hustengeplagten, andererseits wollen und dürfen wir den Missbrauch nicht unterstützen.» Ihre Kollegin Barbara Ochsner kennt das Problem: «Wenn ich den Verdacht habe, dass eine Abhängigkeit von Codein vorliegt, spreche ich das an.»

Andrea Muffandrea.muff@zugerzeitung.ch


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