Immer mehr Pendler aus dem Ausland

LUZERN ⋅ Im Ausland wohnen, in Luzern arbeiten: Das hat vor zehn Jahren noch niemand gemacht, 2015 bereits 409. Die meisten Grenzgänger sind Akademiker – oder Hilfsarbeiter.
07. März 2016, 05:05

Alexander von Däniken

Über 300 000 Grenzgänger verzeichnet die Schweiz mittlerweile – ein Rekord, wie das Bundesamt für Statistik kürzlich gemeldet hat. Zwar präsentierte ausgerechnet der typische Grenzgängerkanton Tessin für Ende 2015 um 0,9 Prozent tiefere Zahlen als im Vorjahr. An Attraktivität gewonnen hat dafür der Binnenkanton Luzern – und zwar massiv. 2005 hat hier noch niemand mit steuerrechtlichem Wohnsitz im Ausland gearbeitet, Ende 2015 bereits 409 (siehe Grafik), wie der Bund schätzt.

Grenzgänger aus der EU müssen nicht jeden Abend nach Hause pendeln; die meisten reisen an den Wochenenden in ihre Heimat zurück. Und das ist bei fast zwei Dritteln der Grenzgänger Deutschland. Immerhin gut ein Fünftel bezahlt die Steuern in Frankreich. Die meisten Grenzgänger sind zwischen 45 und 54 Jahre alt, vier von fünf internationale Pendler sind Männer. Auch welcher Arbeit die 409 Grenzgänger nachgehen, ist aus den Daten des Bundesamts für Statistik ersichtlich: Die meisten (19 Prozent) arbeiten in einem akademischen Beruf, fast gleich viele (18 Prozent) sind auf der anderen Seite der Lohnskala gelistet – als Hilfsarbeiter. Es folgen Führungskräfte (16 Prozent) und Techniker (15 Prozent). Fast alle sind angestellt, nur drei Grenzgänger sind selbstständig.

Dreimal pro Woche über die Grenze

Einer dieser Grenzgänger ist Jens Meissner, Dozent an der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Der 42-jährige Deutsche pendelt von seiner Heimat Weil am Rhein nach Luzern. «Zu Fuss über die Grenze, mit Bus und Tram zum Bahnhof und mit dem Zug nach Luzern», führt Meissner aus. Im Schnitt dreimal die Woche pendelt er eindreiviertel Stunden pro Weg.

Warum arbeitet er in Luzern und nicht in Deutschland? «In Deutschland spart man das Hochschulsystem systematisch kaputt. Das Gehalt dort ist erheblich geringer, und die Tätigkeit ist viel stärker auf die Lehre ausgerichtet.» Meissner arbeite auch deshalb schon seit neun Jahren in Luzern, weil er das Arbeitsklima schätze. Und warum wohnt Meissner nicht in Luzern? «Ich habe mit der Familie unzählige Excel-Tabellen mit Vor- und Nachteilen erstellt. Objektive Kriterien hielten sich die Waage. Am Schluss zählt das Emotionale.»

Zimmer in Luzern

Was Meissner meint: Er lebt mit seiner Frau und den drei Kindern im Alter von zwei, fünf und acht Jahren in einem Haus. Das soziale Netz sei gerade bei Kindern sehr wichtig. Zudem sei in Deutschland die Kinderbetreuung optimaler geregelt als in der Schweiz. «Mit dem Dreiländereck fühlen wir uns sehr verbunden.» In Luzern hat er ein Zimmer gemietet. Dieses, die Kosten für das GA, allfällige Unannehmlichkeiten beim Pendeln sowie längere Arbeitszeiten würden den um etwa 30 Prozent höheren Luzerner Lohn relativieren, betont Meissner.

Das Pendeln über die Grenze hat Meissner auch gleich zur Berufung gemacht: Er forscht auf dem Gebiet mobiles Arbeiten. «Ich arbeite viel im Zug.» Das sei auch ein unschätzbarer Vorteil der Hochschultätigkeit, die sich nicht an starren Bürozeiten und Arbeitsmodellen ausrichten muss.

Hohe Löhne hüben, Haus drüben

Laut George Sheldon, Professor für Arbeitsmarktökonomie an der Uni Basel, gibt es drei Gründe, warum es Grenzgänger nach Luzern zieht: «Erstens gibt es einen wirtschaftlichen Aspekt. Wenn ein Hochschulprofessor in Deutschland so viel verdient wie hier ein Assistent, wirkt das für viele attraktiv. Gerade im Hochlohnsektor fällt eine kleine Wohnung in der Schweiz nicht gross ins Gewicht.» Zweitens hätten viele Grenzgänger in ihrer Heimat ein Haus zu einem Preis, mit welchem es in der Schweiz höchstens eine Wohnung gebe. Drittens wollen laut Sheldon vor allem junge Familienväter Frau und Kinder in ihrer gewohnten Umgebung belassen.

Vor- und Nachteile sieht Sheldon bei der Infrastruktur. Zwar werden die Wege dank günstigen Flügen, neuen Autobahnen wie dem 2009 eröffneten Abschnitt durchs Knonaueramt und regelmässigen Zugverbindungen attraktiver. «Auf der anderen Seite wird dadurch das Angebot auch intensiver genutzt, wodurch die Kapazitäten enger werden.»

Kaum Konkurrenz für Inländer

Dass Grenzgänger dieselbe Infrastruktur wie Inländer nutzen, steht ausser Frage. Doch wie steht es um die Konkurrenzierung auf dem Arbeitsmarkt? «Im Allgemeinen haben Grenzgänger weder einen Einfluss auf die Löhne noch auf die Arbeitslosigkeit», sagt George Sheldon und bezieht sich auf eine Studie der Uni Zürich im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft.

Gerade die hohen Anteile an Akademikern und Führungskräften im Kanton Luzern wiesen darauf hin, dass es auf dem regionalen Arbeitsmarkt oft zu wenig gleichwertige inländische Alternativen gebe: «Ein Unternehmen überlegt sich zweimal, ob jemand aus dem Ausland rekrutiert werden muss.» Zumal bei Grenzgängern im Hochlohnbereich zusätzliche Kosten anfallen können – etwa ein Beitrag für die Wohnung oder zu den Pendlerkosten. Und bei den Hilfsarbeitern? Sheldon vermutet, dass selbst im tiefen Lohnbereich Unterschiede zu den Heimatländern bestehen, «sonst gibt es keinen Grund, in der Schweiz zu arbeiten».

Schweizer Job für Lebenslauf

Dass mittlerweile so viele Grenzgänger in Luzern arbeiten, überrascht den kantonalen Gewerbeverband. Dessen Direktor Gaudenz Zemp: «Das war bis jetzt kein Thema bei uns.» Auch Zemp vermutet, dass in erster Linie das höhere Lohnniveau zunehmend mehr Grenzgänger anzieht.

Und: «Im Bereich der Forschung und Lehre könnten attraktive Stellen in der Schweiz sich positiv auf weitere Jobs in den Heimatländern auswirken. Gerade die Hochschulen haben ja einen guten Ruf.»

Gesetzliche Grenzöffnungen

Alexander Lieb, Leiter des kantonalen Amts für Migration, macht in erster Linie gesetzliche Änderungen für die zunehmende Zahl an Grenzgängern aus. 2002 wurde die Verpflichtung der Grenzgänger abgeschafft, täglich zwischen Wohn- und Arbeitsort zu pendeln. «Damit wurden die Grenzgänger faktisch zu Wochenaufenthaltern.» Am 1. Juni 2004 wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt für alle Grenzgänger liberalisiert, womit der Inländervorrang abgeschafft wurde. Es galt weiterhin die Grenzzone, das heisst, dass Wohnort und Arbeitsort maximal 30 Kilometer von der Grenze entfernt sein durften.

Am 1. Juni 2007 wurden die Grenzzonen aufgehoben. Nach wie vor gelten diese bei Angehörigen der EU 2 (Rumänien und Bulgarien, siehe Box). «Für die Attraktivität der Schweiz dürften die Arbeits- und Lohnbedingungen, aber auch die florierende Wirtschaft gesprochen haben», erklärt Lieb.

Sprache erleichtert Arbeit

Warum ist Luzern besonders für Deutsche attraktiv? «Ein wichtiger Faktor für die Attraktivität wird sicherlich die deutsche Sprache sein, die eine optimale Verständigung ermöglicht», so Lieb. «Welche Vorteile der Standort Zentralschweiz gegenüber anderen Deutschschweizer Standorten für deutsche Staatsangehörige aufweist, können wir nicht beurteilen.»

Lieb merkt an, dass schweizweit betrachtet die Deutschen hinter Franzosen und Italienern lediglich die drittgrösste Nationalität unter den Grenzgängern stellen.

Ausweis G für Grenzgänger

Grenzgängern aus den EU/Efta-Staaten wird innerhalb der Schweiz die berufliche und geografische Mobilität gewährt. Dafür benötigen sie einen entsprechenden Ausweis (G), der vom Arbeitgeber beantragt wird. Die Grenzgänger können damit überall in der EU/Efta wohnen und überall in der Schweiz arbeiten. Bedingung ist nur die wöchentliche Rückkehr an den ausländischen Wohnort. Für Bürger der EU-2-Staaten (Bulgarien und Rumänien) gelten Grenzzonen. Das heisst, sie dürfen in der Regel als Grenzgänger nur in Kantonen an der Landesgrenze arbeiten. 

4,5 Prozent Quellensteuer

Gemäss dem Abkommen zwischen der Schweiz und Deutschland zur Vermeidung der Doppelbesteuerung wird dem in Deutschland lebenden Grenzgänger mit Arbeitstätigkeit in der Schweiz eine Quellensteuer in Höhe von 4,5 Prozent direkt vom Bruttolohn abgezogen. 

Die Schweiz besteuert die Einkünfte französischer Grenzgänger in der Regel nicht, was in den letzten Jahren für Verstimmungen auf französischer Seite geführt hat. Es wird ein Meldeverfahren angewendet, das vorsieht, dass die Schweizer Steuerbehörden die erzielten Bruttolöhne den französischen Steuerbehörden melden. Die Besteuerung erfolgt in Frankreich, wobei Frankreich 4,5 Prozent der Bruttoeinkünfte den schweizerischen Steuerbehörden abliefert.


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