Jede zweite Polizeimeldung betrifft Verkehrsunfälle

ÖFFENTLICHKEIT ⋅ Was die Luzerner Polizei kommuniziert, umfasst nur einen kleinen Teil ihrer täglichen Arbeit. Unsere Zeitung zeigt auf, welche Fälle die Polizei am häufigsten vermeldet und zu welchen sie schweigt.

02. Dezember 2016, 05:00

«Einbrecher in flagranti festgenommen». «Nach Kollision weitergefahren – Polizei sucht hellen Mitsubishi». «Brand in Sägewerk – Brandursache geklärt». Medienmitteilungen mit solchen Überschriften verschickt die Luzerner Polizei praktisch täglich.

Gleichzeitig gibt die Polizei damit einen Einblick in ihre tägliche Arbeit, der allerdings nur ­einen Teil der Polizei-Realität widerspiegelt. Denn die Luzerner Polizei kommuniziert bei weitem nicht alles, was sie tut, wodurch in der Öffentlichkeit möglicherweise eine verzerrte Wahrnehmung der Polizeiarbeit entsteht. Unsere Zeitung hat ausgewertet, welche Delikte die Polizei den Medien am häufigsten meldet, welche nur selten – und welche überhaupt nicht (siehe Box). Dabei geht die Polizei nicht willkürlich vor, sondern befolgt Empfehlungen, die die Polizeikommandanten der Schweiz und die Medienverantwortlichen der Zentralschweizer Polizeistellen gemeinsam ausgearbeitet haben.

In den Jahren 2014 und 2015 hat die Luzerner Polizei insgesamt 792 Medienmitteilungen verschickt, pro Monat durchschnittlich 33. Die darin erwähnten Fälle haben wir mit den Zahlen aus der Kriminal- und Verkehrsunfallstatistik der beiden Jahre verglichen. Auffallend ist, dass mit Abstand am meisten Mitteilungen Verkehrsunfälle betreffen: 393 von 792, und somit rund jede zweite Mitteilung. Die Zahl der gesamten Verkehrsunfälle liegt viel höher: In den untersuchten Jahren waren es 4603. Die Polizei hat also nur 8,5 Prozent den Medien vermeldet.

Hoher Opferschutz bei häuslicher Gewalt

Es gibt auch Delikte, welche die Polizei täglich beschäftigen, über die sie die Öffentlichkeit aber selten oder nie informiert. Ein Beispiel ist die häusliche Gewalt. Zahl der Delikte in den beiden Jahren: 866. Zahl der Medienmitteilungen: 0. Warum die Polizei dieses Thema nicht öffentlich thematisiert, erklärt Kurt Graf, Kommunikationschef der Luzerner Polizei: «In der Schweiz wird der Persönlichkeitsschutz sehr hochgehalten. Fälle von häuslicher Gewalt teilen wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, insbesondere auch Opferschutzes nicht mit.» Das Interesse der Öffentlichkeit stehe dabei nicht im Vordergrund. Informationen zu solchen Delikten würden deshalb pauschalisiert an Medienkonferenzen kommentiert.

Bei Verkehrsunfällen sei das öffentliche Interesse hingegen sehr gross, weil Unfälle und anschliessende Staus stark wahrgenommen würden. «Wir erhalten dazu immer viele Anfragen und vermelden dies deshalb häufig.» Oft enthielten die Medienmitteilungen zudem Zeugenaufrufe. Gemäss den erwähnten Empfehlungen wird etwa ein tödlicher Autounfall immer mitgeteilt.

Andere Straftaten, die ebenfalls nicht einzeln kommuniziert wurden, sind Erpressung (54 Fälle in den beiden Jahren), Pornografie (109), sexuelle Handlungen an Kindern (104) und Gewalt und Drohung gegen Beamte.

Vor allem Letzteres erstaunt, da in diesem Zeitraum immerhin 388 Mal ein Kantonsangestellter – häufig ein Polizist oder eine Polizistin – bedroht wurde. «Persönlichkeitsschutz» lautet der Grund für die Nichtkommunikation auch hier. Manchmal – etwa bei Erpressung oder Geiselnahme – gehe es laut Graf aber auch darum, die laufenden Ermittlungen nicht zu stören: «Eine Mitteilung kann aus polizeitaktischen Gründen auch verzögert verschickt werden, um laufende Ermittlungen oder Fahndungen nicht zu behindern.»

Feuerwehren delegieren Info-Job an Polizei

Brände sind nach Verkehrsunfällen die am häufigsten kommunizierte Kategorie. Die Polizei verschickte in den beiden Jahren Mitteilungen zu 50 Brandfällen. Die Informationshoheit dafür liege meistens bei der jeweiligen Feuerwehr. «Viele kleinere Feuerwehren delegieren dies aber an die Polizei», sagt Graf. Brandstiftungen werden deutlich weniger vermeldet (4 von 54 Fälle). Weil die Ursache häufig erst später geklärt wird, werden im Nachhinein nur noch die auffälligeren Fälle mitgeteilt.

Selten kommuniziert werden Körperverletzungen, Drogendelikte, Sachbeschädigungen, Diebstähle oder Einbruchdiebstähle. Bei Letzteren hat die Polizei nur 37 von 3941 Fällen mitgeteilt, also knapp 1 Prozent. Diejenigen, die mitgeteilt wurden, haben zudem etwas gemeinsam: Fast immer hat die Polizei den Einbrecher dabei erwischt. Benützt die Polizei die Meldungen auch als Imagekampagne? «Natürlich melden wir gerne erfolgreiche Polizeiarbeit.» Dies ist laut Graf jedoch nicht der eigentliche Grund: «Diese Fälle teilen wir mit, weil das Verfahren jeweils schon abgeschlossen ist. Laufende Verfahren dürfen wir nicht kommunizieren, weil Untersuchungshandlungen gemäss Strafprozessordnung geheim sind.»

Ausserdem, fügt Graf hinzu, könne die Polizei die Medien nicht mit unzähligen Diebstählen überfluten. Bei zu vielen Meldungen würde zum Beispiel der Präventivcharakter verloren gehen, und für die Ermittlungen wichtige Zeugenaufrufe würden nicht mehr beachtet werden.

Häufiger werden Raubüberfälle mitgeteilt: 33 von total 147 und somit 22,4 Prozent. «Grössere Raubfälle kommunizieren wir immer, weil diese in der Regel Aufsehen erregen.» Bei Tötungsdelikten sind es 66,7 Prozent (4 von 6).

Gleiche Praxis in der Schweiz – andere im Ausland

Trotz Empfehlungen und klarer Richtlinien: Graf erklärt, dass es letztlich dennoch eine Ermessenssache sei, was nach aussen kommuniziert werde und was nicht. «Wir besprechen dies mit Strafverfolgungsbehörden und Ermittlern, ob wir aktiv, passiv oder gar nicht informieren.»

Andere Polizeistellen in der Schweiz handhaben die Medienarbeit laut Graf gleich. Anders sieht dies im Ausland aus, wo der Persönlichkeitsschutz zum Teil weniger grossgeschrieben wird – und so mehr Details zu den Beteiligten mitgeteilt werden. Graf: «Im nahen Ausland habe ich schon Behördenmeldungen von Bagatelldelikten mit Namennennung von Opfer und Täter gehört – bei uns wäre das undenkbar.»

Gabriela Jordan

So lief die Auswertung

Für die Auswertung wurden die Medienmitteilungen der Polizei der gesamten Zahl aus der Kriminal- und Verkehrsunfallstatistik gegenübergestellt. Betraf eine Mitteilung mehrere Fälle (z. B. mehrere Unfälle im Morgenverkehr) wurden diese entsprechend mitgezählt. Gab es zu einem Fall mehrere Mitteilungen (etwa eine Meldung zu einem Brand und eine zweite zur geklärten Brandursache), wurde dies nur einmal gezählt. Etwas weniger aussagekräftig ist die Auswertung zu den Einbrüchen. Einige Mitteilungen betrafen statt eines einzelnen Falls eine ganze Einbruchserie. Mangels detaillierterer Angaben wurden diese als ein Einbruchdiebstahl gezählt.
 


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