Jenische müssen weiter warten

KRIENS ⋅ Ende Monat läuft der Vertrag für die Nutzung des Nidfeld-Areals als Platz für Fahrende aus. Der Kanton hat noch keinen Ersatz gefunden. Ein Problem sind Vorurteile in der Bevölkerung – zu Unrecht, wie das Beispiel Kriens zeigt.

17. Oktober 2016, 05:00

Es fehlt an Plätzen für die Fahrenden – auch im Kanton Luzern. Im April besetzten Jenische darum aus Protest ein Areal beim Krienser Schlund-Kreisel (wir berichteten). Infolge der Aktion entstand folgende Lösung: Die Fahrenden dürfen das Nidfeld-Areal in Kriens bis Ende Oktober nutzen. Die Eigentümerin Coop gab ihr Einverständnis dazu. Diese Frist läuft bald ab. Einen Ersatzplatz wird der Kanton aber nicht rechtzeitig finden. «Es laufen verschiedene Gespräche, verschiedene Areale werden noch geprüft. Es ist aber noch nichts spruchreif», sagt Kantonsplaner Mike Siegrist.

Ob die Fahrenden allenfalls länger im Nidfeld bleiben können, ist offen. «Wir würden Hand bieten für eine verlängerte Nutzung», sagt der Krienser Gemeindepräsident Cyrill Wiget (Grüne). «Probleme gibt es keine.» Grundeigentümerin Coop hat bislang «noch keine Anfrage für eine weitergehende Nutzung erhalten», heisst es auf Anfrage. Falls eine komme, würde man diese prüfen.

«Grundsätzlich ist das Problem der fehlenden Standplätze derzeit aber weniger akut als während der Frühlings- und Sommermonate, weil im Herbst und Winter weniger Fahrende unterwegs sind», sagt Mike Siegrist. Dies bestätigt Urs Glaus, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. «Viele haben einen fixen Standplatz, wo sie die kalte Jahreszeit verbringen.» Das gilt jedoch nicht für alle. «Wir haben noch keine Ahnung, wohin wir gehen sollen, wenn der Platz geschlossen wird», sagt Jean-François Gerzner, der zurzeit mit seiner Familie auf dem Nidfeld-Areal wohnt. «Die offiziellen Standplätze sind bereits belegt.» Gerzner versucht, mit Hilfe von Bekannten noch etwas zu finden. «Sonst müssen wir von Parkplatz zu Parkplatz ziehen.»

Dass der Kanton «nicht über Nacht» einen Standplatz findet, sei verständlich, so Gerzner. «Provisorische Plätze kann man jedoch schnell auftreiben.» Woran hapert es? «Das Hauptproblem bei der Suche nach einem Standplatz sind gewisse Vorurteile der Bevölkerung», sagt Mike Siegrist. «Viele befassen sich nicht mit der Thematik und differenzieren nicht zwischen Schweizer und ausländischen Fahrenden und deren Verhalten. Mit den Schweizer Fahrenden gibt es kaum je Probleme, wie auch der reibungslose Betrieb in Kriens gezeigt hat», bestätigt Siegrist die Einschätzung der Gemeinde. Kriterien bei der Suche nach einem Standplatz seien eine gute Verkehrserschliessung, das Einverständnis des Grundeigentümers sowie eine ruhige Umgebung. «Idealerweise liegt der Platz nicht direkt bei einer Wohnsiedlung, sondern am Rand eines Siedlungsgebiets», so Siegrist. Weiter müsse es möglich sein, das Areal mit Wasser und Strom zu versorgen.

Es fehlt ein rechtliches Druckmittel

Die Jenischen sind die grösste Gruppe der Schweizer Fahrenden. Sie haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Von 1926 bis 1973 wurden mehrere hundert Kinder durch Pro Juventute und Behörden den Familien weggenommen, um sie vor vermeintlicher Verwahrlosung zu schützen. Rechtlich hat sich die Lage verbessert. Seit einem Bundesgerichtsurteil von 2003 müssten die Kantone den Fahrenden genügend Plätze anbieten. Doch nur die Hälfte der Kantone stellt Durchgangsplätze zur Verfügung, in Luzern befindet sich einer im Ibach. In sieben Kantonen gibt ­einen Standplatz für längere Aufenthalte (Ausgabe vom 20. April).

«Das Problem ist, dass kein Forderungsrecht für Fahrende besteht», sagt Urs Glaus. Hinzu kommt, dass durch Einsprachen und Volksabstimmungen auf Gemeindeebene Standplätze verhindert werden können. Darum schlägt Glaus vor, dass der Bund die Planung in die Hand nehmen soll – mit sogenannten Sachplänen, wie dies etwa bei Armee-Einrichtungen oder Bahnlinien der Fall ist. So wäre man weniger an kantonales Planungs- und Baurecht gebunden. Wenn ein Platz mal in Betrieb ist, würden Vorurteile schnell verschwinden, so Glaus. Schliesslich zahlen Jenische Miete für ihre Plätze und gehen einer Arbeit nach.

Stefan Dählerstefan.daehler@luzernerzeitung.ch


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