Jetzt kommt die Bücher-Flatrate

LUZERN ⋅ Einmal zahlen, das ganze Jahr lesen: Die Luzerner Bibliotheken verabschieden sich von Ausleihgebühren und führen Abonnemente ein. Dabei fällt auf: Auswärtige müssen künftig massiv mehr bezahlen.

06. November 2016, 05:00

«All you can eat.» Mit diesem Versprechen haben Beizen früher um hungrige Gäste geworben. «All you can read» dagegen ist ab nächstem Jahr das Motto des Bibliotheksverbands Luzern. Nachdem schon Telekom-Anbieter und Partyorganisatoren das Prinzip einer Flatrate entdeckt haben, ziehen die Bibliotheken nun nach.

Ab morgen können die neuen Abos abgeschlossen werden – offline, online und in Kombination. Attraktiv ist das Angebot naturgemäss für Vielnutzer. Erwachsene etwa, die bisher mehr als 25 Bücher, CDs oder DVDs pro Jahr ausgeliehen haben, fahren künftig günstiger. Denn sie zahlen nicht mehr zwei Franken pro Ausleihe, sondern eine Jahresgebühr von 50 Franken (siehe Box).

Auswärtige zahlen einen Drittel mehr

Sporadische Bibliotheksbesucher hingegen fahren mit dem neuen System teurer. Die Gefahr, dass sich diese ganz verabschieden, ist nicht von der Hand zu weisen. Dennoch ist Josef Birrer, Leiter der Stadtbibliothek, überzeugt, dass die Abos der richtige Schritt sind – gerade wegen der sinkenden Ausleihezahl. «Wir wollen damit einen Beitrag zur Leseförderung leisten», sagt Birrer. Denn: Kunden, die bis anhin von den Einzelgebühren abgeschreckt wurden, können die Bibliothek nun stärker nutzen. «Mit einem einmaligen Betrag öffnet sich der Zugang zu über 200 000 Medien aus acht Bibliotheken. Für jeden Geschmack ist etwas dabei – wir sind deshalb überzeugt, dass die Zahl der Ausleihen mit der Einführung der Flatrate steigt.»

Ins Auge sticht, dass die Luzerner Bibliotheken mit dem Systemwechsel auch neue Tarife für Auswärtige einführen. Besucher, die nicht in Luzern, Kriens, Emmen, Horw, Meggen, Adligenswil oder Vitznau leben, werden rund einen Drittel mehr für das Ausleih-Abo zahlen als die Einheimischen. «Das ist ein Wunsch der Politik, den wir nun umsetzen», erklärt Josef Birrer. Treffen dürfte das vorwiegend Pendler aus umliegenden Gemeinden und Kantonen, die in der Mittagpause die Ruhe der Bibliothek suchen.

In der Tat sind die Bibliotheken längst nicht die einzigen Institutionen, die Auswärtige stärker zur Kasse bitten. Der Grund ist die sinkende Solidarität zwischen den Gemeinden. Den Anfang gemacht haben die Sportanlagen Luzerns. Nachdem eine Neuaufgleisung der Finanzierung der überregionalen Sportstätten gescheitert war, führten sie letztes Jahr ein technisches System ein, das die Bevorzugung von Einheimischen ermöglicht. Ähnliches wird derzeit auch im Zusammenhang mit der Finanzierung der grossen Luzerner Kulturinstitutionen diskutiert, nachdem Schwyz angekündigt hatte, aus dem kantonalen Kulturlastenausgleich auszusteigen (Ausgabe vom 16. Oktober).

Gratis Geschichten hören in der Bibliothek

Was die Bibliotheken angeht, so ist Josef Birrer bewusst, dass es mit der Einführung der Abonnemente nicht getan ist. Um die Besucherzahlen zu erhöhen, müssen sich auch das Image und das Profil der Bibliotheken ändern. Dieser Aufgabe wird sich künftig Tobias Schelling widmen. Der neue stellvertretende Leiter der Stadtbibliothek war bisher für die Bibliotheksförderung im Kanton Zürich verantwortlich. Nun hat er in der Stadtbibliothek den Auftrag, das Veranstaltungsangebot auszubauen.

Es geht dabei nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Beliebte Formate wie die «Mittwochs­gschicht» bleiben bestehen. Jeweils am Mittwoch um 15 Uhr wird dabei im Kinderbereich der Stadtbibliothek eine Geschichte erzählt – von den Mitarbeitenden. Auch der Buchstart, ein Angebot für Kleinkinder, wird weitergeführt. Die neuen Veranstaltungen sollen eine Ergänzung dazu sein. «Wir wollen die Hemmschwelle möglichst niedrig halten», erklärt Schelling. Vieles sei denkbar: von Lesecafés über Thementage bis hin zu Strickgruppen, die sich in der Bibliothek treffen. «Wir sind offen für Ideen, immer mit dem Ziel, die Bibliothek als Treffpunkt und als einer der letzten öffentlichen, nicht-kommerziellen Räume zu etablieren.»

Lena Berger


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