Kanton Luzern spart bei Heimen für Kinder und Jugendliche

BETREUUNG ⋅ Für den Kanton Luzern ist die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen oft der letzte Rettungsanker. Auch aus finanziellen Gründen. Institutionen warnen, das Problem werde so verschleppt.

15. Oktober 2016, 07:30

«Jugenddorf muss Plätze abbauen» – im letzten Herbst hatte die Knutwiler Institution für stark verhaltensauffällige und teils straffällige Jugendliche eine Hiobsbotschaft zu überbringen: Wegen Belegungsproblemen und der daraus resultierenden finanziellen Not musste eine Wohngruppe geschlossen werden. 9 der 50 Plätze gingen verloren, drei Angestellte brauchten einen neuen Job (wir berichteten).

Heute sagt Direktor Hanspeter Achermann: «Die Reduktion hat sich bewährt. Im Schnitt war das Jugenddorf im ersten Halbjahr zu 92,8 Prozent ausgelastet. Damit stehen wir im Vergleich zu anderen Jugendheimen in der Deutschschweiz sehr gut da.»

Auf zusätzliche Heimplätze verzichtet

Die Finanzprobleme sind damit entschärft, geblieben ist deren Ursache: rückläufige Platzierungen. Im Planungsbericht von 2012 über die sozialen Einrichtungen hielt die Regierung fest: «Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien sollen wenn immer möglich in deren Lebenswelt stattfinden.» John Hodel, Abteilungsleiter der Dienststelle Soziales und Gesellschaft, erklärt: «Der Kanton Luzern strebt eine vermehrte Nutzung von Familienplatzierungen und von ambulanten, also präventiven und Familien unterstützenden Angeboten an. In den letzten Jahren wurden deshalb keine zusätzlichen stationären Heimplätze mehr geschaffen.» In Zahlen: 2011 waren 851 Kinder und Jugendliche fremd platziert, 834 waren es 2015 (siehe Tabelle). 9 von 10 Betroffenen kamen in Heime. «Seit 2008 beobachten wir eine leichte Zunahme bei Platzierungen in Pflegefamilien.»

Aus mehreren Kantonen, die Plätze in Kinder- und Jugendheimen anbieten, wird laut Hodel «ein leichter Rückgang bei Platzierungen» gemeldet. «Auch aus finanziellem Druck.» Dies habe Konsequenzen: Seit letztem Jahr werden markant weniger Kinder und Jugendliche anderer Kantone in Luzerner SEG-Einrichtungen platziert – also in jenen sozialen Institutionen, die dem entsprechenden kantonalen Gesetz unterstellt sind (siehe Kasten).

«Gescheiterte Massnahmen belasten Jugendliche»

Ambulant vor stationär: Extrem zeigt sich diese Tendenz im Jugendsanktionsvollzug – bei jenen jungen Menschen, denen eine Platzierung strafrechtlich verordnet wurde: Im Jahr 2010 waren schweizweit 861 Jugendliche in Heimen oder Familien untergebracht, 2015 waren es mit 433 noch die Hälfte. In der Zentralschweiz ist das Jugenddorf St. Georg in Knutwil die wichtigste Anlaufstelle für strafrechtlich platzierte Jugendliche. Achermann leitet die Institution seit zwölf Jahren. «Zu Beginn waren noch vermeintlich einfachere Fälle bei uns platziert.» Rund ein Drittel der Plätze wurde von jungen Männern belegt, die kooperierten. «Heute werden vor allem stark renitente Jugendliche bei uns eingewiesen, denen oftmals die Perspektiven fehlen.»

Er verstehe, dass Kantone mit ihren Ressourcen «haushälterisch» umgehen. «Doch Geld darf letztlich kein Argument sein.» Sofern die Voraussetzungen für eine positive Entwicklung gegeben seien, begrüsse er ambulante Massnahmen. «Nur zu oft wird aber zu lange zugewartet und eine Platzierung bloss hinausgezögert. Misserfolge solcher Massnahmen belasten Jugendliche beim Heimeintritt, was unsere Arbeit erschwert.» Auch bei jenen, deren Aufenthalt von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zivilrechtlich angeordnet wurde – etwa aufgrund der Gefahr von Verwahrlosung –, sei die späte Einweisung nachteilig: «Sobald jene Jugendliche volljährig sind, ist die Massnahme hinfällig. Uns bleibt weniger Zeit, um mit ihnen zu arbeiten.»

Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf sagt hierzu: «Bei der Förderung von ambulanten Angeboten geht es nicht primär um die Finanzen. Es liegt im Interesse der Kinder und Jugendlichen, dass mit Familien unterstützenden Angeboten oder Schulsozialarbeit Heimaufenthalte verkürzt oder verhindert werden.» Er anerkenne aber, dass dadurch die Arbeit für die Heime noch anspruchsvoller werde.

Dass Zuweisungen immer später erfolgen, «was in vielen Fällen nicht im Kindesinteresse ist», beobachtet auch Paul Longoni, Geschäftsleiter des Schul- und Wohnzentrums in Schachen, einer Sonderschule mit Internat für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten. «Wir müssen feststellen, dass Kinder und Jugendliche, die Sonder­schulen zugewiesen werden, teils Lernrückstände von mehreren Jahren aufweisen und zudem immer komplexere, oft auch chronifizierte Störungsbilder aufweisen.» Eine frühzeitige Zuweisung an eine Sonderschule und frühere Wiedereingliederung in Regelklassen «könnten ein wiederholtes Scheitern verhindern».

«Fremdplatzierungen sind nicht immer zielführend»

Ähnliche Erfahrungen macht Andreas Grütter, Leiter des Kinderheims Hubelmatt in Luzern. «Fremdplatzierungen als Ultima Ratio sind nicht immer zielführend.» Dennoch begrüsse er aus fach­licher Sicht, dass es erst zu solchen komme, «wenn alle ambulanten Möglich­keiten samt sozialpädagogischer Familienbegleitung nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben». Allerdings würden diese Massnahmen «teils zu viel» Zeit beanspruchen.

Im Kinderheim Hubelmatt liegt die Auslastung gemäss Grütter stets zwischen 95 und 100 Prozent. «Die Nachfrage nach stationären Plätzen ist sehr schwankend.» Dies treffe auch auf das Schul- und Wohnzentrum Schachen zu, sagt Longoni. «Schon seit längerem nehmen die Internatplatzierungen ab. Neuerdings ist der Rückgang auch bei Plätzen in der Tagesschule festzustellen.» Im sogenannten Externat seien derzeit 92 Prozent aller Plätze belegt, vor einem Jahr waren es 101 Prozent. Das Internat weist derzeit eine Auslastung von 69 Prozent aus, im Vorjahr 80,1 Prozent. Er stelle fest, die laufende Kampagne gegen die Kesb habe viele verunsichert und Eltern dazu gebracht, sich gegen Platzierungen zu wehren. Die Kesb nehme solche nur noch in den «schwersten Fällen» vor und einzig, wenn sie juristisch «niet- und nagelfest» abgesichert seien. «Dies führt zu Verzögerungen bis zu Verschleppungen von notwendigen Platzierungen.» Dass der Bedarf an Plätzen in Sonderschulen abgenommen habe, sei aber auch auf erfolgreiche integrative Förderung zurückzuführen, die Schülern erlaube, in der Regelklasse zu verbleiben.

Auch bei Asylsuchenden ein Thema

Hanspeter Achermann vom Jugenddorf geht davon aus, dass sich die Anzahl Platzierungen stabilisieren wird. Eine Unbekannte ist für ihn jedoch die Entwicklung bei den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden – kurz Uma. «Nach dem Balkankonflikt in den Neunzigerjahren nahmen wir viele Jugendliche aus jenen Gebieten auf. Anhand konkreter Anfragen stelle ich fest, dass viele Uma traumatisiert sind und intensive, professionelle Betreuung brauchen. Ich zweifle, ob diese in den Zentren mit knappen Personalressourcen gewährleistet ist.»

Regierungsrat Guido Graf räumt die Bedenken aus: «Auch im Asyl- und Flüchtlingswesen stehen das Kindswohl und nicht die Finanzen im Vordergrund. Per Ende Juli 2016 waren 22 Kinder und Jugendliche in einem Heim platziert, und in zwölf Fällen war eine sozialpädagogische Familienbegleitung angeordnet.»

Evelyne Fischer


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