Kastanienblüte mitten im Herbst

STADT LUZERN ⋅ An der Obergrundstrasse blühen zurzeit Kastanienbäume. Ist da etwas mit den Jahreszeiten durcheinandergeraten? Ja, sagt der Stadtgärtner – weil die Bäume zu viel Stress haben.

08. Oktober 2016, 05:00

Wer dieser Tage an der Stadtverwaltung in der Obergrundstrasse vorbeigeht, kann blühende Kastanienbäume beobachten. Der Luzerner Stadtgärtner Cornel Suter bestätigt das Phänomen. Dass die dortigen Kastanien im Herbst blühen, sei in den letzten Jahren bereits mehrmals vorgekommen.

So schön die Blüten anzusehen sind – der Grund für den ungewöhnlichen Zeitpunkt ist kein erfreulicher. «Diesen Bäumen geht es nicht gut», sagt Cornel Suter. Grund ist insbesondere die starke Belastung durch das Streusalz im Winter. Das salzige Sickerwasser setzt den Bäumen sehr zu. Ein weiterer Grund für den Zustand der Bäume ist, dass der Boden ringsum versiegelt und verdichtet ist, wodurch der Wasser- und Lufthaushalt im Boden eingeschränkt ist.

Im Sommer ist «Herbst», im Oktober «Frühling»

Doch was hat dies alles mit den Blüten zu tun? «Durch den Stress fallen zum Teil schon im Sommer die ersten Blätter von den Bäumen. Im Herbst beginnen sie dann ein zweites Mal zu treiben», erklärt Suter. Der Jahreszeiten­zyklus ist also sozusagen auf den Kopf gestellt. Dieses Phänomen trifft man übrigens nicht nur bei Kastanienbäumen an. «Letztes Jahr haben am Bundesplatz wegen der milden Witterung mitten im Winter Mohnblumen geblüht», sagt Cornel Suter. Das habe zu vielen Rückmeldungen aus der Bevölkerung geführt.

Die Stadt ist für Pflanzen allgemein ein etwas spezieller Lebensraum. «Nicht alle Bäume sind für die Stadt geeignet», sagt Cornel Suter. Mehrere einheimische Bäume vertragen die Hitze im Sommer, das Salz im Winter, die Abgase und die engen Platzverhältnisse nur schlecht. Daher bleibt der Stadtgärtnerei teils nichts anderes übrig, als exotische Bäume zu pflanzen, die widerstandsfähiger sind. Erst kürzlich hat die Stadt beispielsweise im Schönbühlquartier die bisherigen Platanen durch Zelkoven ersetzt (Ausgabe vom 16. August). Im Hirschmattquartier wurden derweil neue Blumeneschen gepflanzt. Beide Baumarten sind vor allem im Mittelmeergebiet heimisch. Was passiert nun mit den Kastanien an der Obergrundstrasse? Gemäss Cornel Suter drängen sich im Moment keine Massnahmen auf. Die Bäume, die schon mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel haben, seien zwar in keinem erfreulichen Zustand, aber noch nicht am Absterben. «Erst wenn sie krank werden, von Schädlingen befallen sind oder viel Totholz produzieren, müsste man aus Sicherheitsgründen eine Fällung veranlassen.»

Robert Knobelrobert.knobel@luzernerzeitung.ch


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