Kinderwunschklinik in Luzern: Die Zahl der Behandlungen nimmt zu

LUZERN ⋅ Der Trend ist klar – schweizweit nehmen die Zahlen ab. Am Luzerner Kantonsspital dagegen lassen sich immer mehr Frauen künstlich befruchten – warum?
14. Februar 2016, 05:05

Der Wunsch sitzt tief. Jürgen Weiss (48) versucht, ihn zu erfüllen. Zu ihm kommen Paare, die es teils jahrelang probiert haben – doch geklappt hat es nie. In der Schweiz ist laut Schätzungen jedes sechste Paar ungewollt kinderlos. Rund 2000 Patienten suchten darum im vergangenen Jahr bei Weiss und seinen acht Mitarbeitern am Kinderwunschzentrum der Neuen Frauenklinik des Luzerner Kantonsspitals (Luks) Hilfe. Und es werden immer mehr.

Anstieg bis 2010 – jetzt rückläufig

Von den 2000 behandelten Frauen und Männern konnten rund 1600 mittels natürlichen Methoden oder der Insemination geholfen werden – dabei werden die Spermien zum Zeitpunkt des Eisprungs über einen Schlauch direkt in die Gebärmutter geleitet. Wenn auch diese Methode nicht möglich ist, muss die Eizelle künstlich befruchtet und der Frau eingesetzt werden. 2014 wurden schweizweit 6267 Frauen so behandelt. Bis 2010 stieg diese Zahl stetig an, seither stagniert sie – nimmt in der Tendenz gar leicht ab.

Frau bei erster Geburt 36 Jahre alt

Ein anderes Bild zeigt sich indes in der Abteilung von Jürgen Weiss am Luks: Wurden vor 2013 im Durchschnitt jährlich rund 300 Frauen künstlich befruchtet – sind es heute bereits 400. Woher rührt dieser Zuwachs? Rät man den Frauen schneller zu einer solchen Behandlung? Weiss verneint. «Das Kinderwunschzentrum in Luzern hat sich in den vergangenen Jahren anders strukturiert», sagt er. Früher sei das Team kleiner gewesen, die Ärzte hätten im Spital zusätzliche Aufgaben gehabt. «Heute kümmert sich das 9-köpfige interdisziplinäre Team ausschliesslich um das Kinderwunschzentrum. Dadurch konnten wir wohl mehr Patienten gewinnen.»

Dass die Zahlen der Behandlungen schweizweit abnehmen, hänge wohl mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen, sagt Weiss. «Eine der Hauptursachen, warum es künstliche Befruchtungen braucht, ist das Alter der Frau.» Je älter, umso schwerer wird es, schwanger zu werden. Im Durchschnitt seien die Patientinnen bei einer solchen Behandlung 36 Jahre alt. «Diese Zahl ist jahrelang gestiegen und nun seit einigen Jahren konstant. Gleichzeitig hat auch die Anzahl der künstlichen Befruchtungen auf hohem Niveau stagniert. Es ist anzunehmen, dass hierbei ein Zusammenhang besteht.»

Fest steht aber auch: Eine künstliche Befruchtung funktioniert nicht in jedem Fall. «Pro Zyklus liegt die Schwangerschaftsrate bei rund 30 Prozent», sagt Weiss. «Klappt es beim ersten Mal nicht, empfehlen wir den Paaren eine zweite oder dritte Behandlung zu machen.» Die Kosten dafür müssen die Patienten selber tragen – für einen Eingriff zahlen sie laut Weiss im Durchschnitt rund 6500 Franken.

«Helfen, wo die Natur versagt»

Künstliche Befruchtungen sind seit 1978 möglich. Weltweit sind bis dato 6 Millionen Kinder so zur Welt gekommen. «Sie haben sich normal entwickelt», sagt Weiss. «Es konnten keine Unterschiede zu natürlich entstandenen Kindern ausgemacht werden.» Doch die Fortpflanzungsmedizin ist umstritten. So wurde etwa gegen die Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes, über das im vergangenen Jahr befunden wurde, das Referendum ergriffen. Im Juni wird nun über die konkrete Gesetzesanpassung abgestimmt. Es sind vor allem ethische Vorbehalte, die die Gegner ins Feld führen, sagt Weiss. Oft höre er, dass er Dinge mache, die entgegen der Natur seien. «Als Arzt versuche ich aber per se dort zu helfen, wo die Natur versagt. Bei zu hohem Blutdruck oder Krebs sagt auch niemand, man soll der Natur seinen Lauf lassen.»

Grosse Rolle spielt das Alter der Frau

FORSCHUNG Wissenschaftlich ungeklärt ist derzeit, warum einige Männer und Frauen gänzlich unfruchtbar sind. «Es gibt immer wieder Spekulationen, dass es etwa an der Umweltverschmutzung liegen könnte. Aber das ist nicht bewiesen. Klar ist, dass etwa das Alter der Frau eine gewichtige Rolle spielt», sagt Jürgen Weiss, Leiter des Kinderwunschzentrums der Neuen Frauenklinik des Luzerner Kantonsspitals. 

Ursachen bei Mann und Frau

Je nach Art der Störung handelt es sich nur um eine vorübergehende Fruchtbarkeitsstörung oder um eine Erkrankung, die behandelt werden kann. Nicht immer sind körperliche Beschwerden verantwortlich, dass Paare keine Kinder kriegen können: Stress etwa kann die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen. Er kann bei Frauen zum Ausbleiben des Eisprungs führen. 

Gemäss Statistik liegen die Gründe, warum es bei einigen Paaren mit Kindern nicht klappen will, je zu einem Drittel bei der Frau und beim Partner. Bei einem Drittel sind die Gründe laut Jürgen Weiss vom Luzerner Kantonsspital bei beiden zu suchen. 

Christian Hodel


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