Laura und das Rätsel ums Änziloch

ROMOOS ⋅ Mit dem Film «Das Mädchen vom Änziloch» von Alice Schmid steht Laura Röösli bereits zum zweiten Mal vor der Kamera. Die 12-Jährige würde nicht mit jedem Regisseur zusammenarbeiten.

10. Oktober 2016, 05:00

Wer den Film «Die Kinder vom Napf» gesehen hat, dem ist Laura Röösli wahrscheinlich ein Begriff. Die damals fünfjährige Bauerntochter begeisterte mit anderen Kindern von Romoos das Publikum. Der von Regisseurin Alice Schmid gedrehte Film wurde sogar an der Berlinale gefeiert. Für Laura noch heute ein unvergessliches Erlebnis.

Jetzt kommt der zweite Film aus dem Napfgebiet in die Kinos. «Das Mädchen vom Änziloch» heisst der neue Wurf von Alice Schmid, der im November am grössten Dokumentarfilmfestival der Welt in Amsterdam gezeigt wird. In den Hauptrollen: die mittlerweile 12-jährige Romoo­serin Laura Röösli und der 14-jährige Krienser Thom Straumann. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Jungfrau, die sich im Änziloch befinden soll.

Der Sage nach sollte ein junges Mädchen mit seinem Vater Steine wegräumen. Als es dem Mädchen zu bunt wird, schleudert es einen Stein weg, der dann seinen Vater trifft. Daraufhin wird das junge Mädchen ins Änziloch verbannt, wo es jeweils bei Vollmond emporsteigt, sich auf den Stein setzt und sein Haar bürstet. Erst wenn es silbern ist, darf es das Änziloch verlassen. Soweit die Sage. Ob sich das wirklich so zugetragen hat, bezweifelt Laura. «Gesehen habe ich während der Dreharbeiten nichts.»

«Zu Hause ist es am schönsten»

Laura hat ihre Sommerferien für den Dreh hergegeben. Obwohl sie nach dem ersten Film nicht nur positive Reaktionen bekam: «Es gab Kinder in meiner Klasse, die haben mir richtig üble Beleidigungen an den Kopf geworfen», erinnert sie sich. Damit umzugehen, war nicht einfach. Doch Mutter Marlene Röösli, Alice Schmid und auch der Erfolg des Films haben ihr Selbstvertrauen wieder aufgebaut. Mittlerweile steht sie über diesen Ereignissen. Trotz des Mobbings: Als «Lisi», wie sie Alice Schmid nennt, für einen weiteren Film angefragt hatte, zögerte sie keine Sekunde. «Wir haben eine spezielle Bindung, mit ihr mache ich gerne Filme.» Und so kam es, dass Laura Röösli, Thom Straumann und Alice Schmid während sechs Wochen diesen Film drehten. Wie schon beim ersten Mal alles ohne Drehbuch. Laura spielt sich selber, Dialoge ergaben sich spontan. Dass sie dadurch nicht in die Ferien verreisen konnte, störte sie nicht: «Zu Hause ist es am schönsten.»

Fünf bis sechs Tage die Woche zu drehen, ist intensiv. Und auch an Thom musste sie sich gewöhnen, denn den Krienser kannte sie zuvor nicht. «Es war schon sehr komisch, mit jemand Fremden zu drehen.» Doch das Eis brach schnell. Spätestens dann, als Laura und Thom eine Szene in einem Wohnwagen drehen sollten und nicht mehr aufhören konnten zu lachen. Alice Schmid stimmte nach einer Weile ins Gelächter ein, die Szene fand später in einer anderen Sequenz Platz im Film. Wenn man so viel Zeit mit einem Jungen verbringt, könnte man annehmen, dass sich da vielleicht mehr als eine Freundschaft entwickelt. Laura winkt ab: «Thom ist ein Weichei. Er ist nicht fürs Bauern gemacht. Wenn, dann möchte ich einen Jungen, der sich nicht vor allem ekelt.»

Drehen hat sie geduldiger gemacht

Drehen kann auch weniger lustig sein. Mit dem Ton hatte Laura ihre liebe Mühe. Das Klebeband der Verkabelung habe sie genervt. Jeden Abend wurde es entfernt – und das nicht zu sanft.

Den fertigen Film hat Laura noch nicht gesehen. Doch sie vertraue Lisi voll und ganz, und falls es doch Sequenzen gebe, die ihr nicht gefielen, sei es sowieso zu spät, noch etwas daran zu ändern. «Janu, s esch, wie s esch», sagt sie selbstbewusst. Vor weiteren Mobbingattacken fürchtet sie sich nicht. Die jetzige Klasse sei besser, denn sie gehe ja nicht mehr in Romoos in die Primar-, sondern in Wolhusen in die Sekundarschule. Ihre Klasse wisse noch nichts davon, dass sie künftig auf den Kinoleinwänden zu sehen sei. Schauspielerin will Laura jedoch nicht werden. «Ab und zu mit Lisi Filme zu drehen, ist spannend, weil es nicht alltäglich ist. Aber bei anderen Regisseuren würde ich mich nicht wohl fühlen», sagt sie. Stattdessen wolle sie später Pferdepflegerin oder Coiffeuse werden. Auch sonst hat sich das Leben der Romooserin durch die Dreharbeiten und den Medienrummel nicht gross verändert. «Das ständige Wiederholen von Szenen hat mich aber geduldiger gemacht.»

Hinweis

Die Premiere für «Das Mädchen vom Änziloch» ist für Januar 2017 angesetzt.

Martina Odermatt

«Jäger haben mir verboten, ins Änziloch zu gehen»

Von Romoos an die Berlinale und um die halbe Welt: «Die Kinder vom Napf» war vor vier Jahren der Überraschungserfolg im Schweizer Film. Auch in «Das Mädchen vom Änziloch» rückt Regisseurin Alice Schmid das Napfgebiet und seine Menschen in den Mittelpunkt – der neue Film verspricht schon jetzt, über die Landesgrenze hinaus für Aufmerksamkeit zu sorgen. Für das weltgrösste Dokumentarfilm-Festival Idfa, das im November in Amsterdam stattfindet, ist er in zwei Kategorien nominiert.

Alice Schmid, zahlreiche Zuschauer haben «Die Kinder vom Napf» geschätzt, da ihnen eine Welt gezeigt wird, in der alles noch in Ordnung ist. Nun dreht sich alles ums Änziloch, wo die Gefahr von Steinschlägen allgegenwärtig ist und es anscheinend nur so vor bösen Geistern wimmelt.

Das Änziloch hat einen sehr speziellen Stellenwert in Romoos. Kaum jemand redet darüber und wenn, dann heisst es nur: «Geh nicht dorthin!» Die Einheimischen haben einen Riesenrespekt vor dem Ort, auch die Mütter in Romoos wollten nicht, dass ihre Kinder dorthin gehen. Die Jäger in der Region haben mir sogar verboten, ins Änziloch zu gehen, dies aber eher, da konstant Steine die 200 Meter hohe Wand runterfallen und es entsprechend gefährlich ist. Diese Geräusche der Steine machen am Schluss auch das Gespenstische des Ortes aus.

«Die Kinder vom Napf» wurde an Filmfestivals auf der ganzen Welt gezeigt. Wie schwierig war es, sich an den neuen Film zu wagen?

Der Erfolg war überraschend, vor allem, da der Film ohne Fördergelder entstanden ist. Ich war danach ein Jahr lang für die Promotion des Filmes unterwegs. Danach benötigte ich Zeit, bis die Idee für den zweiten Film reifte. Das Thema Änziloch war gesetzt, doch ich brauchte zwei Jahre, um die richtige Form zu finden.

Was macht den grossen Erfolg im Ausland aus?

Das liegt sicher auch an der Napfregion und ihren Anwohnern. In den Rückmeldungen hört man immer wieder, dass die Zuschauer über die Naturverbundenheit der Romooser staunen.

Neben der Region gibts einen weiteren Wiedererkennungseffekt: Laura Röösli, die schon im Vorgänger prominent vorkam, bekommt im neuen Film eine noch grössere Rolle.

Genau. Um ihre Figur dreht sich praktisch der ganze Film. Die mittlerweile 12-jährige Laura ist mir während der Dreharbeiten zum ersten Film ans Herz gewachsen. Viele Szenen im Film leben von ihrer Authentizität und ihren ausdrucksstarken Emotionen. Laura hat etwas Mühe, «dazuzugehören», was mich auch an meine Jugend erinnert hat. Vielleicht war das auch der Grund, dass sie als Einzige beim Thema Änziloch mit Neugier und ohne Furcht immer wieder Fragen gestellt hat. Sie bewunderte meine Tagebücher, die sich bei mir auf Beigen stapeln. Auf einem alten Laptop von mir fing sie schliesslich selber zu schreiben an. Darauf baut der neue Film auf. Die Interaktion mit der anderen wichtigen Figur im Film – dem 14-jährigen Thom Straumann, der ganz anders als Laura, etwas altklug auftritt – bringt eine spezielle Dynamik in die Geschichte.

Sind Sie durch Ihre Filme nun eigentlich endgültig zur Wahl-Romooserin geworden?

Romoos spielt schon seit langem eine Rolle in meinem Leben. Mit 16 war ich eine Zeit lang in der Gemeinde, dort habe ich zum ersten Mal vom Änziloch gehört. Und seit den Dreharbeiten zum ersten Film wohne ich im wunderschönen alten Schulhaus der Gemeinde. Eigentlich war dies nur für die Arbeiten von «Kinder vom Napf» gedacht, nun darf ich noch etwas länger bleiben. Mittlerweile bin ich sogar Mitglied im lokalen Frauenjodelchor.

«Das Mädchen vom Änziloch» ist nun ihr zweiter Film, der Romoos in den Fokus stellt. Kommt es am Schluss noch zu einer Napf-Trilogie?

Ja, das wird es. Welchen Aspekt ich genau beleuchte, ist noch nicht ganz klar, für den aktuellen Film brauchte es ja auch seine Zeit, bis die Idee gereift ist.

Interview: Sasa Rasic


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