Luzerner Studenten mit Toplöhnen

BILDUNG ⋅ Wo soll man studieren? Und was? Strebt man ein hohes Einkommen an, schreibt man sich am besten in St. Gallen oder Luzern ein. Geistes- und Sozialwissenschaftler verdienen besser als Ingenieure.

04. Oktober 2016, 05:00

«Persönlich und überschaubar», «international und vernetzt», «gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt»: Mit diesen Schlagworten preist sich die Universität Luzern auf ihrer Website als idealer Standort für ein Hochschulstudium an. Eines könnte sie noch hinzufügen: «ausgezeichnete Löhne». Ein Jahr nach Abschluss des Masterstudiums liegen die Luzerner Studenten mit einem mittleren Einkommen von 72 800 Franken im Vergleich mit anderen Universitäten zwar nur im Mittelfeld (siehe Tabelle). Dies zeigen Zahlen, die das Bundesamt für Statistik (BFS) letzte Woche publiziert hat. Nach fünf Jahren aber belegen sie mit 104 000 Franken Platz zwei, direkt hinter den Spitzenreitern von der Universität St. Gallen (112 500 Franken).

Die Aussichten, dass die Uni Luzern ihre Position halten kann, sind gut. Abgänger der Rechtsfakultät erzielen generell hohe Löhne. Und in diesem Semester hat die Wirtschaftsfakultät ihren Betrieb aufgenommen. Ökonomen gehören im Vergleich zu Absolventen anderer Studienrichtungen zu den Topverdienern.

Weshalb beschert ein Studium an der Universität Luzern eine so gute Rendite? So genau weiss sie das selber nicht. «Für Erklärungen für dieses Resultat ist es noch zu früh – wir werden die Daten der Erhebung auf jeden Fall vertieft auswerten», sagt Dave Schläpfer, Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit der Universität Luzern. Über das gute Abschneiden der Luzerner Masterabsolventen freue man sich natürlich sehr. Und: «Fürs Erste lässt sich sagen, dass wir uns bestätigt in unseren Bestrebungen sehen, unseren Studierenden die notwendigen Kompetenzen für ihre berufliche Zukunft zu vermitteln.»

St. Gallen: Managementberatung und Banken

Dass Studenten der Universität St. Gallen gut gefüllte Lohntüten erhalten, überrascht nicht. Die HSG, wie sie im Volksmund genannt wird, gilt als Kaderschmiede, in der die Wirtschaftselite geformt wird. Laut einer aktuellen Studie arbeiten denn auch überdurchschnittlich viele HSG-Absolventen in der Management- und Strategieberatung sowie bei Banken – zwei Branchen mit hohen Salären. Sollen die Eltern ihre Kinder demnach nach St. Gallen schicken? «Ausschlaggebend für die Wahl des Studiums sollten primär das Interesse und die Begabung für das jeweilige Fachgebiet sein», sagt Marius Hasenböhler, Leiter der Kommunikation. Künftige Lohnaussichten sollten seiner Meinung nach nicht die Hauptmotivation für die Wahl eines Studiums sein. Die Universität St. Gallen wirbt denn auch nicht aktiv mit den Gehaltszahlen um Studenten. Sie weist jedoch auf die guten Chancen der HSG-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt hin.

Auf den ersten Blick überrascht das schlechte Abschneiden der ETH Zürich. Politiker und Wirtschaftsverbände klagen seit langem über einen Ingenieurmangel und fehlenden Nachwuchs in den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Bloss: Wer ein solches Studium anpackt, steht finanziell im Vergleich zu Kollegen aus anderen Disziplinen schlechter da. Fünf Jahre nach Masterabschluss verdient ein Ingenieur im Mittel 86 700 Franken. Nicht nur die Ökonomen (102 000), die Mediziner (100 000) und die Juristen (98 800) sind bessergestellt, sondern auch die viel gescholtenen Geistes- und Sozialwissenschaftler, deren Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, so eine gängige Kritik, nicht gefragt sind.

Den Einkommensrückstand der ETH-Absolventen erklärt Evelyne Kappel, Leiterin des ETH-Karrierezentrums, wie folgt: «Sehr viele Studenten, die an der ETH den Master absolvieren, hängen ein Doktorat an und verdienen entsprechend weniger als jemand, der eine Anstellung in der Privatwirtschaft annimmt.» Dass die ETH-Abgänger gegenüber ihren Kollegen von der Universität St. Gallen schlechter abschneiden, erstaunt sie nicht. «In der Finanzbranche und im Consultingbereich werden höhere Löhne bezahlt als zum Beispiel in der Maschinenindustrie», sagt Kappel.

Numerus clausus für Geisteswissenschaftler?

Die angebliche Sinnlosigkeit geistes- und sozialwissenschaftlicher Studien schlägt sich in zeitgenössischen Bestsellern nieder. «Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermassen zu so ziemlich gar nichts ausser – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften», lässt der französische Autor Michel Houellebecq die Hauptfigur in seinem Roman «Unterwerfung» sagen. Auf dem politischen Parkett schlägt die SVP einen Numerus clausus für Geistes- und Sozialwissenschaftler vor. «Es muss uns kümmern, was mit den Tausenden Studienabgängern beispielsweise in Psy­­-chologie, Ethnologie, Soziologie, Geschichte, Kultur und Kunstwissenschaften passiert und ob überhaupt eine Nachfrage nach solchen Akademikern in der Privatwirtschaft besteht», schreibt sie in einem Vorstoss.

Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (4,5 Prozent) und zu anderen ­Studienrichtungen ist die Erwerbslosenquote von Geistes- und Sozialwissenschaftlern (6,6 Prozent) ein Jahr nach Studienabschluss in der Tat hoch. Fünf Jahre später aber sinkt dieser Wert auf 2,7 Prozent. Bezüglich Einkommen sind die Geistes- und Sozialwissenschaftler zwar nicht an der Spitze, sie schlagen aber auch noch fünf Jahre nach Studienabschluss die Mint-Absolventen.

Der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger ist über diese Tatsache nicht erstaunt. «Viele Geistes- und Sozialwissenschaftler arbeiten nach Studienschluss im öffentlichen Dienst mit hohen Anfangslöhnen», sagt er. Mint-Wissen sei weniger landesspezifisch. «Und ein ETH-Ingenieur steht viel mehr unter Druck des internationalen Wettbewerbs als ein Jurist, ein Ökonom oder ein Sozialwissenschaftler, deren Wissen nicht so leicht mit Zuwanderung importiert werden kann», so Eichenberger. Entscheidend für das Einkommen ist seiner Meinung nach zudem nicht so sehr der Standort der Universität, sondern in welcher Branche und welcher Region man nachher arbeitet.

Wer kurz nach Studienabschluss kein Topverdiener ist, muss sich darüber ohnehin nicht den Kopf zerbrechen. «Anfangslöhne, auch fünf Jahre nach Studienabschluss, sagen wenig aus über ­das Lebenseinkommen», so Eichenberger. In der Tat: Absolventen der Pädagogischen Hochschule gehören am Anfang zu den Spitzenverdienern. Langfristig haben aber zum Beispiel Juristen und Ökonomen potenziell bessere Lohnperspektiven als Lehrer.

Kari Kälin


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