«Man küsst mir nicht die Füsse»

UNIVERSITÄT ⋅ Christoph Schaltegger (43) ist der Gründungsdekan der neuen Wirtschaftsfakultät der Uni Luzern. Im Gespräch erklärt er, wo er die Fakultät hinführen will und weshalb er keine Lust auf Zickenkrieg hat.
20. Februar 2016, 09:00

Christoph Schaltegger, die neue Wirtschaftsfakultät startet im Herbst an der Universität Luzern. Was macht man als Dekan einer Fakultät, die noch nicht existiert, den ganzen Tag?

Christoph Schaltegger: Sicherstellen, dass wir optimal starten können!

Das heisst konkret?

Schaltegger: Wir sind kurz davor, das Studienprogramm abschliessend zu definieren. Das ist natürlich ein intensiver Prozess. Wir wollen ein attraktives Studienprogramm anbieten und sind jetzt mit dem Feinschliff beschäftigt. Gleichzeitig laufen die Berufungsverfahren für die neuen Professuren.

Als neue Fakultät an einer noch jungen Universität ist man bei der Rekrutierung von Studenten aber zwangsläufig im Nachteil.

Schaltegger: Klar, das ist eine Herausforderung, auf die wir aber vorbereitet sind. Man kann beispielsweise nicht darauf verweisen, dass schon der Vater und Grossvater die Uni besuchten.

Mit welchen Argumenten überzeugt man stattdessen?

Schaltegger: Mit hochwertigem Inhalt in Lehre und Forschung und einer persönlichen Betreuungssituation. Die Studierendenzahlen sind in den vergangenen 15 Jahren explodiert. An grossen Universitäten kriegt man den Dozenten im ersten Jahr oft nur über Videoübertragung zu sehen. Dazu bieten wir eine echte Alternative.

Sie streichen also die Beschaulichkeit der Uni Luzern heraus?

Schaltegger: Wir haben den Vorteil eines sehr persönlichen Umfeldes. Wir bieten ein anderes Studieren, eine andere Atmosphäre.

Wie unterscheidet sich die neue Fakultät inhaltlich von der Konkurrenz?

Schaltegger: Wir bieten ein breit gefächertes Studium an, das den Studierenden einen fundierten Einblick in die ganze Vielfalt der Wirtschaftswissenschaften garantiert. Was uns zusätzlich unterscheidet, ist ein relativ hohes Gewicht an Rechtsinhalten.

Weshalb gerade diese Schwerpunktsetzung?

Schaltegger: Das breite Studium garantiert einen erfolgreichen Berufseinstieg und gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Auch bleiben so im Hinblick auf weiterführende Studien auf Masterstufe viele Optionen offen. Ein weiterer Grund ist, dass wir vor Ort eine sehr gute Jus-Fakultät haben, mit der wir kooperieren wollen.

Verspüren Sie Druck, die neue Wirtschaftsfakultät ebenso erfolgreich zu lancieren wie damals die juristische?

Schaltegger: Es ist weniger Druck, mehr eine gewisse Erwartungshaltung. Ich spüre aber vor allem eine positive Aufbruchstimmung. Diese konstruktive und kooperative Stimmung will ich um jeden Preis erhalten.

Was sind die Herausforderungen?

Schaltegger: Eine Universität ist ein vielfältiges Biotop. Hier treffen – und manchmal prallen – unterschiedlichste Charaktere aufeinander. Ziel ist es, ein Team aus Personen zu bilden, die unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten mitbringen, um damit die Fakultät gemeinsam zum Erfolg zu bringen.

Welche Sorte Professoren soll demnach Ihrer Fakultät beitreten?

Schaltegger: Wir suchen Personen, die akademische Exzellenz und herausragende Lehrqualifikationen vereinen.

Als Gründungsdekan haben Sie es zu einem wesentlichen Teil in der Hand, die Weichen für die neue Fakultät zu stellen. Wohin soll es gehen?

Schaltegger: Das zu erreichen, wofür wir stehen.

Und das wäre?

Schaltegger: Starke Leistung in Forschung und Lehre, mit besonderem Augenmerk auf praxisrelevante Themen und einer persönlichen Betreuung der Studierenden. Die Themen, die wir behandeln, sollen in der realen Welt auch anwendbar sein.

Dennoch braucht doch jede Fakultät ein gewisses Profil.

Schaltegger: Das Profil erhält eine Fakultät durch die Personen, die berufen werden. Die Qualität der Lehrpersonen ist uns enorm wichtig. Denn sie machen die Reputation unserer Fakultät im Wesentlichen aus. Entsprechend sind die Berufungen eine aufwendige Angelegenheit.

Die Fakultät war ja nicht unumstritten und wird von manchen Seiten immer noch kritisch beäugt. Spüren Sie dies auch noch im jetzigen Aufbauprozess?

Schaltegger: Ich verstehe, dass es hier um Befindlichkeiten geht. Vergessen wir allerdings nicht: Fachhochschulen und Unis nehmen ganz andere Aufgaben in der schweizerischen Bildungslandschaft wahr. Unsere Konkurrenz sind deshalb vor allem andere Unis.

Können Sie das ausführen?

Schaltegger: Ich kämpfe um Lehrpersonen, die sonst möglicherweise an anderen Universitäten unterrichten, um Studenten, die sonst an einem anderen Ort Uni studieren, nicht an einer Fachhochschule. In diesem Sinne spüre ich die vergangenen Diskussionen heute auch nicht mehr.

Ein Hauptzankapfel im Vorfeld war die Unternehmerschule, die mit dem Masterstudiengang ab 2018 angeboten werden soll. Ist diese wie geplant auf Kurs?

Schaltegger: Die Unternehmerschule wird ein Alleinstellungsmerkmal auf Masterstufe sein. Ich habe sie nie als Zankapfel wahrgenommen. Die Vorbereitungen laufen nach Plan.

Wie lange bleiben Sie Dekan?

Schaltegger: Ich bin für vier Jahre gewählt. In dieser Zeit will ich die Basis schaffen, um die Fakultät sicher zu etablieren.

Das klingt aber nicht so, als wenn Sie vorhätten, länger zu bleiben.

Schaltegger: Diese Frage muss die Fakultät in vier Jahren entscheiden. Die Position ist mit sehr viel Managementaufgaben und Moderationsprozessen verbunden. Das ist eine spannende und herausfordernde Aufgabe. Gleichzeitig hat man aber etwas weniger Zeit für die Forschung, für die mein Herz noch immer am stärksten schlägt.

Aber es ist doch eine Ehre, Gründungsdekan zu sein?

Schaltegger: Ja, sicher, aber es bedeutet auch viel Verantwortung. Und es ist ja auch nicht so, dass man mir deswegen täglich die Füsse küsst! (lacht)

Aber weshalb tun Sie es sich denn überhaupt an?

Schaltegger: Sie haben schon Recht: Man kann nur einmal Gründungsdekan sein. Zudem hat man die einmalige Gelegenheit, etwas Neues zu schaffen – der gestalterische Spielraum ist unvergleichbar und spannend.
 

Interview Ismail Osman

 

Hinweis

Christoph A. Schaltegger (43) hat in Basel studiert und doktoriert. Er arbeitete daraufhin fünf Jahre im eidgenössischen Finanzdepartement und drei weitere Jahre in der Geschäftsleitung von Economiesuisse. 2009 erfolgte die Habilitation an der Universität St.Gallen. Seit 2010 ist er als Professor in Luzern tätig. Gleichzeitig ist er Institutsleiter an der HSG St. Gallen. Schaltegger ist verheiratet und wohnt in Zürich.


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