Misstöne um einen langjährigen Organisten

ZUG ⋅ In der Katholischen Kirchgemeinde St. Michael ist der verantwortliche Kirchenmusiker entlassen worden. Trotz heftiger Proteste.

12. März 2016, 05:00

«Ich war schockiert, als ich von dieser Nachricht erfahren habe», sagt ein Insider der Kirchenmusikszene. Er habe von Gemeindeleiterin Sibylle Hardegger gehört, dass man dem langjährigen verantwortlichen Kirchenmusiker und Organisten Marco Brandazza gekündigt habe. Eine weitere Zusammenarbeit sei nicht mehr möglich.

«Er ist sehr begeisterungsfähig»

Was bloss ist geschehen? Mitglieder des Kirchenchors von St. Michael können sich diesen Schritt nicht erklären. «Es hat heftige Proteste gegen diese Entscheidung des Kirchenrats gegeben», sagt ein Chormitglied, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Denn Brandazza, der schon seit 18 Jahren das Amt des verantwortlichen Kirchenmusikers in St. Michael ausübt, habe immer sehr gut mit dem rund 60-köpfigen Kirchenchor geprobt. «Er ist sehr begeisterungsfähig und hat mit den vielen älteren Chormitgliedern viel Geduld gezeigt.» Der 55-Jährige kenne sich sehr gut aus in der Kirchenmusik und sei auch wissenschaftlich tätig.

Marco Brandazza ist gebürtiger Mailänder und arbeitet seit 1987 als Kirchenmusiker in der Zentralschweiz. Seit 1998 ist er Verantwortlicher in der Pfarrei St. Michael Zug. Seit 2006 wirkt er als Leiter des Orgeldokumentationszentrums an der Hochschule Luzern. Ein absoluter Experte also. Und doch sind offensichtlich Brandazza und Gemeindeleiterin Sibylle Hardegger aneinandergeraten. Die 49-jährige Theologin und Kunsthistorikerin ist ad interim eingestellt worden – bis der neue Pfarrer im November seinen Dienst antritt. Bekanntlich hat Pfarrer Mario Hübscher ja letzten Sommer die Gemeinde verlassen.

Streit über Kirchenlieder

«Es hat Unstimmigkeiten gegeben über die Kirchenlieder, die in den Gottesdiensten gesungen werden», berichtet ein weiteres Chormitglied. Seine Lieder würden nicht zur Liturgie passen, lauteten die Vorwürfe seitens der Gemeindeleiterin. Dabei halte sich Brandazza sehr genau an die Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils. «Und er weicht ungern davon ab.» Othmar Kähli, bis 2005 Pfarrer in St. Michael, bestätigt, «dass Herr Brandazza sehr dominant ist». Dabei sei klar, dass sich ein Organist an die Vorgaben der Gemeindeleitung zu halten habe. Wobei St. Michael generell nicht gerade von innerer Harmonie gesegnet zu sein scheint – schliesslich hat es in den letzten zehn Jahren vier Pfarrleitungen gegeben.

«Frauenpower»

Handelte Brandazza also zu eigenmächtig, oder gerieten einfach zwei dominante Charaktere aneinander? Denn Gemeindeleiterin Sibylle Hardegger, die von 2002 bis 2010 Mitglied der Basler Bistumsleitung war, sei «eine Powerfrau, die gut predigt und ihre Arbeit sehr gut macht», verrät ein Sänger.

Der Kirchenrat schweigt sich indes noch aus zu den Misstönen um den Organisten. «Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein laufendes Verfahren. Die Katholische Kirchgemeinde Zug kommentiert solche nicht», sagt Patrice Riedo, Präsident des Kirchenrats der Katholischen Kirchgemeinde Zug, auf Anfrage unserer Zeitung. «Der Kirchenrat ist mit allen involvierten Parteien im Gespräch. Sobald eine definitive Lösung steht, wird eine entsprechende Information erfolgen.»

Weder Marco Brandazza noch Gemeindeleiterin Sibylle Hardegger wollten sich gestern zu den Vorfällen in St. Michael äussern beziehungsweise waren nicht zu erreichen. Angeblich soll Brandazza den Kirchenchor weiter leiten dürfen. Denn es besteht die Gefahr, dass einige der vielen älteren Sängerinnen und Sänger sich nicht nochmals mit einem Neuen dirigieren lassen wollen.

Wolfgang Holz


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