Nachruf auf Ruedi Bürgi

Der Nachruf auf Ruedi Bürgi von Dr. Joseph Achermann, gehalten am 21. März 2014 in der Hofkirche Luzern.
21. März 2014, 18:16

Lieber Ruedi

Ich darf dir einen kurzen Nachruf machen.

Mit unserer Geburt treten wir in Raum und Zeit hinein. Raum und Zeit sind uns geschenkt. Am 15. März  - Iden des März – hat dein höheres Ich, der Christuns in uns, unsere eigentliche Existenz, deinen Körper verlassen, ist in die Zeitlosigkeit gegangen.

Darum sagt der Prager Schriftsteller Pavel Kohut: "In dir, Wassertropf, beginnt das Meer; in dir, Mensch, die Ewigkeit." Dein Körper ist dem Feuer übergeben. Deine Asche ist hier in der Urne. Machen wir uns im folgenden ein ganz, ganz kurzes Bild von deinem irdischen Weg durch 86 Jahre Zeit.

Das Ereignis deiner Geburt spielt in Frankreich, vor dem Tor der Schweiz, in Annemasse, Vorort von Genf. Das kam so: Deine Eltern, Vater und Mutter, lebten in Wohlen im Aargau. Dein Vater, angesehener Fabrikbesitzer, deine Mutter, liebenswürdige, charmante Eva, im Gastgewerbe tätig. Die zwei jungen Menschen lernten sich kennen. Sie liebten sich und: Alles Weitere könnt ihr euch denken… Was sie taten, war damals, vor 86 Jahren, amtlich verboten. Das wussten deine Eltern. Wer es trotzdem tat, dem haftete etwas "Anrüchiges" an, samt Kind. Dem "Anrüchigen" wollten deine Eltern entgehen. Niemand in Wohlen sollte etwas von ihrer verbotenen Tat wissen. Du durftest nicht existieren! Vater und Mutter übergaben dich ihrem Hausarzt in Wohlen. Sie stellten dich sozusagen VOR DIE TÜR.

Herr und Frau Doktor schenkten dir Liebe und Wohlwollen. Sie taten alles, um dir gerecht zu werden. Aber Ruedeli, später Ruedi, wollte nichts wissen von Pflegeltern/Ersatzeltern. Er wollte Nestwärme durch Mama und Papa. Er protestierte gegen die "falschen Eltern", indem er sich als "Saubub", als "schwererziehbar" benahm.

Herr und Frau Doktor waren glücklich, als du mit 13 Jahren die Primarschule ohne Sitzenbleiben hinter dich gebracht hattest. Sie übergaben den Schwererziehbaren zur Matura-Vorbereitung den Gottesmännern des Ordens des Hl. Benedikt ins Kollegium Disentis. Und damit stellten dich auch deine Pflegeltern VOR DIE TÜR.

Die Mönche von Disentis taten alles, um dich zu einem wohlerzogenen, tüchtigen Jungen zu machen. Sie gaben sich alle Mühe, hatten auch Mühe, dich aufs Gleis zu bringen. Nach vier Jahren riss ihre Geduld. Sie baten Ruedi: "Bitte verlass unsere Gemeinschaft, du passt nicht hinein!"

VOR DIE  TÜR GESTELLT

Fortsetzung deiner Einführung ins Leben, Kollegium Sarnen. Nach einem Jahr: VOR DIE TÜR GESTELLT!

Eine letzte Chance zur Matura-Vorbereitung boten dir deine Pflegeeltern mit der Privatschule Minerva/Atheneum in Zürich. Aber du warst den Verlockungen der Grossstadt nicht gewachsen. Statt hinter Bücher zu sitzen, erfreutest du dich in der Stadt. Minerva stellte dich VOR DIE TÜR.

"ER IST VERKOMMEN, AUS IHM WIRD NICHTS", sagten böse Stimmen.

Jetzt warst du bald 20 Jahre alt, ohne Matura, ohne Beruf. Waren die sieben Jahre vollkommen verplempelt? Nein, zwei Dinge blieben: etwas Latein und Griechisch, etwas akademische Bildung und DIE FROHE BOTSCHAFT, die du den Mönchen von Disentis verdankst. Die frohe Botschaft heisst: Das Schöpferwort Gottes "ES WERDE  CHRISTUS IST IN UNS". Indem wir Christus in uns – unsere geistige Natur – verwirklichen, geschieht Leben, Selbstverwirklichung. Wir machen uns reif für RE-LIGIO, Wiedervereinigung mit unserem Vater, so wie Bruder Klaus es tat.

Wie ging es weiter? Wie hattest du deine Selbstverwirklichung aufgefasst?

Triebfeder deines Lebens war FREUDE

FREUDE, SCHÖNER GÖTTER-FUNKE TOCHTER AUS ELYSIUM

Freude vermitteltest du als Vater deiner Frau und deinen drei Töchtern durch schönes Familienleben. Um deinen Mitmenschen Freud zu machen, wähltest du den Beruf des Gärtners/Floristen. Du wurdest der "BLUMEN BÜRGI". Mit deiner Frau führtest du an der Zürichstrasse einen Blumenladen. Da vermitteltest du Freude durch Blumen. "NÄME SI NO ES BLÜEMLI MIT", so hast du deine Kunden verabschiedet. Das war deine Marke.

Als du das Fernseh-Unterhaltungsspiel mit Mäni Weber, "Wer gwünnt", durch dein vielfältiges Wissen über Heinrich Heines Leben gewannst, wurdest du über Nacht der bekannteste Bürger von Luzern. Politische Parteien buhlten um deine Gunst. Die CVP nominierte dich, den Volkstribun Ruedi Bürgi, zum Rathsherrn des Grossen Stadtrates von Luzern.

Auch im Grossen Stadtrat, dem du 20 Jahre lang angehörtest, brachtest du "FREUDE-MOTIONEN" ein. Immer wieder. Die Zeit reicht hier nicht, um alle zu erwähnen.

Deine bekannteste "FREUDEN-MOTION" im Grossen Stadtrat war dein Kampf um die Operette im Stadttheater. Die Theaterintendanten wollten nichts von der Operette wissen. Das sei entwürdigend für ein Stadttheater – und recht für Dorfbühnen. Aber für dich gab es "FREUDE, SCHÖNER GÖTTER-FUNKE" auch in der Operette, und darum sollte mindestens eine Operette im Jahresprogramm enthalten sein. Auch Stadtpräsident Kurzmeyer fand, dass Operetten Freude bereiten. Nicht allen Ratsherren gefielen deine "Freude-Motionen" immer. Partei-Strategen sagten: "Der Bürgi muss weg, der gehört VOR DIE TÜR, und sie schrieben in der Tageszeitung Hetzartikel unter dem Titel "Ruedi Bürgi, der politische Scherzartikel". Das sollte das Todesurteil als Politiker sein. Wie hast du reagiert? Immer nur lächeln, immer vergnügt. Niemals zeigtest du dich traurig, knurrig, grimmig. Immer nur lächeln, immer vergnügt.

Deine Freude und Bewunderung der Sprache Goethes, Kellers, des Volkes der "Dichter und Denker", des Landes von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der vor seiner Erschiessung ausrief: "Es lebe das Heilige Deutschland" – dieser Freude gabst du Ausdruck durch die Gründung eines "literarisch-historischen Zirkels", dem einige markante Persönlichkeiten angehören, die die Schönheit unserer Muttersprache in gepflegtem Kreis hochleben lassen.

Mit der Vereinigung "Alt-Disentis-Innerschweiz" schenktest du ehemaligen Studenten der Klosterschule Disentis die Möglichkeit des Wiedersehens und gemütlichen Zusammenseins. Seit bald 50 Jahren lädtst du ein, UND: Sie kommen! Zu würdiger Adventsfeier und im Frühling zu schönem, interessantem Maibummel an historischem Ort mit vortrefflichen Beizen. Früher, als du noch jung warst, gab es dreitägige Kulturreisen.
Vom Point Zero vor 66 Jahren hast du dich erhoben wie der Phönix aus der Asche zum "BLUMEN BÜRGI", der mit seinem "Näme si no es Blüemli mit" in schöner Erinnerung bleiben wird.

Wenn du, Ruedi, vor die Himmelstür kommst, wird Petrus dir entgegenkommen: "Ja, Bruder Bürgi, bist du auch schon da! Komm, dich lass ich nicht VOR DER TÜRE stehen. Sei umarmt!"
 


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