Notfallpraxen sind der Renner

GESUNDHEIT ⋅ Immer mehr Patienten gehen statt zum Hausarzt direkt in die Notaufnahme. Darauf haben Luzerner Spitäler mit Notfallpraxen reagiert. Dieses Konzept funktioniert – und verstärkt gleichzeitig den Trend.

30. November 2016, 05:00

Ob Grippe, verstauchter Knöchel oder ein Ziehen in der Brust: Immer öfter führt der Weg von Patienten bei einem Leiden direkt zur Notaufnahme statt zum Hausarzt. Unter anderem aus diesem Grund hat das Luzerner Kantonsspital (Luks) 2008 seine Notfallpraxis eröffnet. Diese soll helfen, die Notfallpatienten zu triagieren: Die schwerkranken Patienten werden auf die interdisziplinäre Notfallstation des Luks weitergeleitet, alle anderen Patienten erhalten eine angemessene Erstbehandlung in der Notfallpraxis. Nach dieser werden die Patienten für weitere Kontrollen an ihren Hausarzt verwiesen.

Das Angebot kommt an: Die Zahl der registrierten Fälle in der Notfallpraxis des Luks betrug für die Standorte Wolhusen und Luzern 2009 noch 14 416. Sechs Jahre später waren es bereits 20 430 Patienten. Das entspricht einer Zunahme von mehr als 40 Prozent.

Viel Resonanz auf Praxiseröffnung

Auch in der Notfallpraxis in Sursee ist eine Zunahme festzustellen. Sie befindet sich in den Räumlichkeiten des Kantonsspitals und wird privat von Hausärzten aus der Region geführt. Genaue Zahlen will Ueli Zihlmann, Geschäftsführer der Luzerner Ärztegesellschaft und Verwaltungsrat der Notfallpraxis in Sursee, nicht nennen. Sie deuteten jedoch in eine klare Richtung, wie er sagt: «Seit der Gründung der Praxis 2011 haben wir ungefähr 6500 bis 7500 Patienten, die wir pro Jahr behandeln. Sogenannte Walk-ins werden statistisch nicht festgehalten, machen aber ungefähr 10 Prozent aus», sagt Zihlmann. Als Walk-ins bezeichnet er Patienten, die mit einem Schnupfen oder Kopfweh in die Notfallpraxis kommen, einfach weil diese offen ist.

Die Eröffnung der Praxis habe damals denn auch «eingeschlagen wie eine Bombe», erinnert sich Zihlmann. Er habe nicht mit so viel Resonanz gerechnet.

Patientenandrang ausserhalb der Bürozeiten

Ramona Helfenberger, Mediensprecherin des Luks, sieht die Ursachen des Erfolges in verschiedenen Gründen. «Zum einen verzeichnen wir unter der Woche in den Abendstunden und am Wochenende einen Anstieg der Patienten, die eine zeitnahe Beurteilung ausserhalb der Öffnungszeiten der Hausärzte wünschen.» Zum anderen hätten viele vor allem junge Patienten heute gar keinen Hausarzt mehr. In diese Richtung geht auch Ueli Zihlmann: «Die Konsumgesellschaft hat heute höhere Erwartungen. Man möchte alles sofort haben.» Zihlmann nennt aber noch einen anderen Grund, warum Notfallpraxen immer besser besucht werden: «Das System der Hausärzte ist nicht überall bekannt. Viele Einwohner mit Migrationshintergrund sind sich die dezentrale Versorgung mit den Hausärzten beispielsweise nicht gewohnt und suchen im Bedarfsfall immer ein Spital auf.»

Muss sich das Gesundheitssystem also den aktuellen Bedürfnissen der Patienten anpassen? Im Gegenteil, meint Zihlmann. «Das Bewusstsein der Leute, welche Kosten sie mit der Beanspruchung einer dringlichen Leistung verursachen, muss sich ändern, nicht das Gesundheitssystem.»

Dass Patienten immer öfters in die Notaufnahme strömen, hat natürlich Folgen. «Wenn Leute in den Notfall gehen, ohne einen zu haben, ist dies kostentreibend», sagt Zihlmann. Hier schaffen die Notfallpraxen Abhilfe. «Man arbeitet effizient zusammen.» Die Hausärzte kümmern sich um sogenannte Bagatellnotfälle, welche dann auf kostengünstigem Niveau behandelt werden können. Wird durch den Hausarzt ein grösseres Problem festgestellt, könne man den Patienten direkt an die richtigen Abteilungen des Spitals weitergeben oder sich mit einem Spezialarzt besprechen. «Das wirkt kostendämpfend.» Das System der Notfallpraxen im Kanton Luzern habe zudem Vorbildcharakter. In vielen anderen Städten und Kantonen wie beispielsweise Zug, Sarnen oder Schwyz, seien solche Praxen, wie sie in Luzern, Sursee und Wolhusen vorhanden sind, ebenfalls umgesetzt worden oder geplant.

Hinweis

Die Notfallpraxis am Kantonsspital in Luzern an der Spitalstrasse 31 ist von Sonntag bis Freitag von 8.00 Uhr bis 23.00 Uhr geöffnet, am Samstag bis um 1.00 Uhr.

Jene in Sursee an der Spitalstrasse 16 A ist von Montag bis Freitag von 18.00 bis 23.00 Uhr, samstags von 12.00 bis 23.00 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 9.00 bis 21.00 Uhr geöffnet.

Martina Odermatt


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