Nottwil, Reiden, Rothenburg: Das Sterben der Billettschalter geht weiter

LUZERN ⋅ Nach Nottwil trifft es jetzt auch die Gemeinden Reiden und Rothenburg. Die Schliessung von bedienten SBB-Schalterstellen in unserer Region gab gestern auch im Bundeshaus zu reden.

27. September 2016, 05:00

Nach und nach verschwinden in der Schweiz bediente Bahnschalter. Ersetzt wird der Verkauf durch Dritte mit Automaten oder dem Internet. Auf Anfang 2018 ist auch in den Luzerner Gemeinden Reiden und Rothenburg Schluss mit den bedienten Schaltern. SBB-Sprecher Reto Schärli bestätigt entsprechende Recherchen der Zeitung «Schweiz am Sonntag». Erst kürzlich wurde publik, dass die SBB per Ende 2017 auch den privat betriebenen Schalter in Nottwil schliessen (Ausgabe vom 8. September).

In Reiden und Rothenburg ist man über die neusten Entscheide der SBB nicht erfreut. Beat Steinmann, Gemeindepräsident von Reiden, sagt auf Anfrage: «Die Aufhebung des Billettverkaufs ist ein weiterer Serviceabbau der SBB. Insbesondere ältere Einwohner und diejenigen, die nicht regelmässig Bahn fahren, schätzen diesen Service sehr.» Er vermisse die in den strategischen Zielen der SBB hochgehaltene Kundenfreundlichkeit.

Gemeinde Reiden will Gegensteuer geben

Man sei im Gespräch mit Politikern auf regionaler, kantonaler und eidgenössischer Ebene, um Gegensteuer zu geben, so der FDP-Politiker aus Reiden. Die Einwohner könnten sich zudem an einer Petition des Verkehrs-Clubs der Schweiz beteiligen.

Die Migrolino AG betreibt schweizweit ein Dutzend solcher Verkaufsstellen, so auch in Reiden. Sprecherin Stefanie Moser sagt zum Abbau: «Natürlich bedauern wir den Verlust dieses Geschäfts. Für digital weniger vertraute Kunden ist dies eine hervorragende Dienstleistung.» Weiter fügt sie an: «Jeder Markt hat seinen Lebenszyklus. Uns war bewusst, dass es sich um einen rückläufigen Markt handelt.»

Pro Bahn: «Schliessung ist ein Widerspruch»

Auch in Rothenburg wird es ab 2018 keinen bedienten Schalter mehr geben. Der Gemeindepräsident Bernhard Büchler (CVP) bedauert diesen Schritt. Auf der politischen Ebene werde man aber keine Massnahmen ergreifen. Der Schalter wird seit Jahren von der Post betrieben.

Ebenfalls nicht begeistert ist Karin Blättler, Präsidentin der Sektion Zentralschweiz von Pro Bahn Schweiz: «Die Schalterschliessungen stehen in krassem Widerspruch zu den Anstrengungen, die unternommen werden, um die Leute zu motivieren, auf den ÖV umzusteigen.» Ein Billett am Automaten zu lösen, sei nur möglich, wenn der Kunde eine reguläre Route wähle. «Will man keine gewöhnliche Fahrt, braucht man für die Bedienung des Automaten fast einen Pilotenschein», sagt Blättler und fragt sich, ob der Leistungsabbau den gewünschten Spareffekt bringe, ohne die Kunden zu vergraulen. Ihre Ansicht: «Mit der Schliessung von Schaltern wird am falschen Ort gespart. Laufend realisieren sie neue Projekte wie etwa den Swiss Pass, der immer noch mehr einem Prototyp als einem funktionierenden System gleicht.» Gibt es zu den bedienten Bahnschaltern Alternativen? «Grundsätzlich ist das die Aufgabe der SBB, diese Dienstleistung zu erbringen oder externe Lösungen anzubieten.»

SBB-Sprecher Reto Schärli begründet die Schalterschliessungen so: «Der Verkauf über Dritte verliert stetig an Bedeutung.» Weniger als 1 Prozent des Gesamtabsatzes der Billettverkäufe werde über bediente Schalterstellen generiert. «Mit der Schliessung der schweizweit 52 Schalterstellen können wir pro Jahr Vertriebskosten von 5 Millionen Franken sparen.» Immer häufiger würden Tickets für die Bahn online gekauft, sagt Schärli. Ältere Kunden dürften sich damit allerdings schwertun. Schärli betont: «Unseren Kunden stehen an allen Bahnhöfen Billettautomaten zur Verfügung.» Bei Schwierigkeiten gebe es zudem eine Gratis-Helpline. «Daneben führen wir mit Pro Senectute Schulungen im Umgang mit Billettautomaten durch.»

Bundesrätin Leuthard will sich nicht einmischen

Auch auf Bundesebene sorgen die Schalterschliessungen in unserer Region für Diskussionen. Der Luzerner FDP-Nationalrat Albert Vitali moniert: «Der Bahnschalter in Nottwil wird von Privaten betrieben, die Gemeinde und das Schweizer ParaplegikerZentrum (SPZ) tragen das Defizit.» Wegen des SPZ habe der Bahnhof in Nottwil eine besondere Ausgangslage. Dieses Problem müsse zwischen der Gemeinde, dem SPZ und den Politikern mit den SBB angegangen werden, so Vitali. «Ich bin der Meinung, dass dieser Schalter erhalten werden soll.» Auch Leo Müller, CVP-Nationalrat, setzt sich für diese Schalterstelle ein.

So war der Billettschalter in Nottwil – auf Initiative der beiden Politiker – gestern auch in der Fragestunde im Nationalrat ein Thema. Die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) sagte im Rat dazu: «Nur 1 Prozent des Ticketverkaufs wird über Stationshalter generiert.» Ausserdem sei der Verkauf ein operatives Geschäft und falle deshalb in die Zuständigkeit der SBB.

Yasmin Kunz


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