«Obdach» wird immer gefragter

NOTSCHLAFSTELLE ⋅ Die Zahl der Übernachtungen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Doch nicht alle haben Anrecht auf einen Platz.

11. Januar 2016, 05:01

Im Jahr 2014 profitierten insgesamt 241 Personen von der Notschlafstelle «Obdach» an der Gibraltarstrasse in Luzern. Diese Zahl ist seit Jahren etwa konstant. Stark gestiegen ist aber die Zahl der Übernachtungen: Waren es 2007 noch 2670 Übernachtungen, zählte man 2014 schon 4294. Einen Grund dafür sieht «Obdach»-Leiter Urs Schwab im Luzerner Wohnungsmarkt. «Es ist heute sehr schwierig, eine Wohnung für 700 bis 900 Franken zu finden.» Durch die steigende Zahl an Studierenden sei günstiger Wohnraum noch knapper geworden.

«Ich geh einfach spazieren»

Bei unserem Besuch am vergangenen Donnerstagabend stehen Mamabizama (25) aus Uganda und der gebürtige Ungar Istvan (46) gerade am Herd im Gemeinschaftsraum. Jeder kocht sein eigenes Süppchen: Mamabizama bereitet einen Eintopf mit Reis und Poulet zu, Istvan eine Suppe mit Fleischkäse, Erbsen und Karotten. «Probier mal», meint Istvan zu Mamabizama. Doch der Ugander winkt ab: «That’s just water», antwortet er, das sei nichts als Wasser.

Den Tag über, wenn die Notschlafstelle geschlossen ist, würden sie kaum etwas essen, meinen beide. «Ich geh einfach spazieren», sagt Mamabizama. Er traue sich aber nicht zu weit von der Notschlafstelle weg, weil er die Gegend kaum kenne. Erst vor wenigen Tagen sei er hier angekommen. «Am ersten Tag habe ich fünf Stunden vor der Tür gewartet», meint er. Denn er habe nicht gewusst, wohin er sonst gehen sollte. Zuvor sei er drei Monate in einem Schweizer Gefängnis gesessen. «Ich habe keine gültigen Dokumente», erklärt er. Jetzt müsse er dem Migrationsamt zur Verfügung stehen.

«Lampa Lampa» nach Europa

Mamabizama sagt, er sei in Uganda vom Islam zum Christentum konvertiert. «Mein Vater hat mich deswegen aus dem Haus vertrieben», sagt er. Als konvertierter Christ sei er von der grassierenden Christenverfolgung im Land bedroht gewesen. Vor sieben Jahren habe er sich zur Flucht nach Europa entschieden. Seine Mutter habe ihn begleiten wollen. «Sie ist aber in der Wüste gestorben», sagt er. Mehrere Jahre habe er sich in den marokkanischen Wäldern versteckt. «Irgendwann bin ich Lampa Lampa nach Spanien gegangen und von da weiter in die Schweiz.» «Lampa Lampa»? Damit ist im Flüchtlingsjargon die illegale Fahrt übers Mittelmeer gemeint. Das Wort ist von der Insel Lampedusa abgeleitet. Was sich kaum überprüfen lässt, ist, ob Mamabizama tatsächlich aus den angegebenen Gründen aus Uganda weggezogen ist und ob er Anrecht auf Asyl hat. Man ahnt aber, dass er die Hölle durchlebt hat.

Der Ungar Istvan, der lange in deutschen Gastrobetrieben gearbeitet hat und fliessend Deutsch spricht, hält sich legal in der Schweiz auf. Er hat innerhalb kurzer Zeit Job und Wohnung verloren. Er habe nicht vor, lange in der Notunterkunft zu bleiben, betont er: «Ich habe bald einen neuen Job in einer Pizzeria.» Als die Rede auf seine Familie kommt, beginnen seine Augen zu leuchten. «Ich habe eine erwachsene Tochter und zwei jüngere Söhne», sagt er. Istvan zeigt Bilder von ihnen auf dem Smartphone und meint, er sehe sie zwei, drei Mal im Jahr.

Mamabizama und Istvan sind nur bedingt repräsentativ für die Gäste im «Obdach», aber die einzigen, die an dem Abend zu einem Gespräch bereit sind. «Die Notschlafstelle ist in erster Linie für Schweizer in Krisensituationen da», betont Urs Schwab. Der Migrationshintergrund einer Person spiele insofern eine Rolle, als er das Armutsrisiko erhöhe.

Viele Ausländer abgewiesen

Rund die Hälfte der Gäste in der Notschlafstelle sind Drogenabhängige, die andere Hälfte Menschen, die durch andere Umstände in Not geraten sind – Alkoholprobleme, psychische Erkrankungen oder Lebenskrisen. Durchschnittlich seien von den 15 Betten 11 bis 12 belegt, so Schwab. Er habe auch viele Anfragen von Ausländern aus dem Schengen-Raum, die ohne Bewilligung in der Schweiz Arbeit suchten und eine günstige Übernachtung suchten. «Sie klopfen bei uns vergeblich an», sagt Schwab. Das Wetter habe hingegen kaum einen Einfluss auf die Belegzahlen: «Wir haben im Winter grundsätzlich nicht mehr Gäste als in warmen Monaten.»
 

Simon Bordier

 


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