Patienten-Dossiers: Es herrscht viel Skepsis

GESUNDHEITSWESEN ⋅ Der Bund schreibt Schweizer Spitälern ab dem kommenden Jahr das elektronische Patientendossier vor. Die technischen Anforderungen und hohen Kosten sorgen für Unzufriedenheit.

24. November 2016, 05:00

Ab 2017 müssen alle Spitäler elektronische Patientendossiers führen. Es handelt sich um ein virtuelles Dossier, in dem alle ­behandlungsrelevanten Daten eines Patienten dezentral abgelegt werden. Das bedeutet: Die Daten sind zu jeder Zeit und überall zugänglich. Dazu braucht es allerdings das Einverständnis der Patienten: Sie können das Führen eines elektronischen Dossiers verweigern. Auch Hausärzte, Arztpraxen, Apotheker, Therapeuten und Spitex-Organisationen sind nicht verpflichtet, elektronische Dossiers zu führen.

Für Spitäler gilt für die Einführung eine Übergangsfrist von drei Jahren, für Pflegeheime eine von fünf Jahren. Wenn Spitäler oder Heime ihrer Pflicht nicht nachkommen, droht im Extremfall die Streichung von der Spital- respektive der Pflegeheimliste.

Hans-Peter Bättig ist beim Kanton Luzern zuständig für diese Dossiers. Derzeit fänden Diskussionen zwischen Bund, Kantonen und verschiedenen Leistungserbringern statt. Grund: «Es bestehen erhebliche Vorbehalte zu den hohen technischen Vorgaben. Und auch der Kanton Luzern befürchtet immense Kosten», sagt Bättig. Für den Aufbau liegen die Kostenschätzungen bei 2 bis 4 Millionen Franken. Die jährlichen Betriebskosten dürften bei 2 bis 3 Millionen Franken liegen – abhängig von der Zahl der Dossiers. Laut Bättig wird sich der Kanton höchstens an den Aufbaukosten beteiligen. «Inwieweit die Patienten sich über Nutzungsgebühren an den Kosten beteiligen sollen, ist noch offen.»

Die Spitäler sind verpflichtet, sich einer sogenannten zertifizierten Stammgemeinschaft anzuschliessen. Diese werden etwa auf den Datenschutz überprüft. Laut Bättig ist ein Anschluss an eine bestehende Stammgemeinschaft oder der Aufbau einer eigenen denkbar. Er führt aus: «Ende 2015 hat Gesundheitsdirektor Guido Graf vorgeschlagen, eine Zusammenarbeit in der Zentralschweiz zu prüfen.» Dabei seien verschiedene Varianten ausgearbeitet worden – auch der Aufbau und Betrieb einer Stammgemeinschaft Zentralschweiz. «Diese Variante fand aber nicht bei allen Kantonen eine Mehrheit und wird deshalb nicht weiterverfolgt.»

Der Kanton wartet laut Bättig nun die definitive Verordnung des Bundes ab und wird dann die weiteren Schritte planen. Denn: «Die Kantone haben keinen gesetzlichen Auftrag, eine Stammgemeinschaft zu eröffnen», so Bättig. Der Kanton wolle aber sicherstellen, dass alle Spitäler ihrer Pflicht nachkommen.

Kantonsspital: Einführung «gut machbar»

Was aber sagt das Luzerner Kantonsspital (Luks) zur Einführung des elektronischen Patientendossiers? «Bei der strategischen Ausrichtung sind die Eckpunkte des Gesetzes bereits in der Grobplanung berücksichtigt», erklärt Stefan Hunziker, Leiter Informatik. Sobald die Detailregelungen des Bundes bekannt seien, würden die Projekte geplant. Angaben zu den Kosten seien noch nicht möglich, ebenso wie Aussagen zu einer Zusammenarbeit mit anderen Spitälern.

In den Jahren 2013 und 2014 wurde in einer Abteilung des Luks ein Pilotprojekt zum Thema elektronisches Patientendossier durchgeführt – jedoch mit weniger als hundert Pilotteilnehmern. Das Fazit: «Die technische Umsetzung gestaltete sich als gut machbar. Die Herausforderungen lagen vielmehr bei den Prozessen rund um den Patienten», sagt Hunziker. Er nennt etwa die Betreuung der Patienten bei organisatorischen und inhaltlichen Fragen. Hunziker erwartet durch elektronische Patientendossiers «markante Veränderungen der Prozesse und Arbeitsweisen» – durch die Digitalisierung und auch durch die partnerschaftliche Einbindung der Patienten.

Ärzte haben mindestens drei Vorbehalte

Die Ärzte reagieren skeptisch auf das neue Gesetz. Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern, sagt: «Vorauseilenden Gehorsam werden die Ärzte sicher nicht unterstützen. Solange so viele Fragen offen sind und die Übernahme der Kosten nicht geklärt ist, warten wir ab.» Für Kramis ist zudem das «riesige kommerzielle Interessen» im Hinblick auf die Daten problematisch.

Weit positiver eingestellt ist Roger Wicki, Präsident von Curaviva, dem Verband der Luzerner Alters- und Pflegeheime. Er begrüsst die Einführung grundsätzlich. «Damit werden die Prozesse zwischen den Leistungserbringern effizienter abgewickelt, und der Patient erhält mehr Transparenz.» Wicki ortet allerdings mehrere Schwächen im Gesetz. Nämlich, dass ambulante Anbieter wie Hausärzte, die Spitex oder Apotheker nicht zur Teilnahme verpflichtet werden. Weiter müssen die Patienten dem Datenaustausch zustimmen, was er als hohe Hürde erachtet. «Das Freiwilligkeitsprinzip ist besonders bei an Demenz erkrankten Personen eine Herausforderung.»

Wicki rechnet mit moderaten Einführungskosten. Dafür geht er von relativ hohen wiederkehrenden Kosten aus. Curaviva Luzern beabsichtigt, sich für die Einführung einer Stammgemeinschaft anzuschliessen.

Roseline Troxler


Login


 

2 Leserkommentare

Anzeige: