Polizeieinsatz wegen Islam-Film

KRIENS ⋅ Radikale Muslime drehen auf einer Wiese ein «Werbevideo» für den Islamischen Zentralrat. 60 Luzerner spielen mit - der Nachrichtendienst des Bundes ist alarmiert.
15. November 2014, 00:00

Alexander von Däniken, Christian Hodel, Jérôme Martinu

Die Spaziergänger waren irritiert. In der Nähe des Holderchäppelis, auf Krienser Gebiet, bemerkten Wanderer am vergangenen Sonntagnachmittag am Waldrand auf der Kuppe hinter dem Therapiezentrum Lehn eine Gruppe von über einem Dutzend teils schwarz gewandeter, teils bärtiger Männer.

Gemäss einem Augenzeugen wurde auch relativ leise wohl arabisch gesprochen. Einer bediente eine Drohne mit einer Kamera, die über die Wiese flog. Ein anderer, mit schwarzem Kopftuch vermummt, kauerte bei einer weissen Fahne mit schwarzen arabischen Schriftzeichen dahinter standen eine Hand voll Personen in Reih und Glied. «Einer der Männer sagte: ‹Inschallah›, als wir vorbeigingen», berichtet eine Augenzeugin unserer Zeitung. Die Männer seien wohl zwischen 18 und 40 Jahre alt gewesen.

Beobachter alarmiert Polizei

Einen der Beobachter beschlich ein mulmiges Gefühl, er verständigte die Luzerner Polizei. Wie der Beobachter dann am Montag erfuhr, ergab die Polizeikontrolle vor Ort, dass zum Teil «einschlägig bekannte Personen» identifiziert worden seien.

Kurt Graf, Chef Kommunikation der Luzerner Polizei, sagt auf Anfrage: «Als die Polizei am Ort eintraf, war nicht mehr die ganze Gruppe anwesend. Zum Zeitpunkt der Kontrolle deutete nichts auf ein strafrechtlich relevantes Verhalten hin.» Warum ein Teil der kontrollierten Personen polizeilich bekannt ist, kann die Polizei aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht kommunizieren. Graf sagt aber: «Aufgrund der Meldung hat man die gemachten Feststellungen und Personalien dennoch dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) übermittelt.» Isabelle Graber, Mediensprecherin des NDB, bestätigt einzig den Eingang der Meldung. Zu allen weiteren Fragen unserer Zeitung wollte der Nachrichtendienst keine Stellung nehmen.

Islamischer Zentralrat federführend

Wer waren die teils vermummten Männer mit der weiss-schwarzen Fahne? «Solche Flaggen führen nur Personen mit, die dem Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS) und folglich dem Salafismus nahestehen», sagt Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, auf Anfrage. Mit ihrer Vermutung liegt Keller-Messahli wohl richtig. Auf der Facebook-Seite des IZRS steht in einem Eintrag vom vergangenen Sonntag: Nach dem Motto der Jahreskonferenz 2014 «Hijra der Beginn einer Revolution» werde dieser Tage ein kurzer Film produziert. Weiter heisst es: «Heute versammeln sich rund 50 Brüder im Umland von Luzern, um die Schlussszene zu filmen.»

Wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, haben sich die Muslime rund um den IZRS, die der Nachrichtendienst des Bundes als radikale Gruppierung einstuft, gegen 13 Uhr in der Moschee Barmherzigkeit an der Baselstrasse in Luzern getroffen. Imam dieser Moschee ist Petrit Alimi, der als fortschrittlicher und gemässigter Islamgelehrter gilt. Wusste Alimi vom Treffen? Was hat er mit dem Zentralrat zu tun? «Kein Kommentar», sagt er auf Anfrage. Eine Verbindung zum IZRS dürfte Alimis Wunsch nach einer staatlichen Anerkennung des Islam im Kanton Luzern, die er seit langem fordert, nicht gerade fördern.

«Einheit der Muslime» darstellen

Abdel Azziz Qaasim Illi, Medienbeauftragter des IZRS, bestätigt, dass der Zentralrat rund um Luzern einen «Werbefilm» für die anstehende Jahreskonferenz drehte. Doch warum gerade Luzern? «Wir drehen überall in der Schweiz», sagt Illi. Die Kulisse rund um Luzern sei attraktiv. Dies sagt auch Naim Cherni. Er ist beim IZRS verantwortlich für Film-, Foto- und Multimediaproduktionen, und er soll mehrfach in Syrien islamistische Terrororganisationen besucht haben. «Im Film wollen wir die Einheit der Muslime thematisieren und die Geschichte unseres Glaubens darstellen.» Laut Cherni habe man in der Region einen Tag lang gefilmt, etwa im Eigenthal, in Kriens und in der Stadt Luzern. «Rund 60 junge Muslime aus der Region Luzern haben mitgewirkt.»

Derzeit sei der IZRS besonders aktiv, sagt Keller-Messahli. Dies, nachdem ihm das Oberamt des Saanebezirks vor wenigen Tagen die Bewilligung für die Durchführung seiner Jahreskonferenz in Freiburg verweigert hat aus Angst vor Hasspredigern. «Die dem Zentralrat nahestehenden Personen sind gekränkt und versuchen nun vielleicht mit öffentlichen Aktionen zu provozieren.»

Eine «Topregion»

Wie viele Mitglieder aus dem Kanton Luzern der Zentralrat derzeit hat, wolle man nicht kommunizieren, heisst es bei der IZRS-Geschäftsstelle auf Anfrage. Die Region Zentralschweiz zähle aber von zehn Regionen zu den «Topregionen betreffend Mitgliederzahlen», direkt hinter Zürich, Bern und der Westschweiz. Dass die radikalislamische Gruppe gerade in Luzern aktiv wird, erstaunt Saida Keller-Messahli wenig: «Das ist kein Zufall. Rund um Luzern gibt es eine grosse islamische Gemeinschaft. Dass sich darunter auch Hardliner befinden, kann ich mir durchaus vorstellen.» Zahlen, wie viele Luzerner Muslime dem Salafismus nahestehen, gebe es aber nicht. «Die Ideologie findet in den Köpfen der Leute statt.»

Sympathisant polizeilich bekannt

Fest steht: Mit der Filmaktion vom letzten Sonntag stehen zahlreiche junge Männer aus der Region in Verbindung. Deren Facebook-Einträge sind zum Teil radikalislamisch geprägt und verweisen etwa auf den deutschen Hassprediger Pierre Vogel, gegen den die Schweizer Bundespolizei 2009 ein Einreiseverbot verhängt hat.

Unter den Sympathisanten befindet sich ausserdem ein junger Mann aus der Region, welcher der Polizei wegen schwerer Delikte bekannt ist, wie Recherchen zeigen.

«Die Aktion ist eine totale Provokation», sagt Keller-Messahli. Wer an einem öffentlichen Weg, an dem an einem Sonntag viele Spaziergän- ger entlanggehen, solche Aktionen durchführe, wolle auffallen, schockieren, Präsenz markieren und reine Propa- ganda betreiben. «Gut, wurde nun der Nachrichtendienst des Bundes verständigt.»

Über 2500 Passivmitglieder

Zentralrat avd./chh. Der Nachrichtendienst des Bundes stuft den Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS) als radikale Gruppierung ein. Verboten ist die Vereinigung jedoch nicht. Den IZRS gibt es seit 2009. Gemäss eigenen Angaben besteht der Verein aus 43 Aktivmitgliedern und über 2500 Passivmitgliedern mit anhaltend steigender Tendenz und gelte damit als grösste islamische Organisation der Schweiz. Für Kontroversen sorgte der Rat wiederholt, weil er an seinen Anlässen Hassprediger einlud.

Dem Salafismus nahe

Der Verein steht dem Salafismus nahe, einer ultrakonservativen Strömung innerhalb des Islams. Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam: «Die Salafisten beziehen sich auf den Ursprung des Islams, der im 7. Jahrhundert liegt.» Es sei die «extremste islamische Gruppierung», die man in der Schweiz kenne. Öffentlich positionieren sich die Anhänger vor allem durch ihre Symbole lange Bärte, Gebetskappe, langes Gewand.

Präsident ist Nicolas Blancho, ein Konvertit aus Biel. Grosse Aufmerksamkeit ziehen auch die ebenfalls konvertierten Vorstandsmitglieder Abdel Azziz Qaasim Illi und dessen Frau Nora Illi auf sich. Letztere rät Eltern, deren Kinder nach Syrien in den Krieg ziehen, sich «nicht hysterisch zu verhalten».


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