Hunderte Personen gegen ihren Willen in eine Luzerner Klinik eingewiesen

PSYCHIATRIE ⋅ Seit 2013 ist das neue Gesetz über die fürsorgerische Unterbringung in Kraft. Die Zahlen für den Kanton Luzern zeigen: Jahr für Jahr werden mehr Luzerner gegen ihren Willen in eine Klinik eingewiesen.
30. Januar 2018, 05:00

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

Was ist bereits Irrsinn, und was gehört noch zum normalen täglichen Wahnsinn? Diese Frage stellt sich Claudia ­Ziltener häufig. Sie präsidiert die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Willisau-Wiggertal. «Unsere Gesellschaft wird je länger, je intoleranter gegenüber Menschen, die nicht so leben, wie man sich das gemeinhin vorstellt», sagt sie. Gleichzeitig steige das Bedürfnis nach Sicherheit. «Hier eine Grenze zu ziehen und allenfalls aktiv zu werden, gleicht oftmals einer Gratwanderung.»

Der massivste Eingriff in die persönliche Freiheit eines Menschen ist die fürsorgerische Unterbringung, kurz FU. Ist eine Person akut selbstgefährdet, erleidet sie eine Psychose oder stellt für ihr Umfeld ein Risiko dar, kann sie weggesperrt werden – gegen ihren Willen. Vorausgesetzt, der oder die Betroffene leidet unter einer psychischen Störung, ist geistig behindert oder schwer verwahrlost. Und: Es bietet sich keine weniger einschneidende Massnahme an, die der Person ge­nügend Schutz bietet. «Die frühere ­Bezeichnung ‹fürsorglicher Freiheitsentzug› machte deutlich, um welch schwerwiegenden Eingriff es sich handelt», sagt Ziltener. «Der heutige Begriff ist eine beschönigende Worthülse.»

Gegen eine fürsorgerische Unterbringung kann innert zehn Tagen ein Rechtsmittel ergriffen werden – es hat allerdings keine aufschiebende Wirkung.

Meist ordnen Notfallärzte den Freiheitsentzug an

Wie die Luzerner Psychiatrie auf Anfrage mitteilt, ist es letztes Jahr zu 640 fürsorgerischen Unterbringungen gekommen (siehe Grafik). Damit dürften laut Schätzungen der Lups gegen 98 Prozent aller Fälle im Kanton Luzern erfasst sein.

Grundsätzlich ist die Anordnung einer FU und die Aufhebung der Massnahme seit 2013 Sache der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde – zuvor waren dafür die jeweiligen Regierungs­statthalter zuständig. Geht von einer Person Gefahr aus, kann aber auch jeder Arzt eine FU anordnen. Und dies sei fast immer der Fall, sagt Julius Kurmann, Chefarzt der stationären Dienste bei der Luzerner Psychiatrie: «Die meisten fürsorgerischen Unterbringungen werden durch Notfallpraxen und deren Ärzte veranlasst. Der Anteil der behördlichen Anordnungen bewegt sich in den letzten fünf Jahren unter der 1-Prozent-Marke.» Laut Kurmann gibt es Kriseninterventionen, die sich über wenige Tage erstrecken. «Im Schnitt dauert eine FU aber zwischen drei und vier Wochen.» Kann der Patient nach sechs Wochen nicht ent­lassen werden, muss die ärztliche FU in eine behördliche umgewandelt werden – die Kesb kommt ins Spiel. Kurmann: «Eine Verlängerung ist bei zirka 10 bis 20 Prozent aller Betroffenen nötig.»

Wie Ziltener stellt auch Kurmann fest, dass die Gesellschaft immer sensibler auf Abnormitäten reagiert. «Wir stecken im Dilemma», sagt er. «Einerseits verpflichtet uns das Gesetz zu einer möglichst ­offenen Psychiatrie, die dem Patientenwillen gegenüber früher viel mehr Gewicht gibt. Andererseits verlangt die Öffentlichkeit absolute Sicherheit und will, dass alle, die auffallen, unter Kontrolle sind oder gar weggesperrt werden.»

Psychiatrie wie Kesb werden dafür gerne instrumentalisiert. «Oft stammt der Wunsch, jemanden gegen seinen Willen in eine Klinik einzuliefern, von Nachbarn oder Angehörigen, weil sie mit der Situation überfordert sind», sagt ­Ziltener von der Kesb Willisau-Wiggertal. Kurmann ergänzt: Seit die Psychiatrie existiere, gebe es die Tendenz, dass man Kliniken Aufgaben aufbürde, die eigentlich auf der gesellschaftspolitischen Ebene gelöst werden sollten. «Wir haben oft fremdgefährdende Menschen bei uns, ohne psychiatrische Erkrankung im engeren Sinne. Hier fehlen schweizweit entsprechende alternative Angebote.»

Bei jedem zweiten Fall ist die Polizei involviert

In rund der Hälfte aller FU ist letztes Jahr die Luzerner Polizei ausgerückt. «Wird uns eine psychisch auffällige Person gemeldet, nimmt sich eine Patrouille der Sache an», sagt Mediensprecher Kurt Graf. «Die Polizei ist primär für die Sicherheit aller Beteiligten besorgt. Die Begutachtung, ob eine fürsorgerische Unterbringung nötig ist, wird immer von einem zuständigen medizinischen Sachverständigen vorgenommen.» Kommt es zu einem Freiheitsentzug, biete die Polizei «wenn nötig Unterstützung für die Einweisung in eine Klinik».

Ein Blick auf die Statistik der Lups zeigt: Die Zahl der FU steigt. 2013, bei Inkrafttreten des neuen Gesetzes über die fürsorgerische Unterbringung, zählte die Klinik 486 FU. Letztes Jahr waren es über zwei Prozentpunkte mehr – im Vergleich zu 2011 gar über vier Prozentpunkte. Trotzdem will Chefarzt Kurmann nicht von einem Aufwärtstrend sprechen. «Ob die Zunahme signifikant ist, müsste statistisch überprüft werden. Gemessen an allen Eintritten in der Erwachsenen­psychiatrie, dürfte sich der Anteil fürsorgerischer Unterbringungen zwischen 20 und 25 Prozent einpendeln.» Gleichwohl gibt es Gründe, die für eine Zunahme sprechen. «Nach dem neuen Gesetz muss jeder urteilsunfähige Patient per FU in eine Klinik eingewiesen werden. Per ­Definition zählen dazu auch Demenzkranke. Diese hat man vorher als sogenannt freiwillige Patienten betreut.» Weiter spiele die Notfallversorgung eine Rolle. «Früher war die ärztliche Notfallversorgung an die regional tätigen Hausärzte und an die Notfallpsychiater gebunden, diese kannten die Versorgungsstrukturen besser. Heute sind die zuweisenden Ärzte über das regionale Versorgungsnetz teilweise zu wenig im Bilde und machen deshalb eher häufiger einen FU.»

Mit einer Stärkung der ambulanten Versorgung liessen sich FU womöglich vermeiden. «Denn je eher einem Patienten Hilfe angeboten werden kann und je fachkompetenter diese ist, desto seltener werden notfallmässige FU-Einweisungen.» Wie Aldo Kramis von der Ärzte­gesellschaft des Kantons Luzern (siehe «Nachgefragt») erwähnt auch Julius Kurmann die problematischen Wartezeiten: «Sind ambulante Angebote nicht zeitnah verfügbar, kommt es häufiger zu stationären Wiedereintritten.»


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