Ruhe in Frieden, Nostradamus (*1982, † 2016)

PROZESSION ⋅ Nostradamus ist ein Begriff in der Lozärner Fasnacht. Doch dieses Jahr trägt sich die Gruppe selbst zu Grabe. Eine Prozession zu Ehren ihres Namensgebers.

08. Februar 2016, 05:00

Das Ende naht, die schöne Zeit, zum Untergang ist sie geweiht. Lass uns durch die letzten Tage treiben, die Erinnerung wird für immer bleiben.» Dieses Grusswort steht auf der Website www.noster.ch. Das lässt aufhorchen. Denn hier geht es nicht um den legendären Propheten Nostradamus (1503–1566), sondern um eine Fasnachtsformation erster Güte.

Die Gruppe Nostradamus trägt sich am Wey-Umzug vom Montag selbst zu Grabe. Für die 15-Personen Gruppe ist es der letzte Gassenauftritt.

Noster Ari (Heinz Aregger), der Verfasser der Zeilen, wird konkreter: «Wir tragen uns selber zu Grabe.» Und Noster Basil (Basil Koch) ergänzt: «Das Alter, das Alter, auch wir bleiben davon nicht verschont. Doch nicht wie andere brauchen wir ein Jubiläum dazu, uns reichen 34 Jahre.»

Die 15-Mann-Truppe bestehe aus drei bereits Pensionierten, und der Rest sei nicht etwa U 50, sondern meist Ü 60. Einzig Jungnoster Marco (Marco Thommann) könne erst zarte 40 Jahre vorweisen, versichern die Nosterbrüder mit ernster Miene. Privat haben einige Nosters schon für Nachwuchs gesorgt, sind auch gemeinsam in die Ferien und treffen sich monatlich am Stamm, wie Noster Scarli (Peter Schärli) erzählt. Bei der Fasnachtsgruppe Nostradamus habe man jedoch bewusst auf Nachwuchsförderung verzichtet. Scarli: «Wir haben eine eigene Art, das ist nicht jedermanns Sache. Ich denke, dass ‹Junge› unseren Witz nicht verstehen.»

Pompösen Abgang zelebrieren

Der letzte Gassenauftritt der Bruderschaft zu Nostradamus ist eine sizilianische Prozession. Zuvorderst geht der Fahnenträger, ihm folgen zwei Römer, dann kommt der Bischof, geschützt durch einen Baldachin. Diesen tragen vier schwarz gekleidete Messdiener, dahinter wird von zwei Nosters die Sänfte mit der silbernen Büste von Nostradamus getragen. Es folgt der Bürgermeister zusammen mit einem Carabiniere und der trauernden Witwe. Zu guter Letzt fährt der Prozessionswagen mit weissen Hortensien und Nelken geschmückt, auf dem fünf illustre Gestalte posieren. Auf dem Wagen befinden sich Zeugen aus der Vergangenheit: der Gardist, der Untote, ein Gott, der Venezianer und der König.

Die Gruppe Nostradamus wurde 1982 gegründet. Besonders in den ersten zwölf Jahren ihres Bestehens sind sie mit düster, klerikalen Auftritten aufgefallen. Sie setzten Themen um wie Prophezeiung, Weltuntergang oder Kreuzzüge und machten damit ihren Namen zum Programm. Es folgten weniger düstere Sujets. Einmal schelmisch, einmal stoisch ernst, doch immer mit einer Portion Mystik versehen. Die aufwendigen Kostüme erstellt jeder Bruder in Eigenregie. Das braucht Zeit. Damit wird meist schon im Sommer begonnen.

15 Präsidenten

In den Jahren 1983 bis 2003 fertigte der Luzerner Grafiker Siegfried «Sigi» Widmer für jede Fasnacht eine handsignierte Radierung an. Die 15-Mann-Truppe kennt übrigens keinen Chef. Bei der Nosterbruderschaft gibt es gleich 15 Präsidenten, und zwar alle gleichzeitig. «Das hat seine Berechtigung. Wir haben alle verschiedene Berufe, sind Pensionäre, Architekten, Stromer, Maler, Töffbauer oder IT-Spezialist. Wer soll da das Sagen haben?», erklärt Noster Bill (Daniel Schwyzer). Bei den Nosters mache eben jeder das, was er am besten könne, und Chef könnten eben alle.

Nostradamus ist keine Guuggenmusig im traditionellen Sinn. Instrumente sucht man vergebens. Das heisst aber nicht, dass sie lautlos durch die Gassen ziehen – im Gegenteil. Zum Sujet wurde immer die passende Musik ausgewählt, heuer ist es sizilianische Prozessionsmusik.

Letzte Hand legt der Zahnarzt an

Die Masken formt Noster Richi (Erich Z’Graggen): «Früher arbeitete ich noch mit Pappmaché und Schubimehl. Jetzt habe ich ein spezielles Material aus zwei Komponenten, einen Acrylkunststoff, der extrem gut formbar ist. Das ist einfacher als früher.»

Für die Grende wird jedes Jahr eine Grundidee entwickelt. Dieses Jahr stammt sie aus dem Römischen Reich und hat einen klerikalen Touch. Ist der Rohgrend gefertigt, wird jedem einzelnen einen eigenen Charakter verpasst. So ist etwa der Bischof von seinem ausschweifenden Leben gezeichnet und erhält deshalb eine schwülstige Unterlippe. Oder die Römerin Johanna wird trotz mädchenhaften Zöpfen auf erwachsene 19 Lenze getrimmt, und die Trauerwitwe wird mit der nötigen Grazie versehen.

Für den Finish gehen dann alle Masken nochmals durch die Hände von Noster Richi, der im richtigen Leben Zahnarzt von Beruf ist. Mit ruhiger Hand versiegelt er Zahn um Zahn und gibt ihnen den nötigen Glanz.

Auf der Sänfte thront die Büste von Nostradamus. «Das war für mich eine echte Herausforderung gewesen», erzählt Noster Richi und zeigt auf den wallenden Bart: «Das war schwierig, die Haare so hinzubringen, wie sie jetzt sind.»

Prozession durch die Altstadt

Wer den Nostradamus-Zauber zum letzten Mal live erleben will, treibt sich heute in den Altstadtgassen rum oder sieht sich den Wey-Umzug an.

Die Nosters verschwinden aber nicht ganz aus dem fasnächtlichen Treiben. Denn die Noster-Bar im Süesswinkel bleibt bestehen. Und zwischen Schmudo und Aschermittwoch pflegen sie auch weiterhin ihre Männerfreundschaft, sei es mit einer Reise oder einem Grillfest. Noster Basil: «Eine solche Männerfreundschaft, wie wir sie seit Jahrzehnten pflegen, kann man gar nicht auflösen, die bleibt bestehen.»
 

Sandra Monika ZIegler

 


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