SBB lassen Luzern auf Abstellgleis stehen

FAHRPLANWECHSEL ⋅ Ab Dezember soll morgens nur noch ein Zug direkt von Luzern ins Tessin fahren. Die SBB lassen sich vom Verkehrsverbund Luzern nicht von diesem Kurs abbringen. Jetzt verstärken Zentralschweizer Politiker den Druck.

24. September 2016, 05:00

Der Fahrplanentwurf für 2017 hat für Luzern nicht nur Vorteile. Zwar versprechen die SBB einen Zeitgewinn von über 30 Minuten für die Fahrt durch den neuen Gotthard-Basistunnel. Dafür sind ab Dezember nur noch sieben Direktverbindungen von Luzern Richtung Lugano geplant – heute sind es acht. Vor allem am Morgen sollen die Passagiere aus Luzern vermehrt umsteigen. Statt sechs morgendlichen Direktverbindungen soll nur noch eine übrig bleiben: jene um 10.18 Uhr. Der Verkehrsverbund Luzern (VVL) hat sich am 15. Juli mit einem Schreiben an die SBB gewandt. Darin wird unter anderem gefordert, die Verbindung Basel–Luzern (ab 8.18 Uhr)–Erstfeld bis nach Lugano zu verlängern (Ausgabe vom 18. August).

Unserer Zeitung liegt jetzt die Stellungnahme der SBB vor. Zur geforderten Verlängerung schreiben diese: «Die zusätzliche durchgehende Frühverbindung können wir aufgrund der Nachfrage sowie aufgrund der Rollmaterialeinsatzplanung leider nicht anbieten.» Immerhin gebe es am Abend eine zusätzliche, umsteigefreie Spätverbindung. Bezüglich Nachfrage ergebe sich auf der vorhin erwähnten Verbindung (Luzern ab 8.18 Uhr) werktags folgendes Bild: 15 Passagiere ab Basel, 19 ab Olten und 61 ab Luzern. Ab Zürich und Zug hingegen steigen unter der Woche 460 respektive 70 Reisende zu. Müsste diese höhere Zahl in Arth-Goldau umsteigen, stelle das für die SBB «einen nicht akzeptablen Risikofaktor für die Fahrplanstabilität dar».

Hoffnung für Strecke Frankfurt–Luzern–Mailand

Auch von den übrigen Forderungen des VVL wollen die SBB nichts wissen. Der VVL hat beantragt, die internationalen Verbindungen ab Luzern nach Mailand beizubehalten und auszubauen. Auch hier betonen die SBB die geringere Fahrzeit trotz Umsteigen in Arth-Goldau. Zudem werde die Tourismusdestination Luzern-Vierwaldstättersee gestärkt, weil Gäste aus Italien (Abfahrt um 10.15 Uhr in Mailand) direkt nach Luzern gelangen und ebenso direkt zurück (16.18 Uhr ab Luzern). Auch arbeiten die SBB mit den deutschen und italienischen Partnern daran, ab Dezember 2017 eine neue Direktverbindung von Frankfurt am Main via Luzern nach Mailand anzubieten.

Eine weitere Forderung des VVL betrifft das Vorziehen von Infrastrukturausbauten auf der Achse Zürich–Zug–Luzern–Sursee. Hier verweisen die SBB auf das Bundesamt für Verkehr, welches für die Planung des Bahn-Ausbauschritts 2030 zuständig ist. Eine Absage erteilen die SBB dem Anliegen des VVL, die Interregio­züge via Zürich-Enge zusätzlich in Ebikon halten zu lassen.

Der VVL nimmt die Stellungnahme der SBB «zur Kenntnis», sagt Sprecher Christoph Zurflüh. Mit dem Brief habe der VVL kurz-, aber auch langfristige Probleme ansprechen wollen. Was die Gotthardlinie betrifft, seien die gestrichenen Direktverbindungen am Morgen zwar eine Komforteinbusse für die Luzerner Passagiere, dafür sei man schneller im Süden. Angesprochen auf die langfristige Bahnentwicklung meint Zurflüh: «Unsere Region hat von den letzten nationalen Bahnausbauschritten nur marginal profitiert.» Deshalb müssten nun für die Zentralschweiz im kommenden Ausbauschritt 2030 substanzielle Verbesserungen auf dieser Hauptachse enthalten sein. Nächstes Jahr wird der Bundesrat dazu die Vernehmlassungsvorlage verabschieden.

Dass der Ausbau nötig ist, zeigt sich an der bisherigen Entwicklung: Zwischen 2004 und 2015 stieg die Anzahl Fahrgäste auf der Bahnstrecke Emmen­brücke–Luzern im Fern- und Regionalverkehr an einem durchschnittlichen Werktag von 17 900 auf 34 700 – das entspricht einem Wachstum von 94 Prozent.«Es ist uns wichtig, dass SBB und Bund diese Entwicklung auf dem Radar haben und mittelfristig ein adäquates Bahnangebot bereitstellen», so Zurflüh. Denn es sei unbestritten, dass es zum Beispiel auf der Achse Luzern–Zug–Zürich mehr Kapazität brauche. «Wir finden es wichtig, dass die politischen Diskussionen bezüglich Ausbau des Bahnknotens Luzern intensiviert werden.»

Ständerat reicht Interpellation ein

Diesen Ball nimmt der Hitzkircher FDP-Ständerat Damian Müller gerne auf. Mit einer Interpellation will er vom Bundesrat unter anderem wissen, ob die SBB die «essenzielle, touristische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung Luzerns» missachten dürften. Er fragt auch, warum der Bahnknoten Luzern – bezüglich Passagieren der sechstgrösste Schweizer Bahnhof – durch den Fahrplanentwurf geschwächt wird.

Müller deutet auf Anfrage jetzt schon an: «Mit oberflächlichen Antworten gebe ich mich nicht zufrieden.» Derzeit mache es tatsächlich den Anschein, dass SBB und Bund den Bahnknoten absichtlich schwächen. Denn gerade im öffentlichen Verkehr werde die Nachfrage auch durch einen Angebotsausbau geschaffen. «Fakt ist, dass die SBB und der Bund nun spüren müssen, dass wir uns mit der Ausgestaltung des Fahrplans nicht diskriminieren lassen.» Die künftige Entwicklung des Bahnknotens Luzern hängt auch vom Durchgangsbahnhof ab. Hier würden die Politiker intensiv in Bern arbeiten. «Die breite Unterstützung der Unterzeichneten aus Uri, Schwyz, Zug, Baselland, Schaffhausen sowie Ob- und Nidwalden zeigen, dass wir auf dem ­richtigen Weg sind.» Mitunterzeichner der Interpellation sind praktisch alle Zentralschweizer Ständeräte sowie die Tessiner ­Fabio Abate (FDP) und Filippo Lombardi (CVP). Letzte Woche hat bereits die Luzerner CVP-­Nationalrätin Andrea Gmür-Schönenberger ein Postulat eingereicht. In diesem fordert sie den Bundesrat auf, bei den SBB Einfluss zu nehmen, damit die Zentralschweiz nicht vom nationalen und internationalen Bahnverkehrssystem abgehängt wird.

Für den Luzerner Baudirektor Robert Küng (FDP) «ist schwer zu verstehen, dass mit dem Grossbauwerk Neat Luzern zwar 40 Minuten Fahrzeit gewinnt, gleichzeitig aber weniger Direktverbindungen erhält». Er erwarte von den SBB weitere Verbesserungen, spätestens ab Dezember 2017. Es sei auch enttäuschend, dass Luzern bei den letzten Ausbauschritten leer ausging. «Im nächsten Ausbauschritt muss Luzern und damit die Zentralschweiz berücksichtigt werden!» Der politische Einsatz werde nun auf allen Ebenen und über die Parteigrenzen hinweg nochmals verstärkt.

Alexander von Dänikenalexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch


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